Operation Pink Panther

18. Juli 2009, 18:43 Uhr

Eine Bande von Ex-Jugoslawen hat zwischen Hamburg und Tokio über 120 Juweliere überfallen und dabei Schmuck und Uhren im Wert von mehr als 140 Millionen Euro erbeutet. Ihr Vorgehen: abgebrüht und hoch professionell. Nur allmählich kommen die Ermittler den Gangstern auf die Spur. Von Felix Hutt

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Juwelenraub, gangster, Pink Panther, Räuber, Zoran Kostic, Nikola Ivanovic

Paulchen Panther, ewig verfolgt von Inspektor Clouseau, so wie hier in "Der rosarote Panther wird gejagt". Die Filmreihe um spektakuläre Juwelenraube gab der Bande ihren Namen©

Am Nachmittag des 5. Mai 2009 steht ein Mann vor der Tür des Juweliers "A l'Emeraude" in Lausanne. Er hat kurze schwarze Haare, trägt Hemd, dunkle Krawatte, macht einen seriösen Eindruck. Niemand hat ihn hier schon mal gesehen. Hinter den Schaufenstern des JuJuweliers funkeln Diamanten von H. Stern und und Dior, neben den Hochkarätern liegen Uhren von Jaeger-LeCoultre, Hublot, Panerai und Patek Philippe.

Der vermeintlich seriöse Kunde heißt Nikola Ivanovic, 36, er klingelt um 16.55 Uhr, der Eigentümer lässt ihn herein. Ivanovic spricht gebrochenes Französisch, er sagt freundlich "Bonjour", da klingelt es noch einmal, wieder steht ein Mann mit Krawatte vor der Tür. Ivanovic sagt, er habe sein Portemonnaie im Auto vergessen, und öffnet die Tür. Der zweite Mann tritt ein, er heißt Zoran Kostic, 39, er ist Ivanovics Komplize.

Die zwei Männer ziehen Revolver und scheuchen den Eigentümer und seine Angestellten in ein Nebenzimmer, wo sie sich auf den Boden legen müssen. Die Ganoven sind gut vorbereitet, sie wissen, dass sich die Eingangstür bei Alarm verriegelt, deshalb stellen sie eine Aktentasche in die Tür. Sie wissen, wie viel Zeit sie haben, bis die Polizei kommt, und in welche Richtung sie flüchten müssen, um nicht erwischt zu werden. Sie arbeiten so präzise wie die teuren Uhren, die sie in ihre Taschen gleiten lassen. Ohne Hektik, ohne Geschrei, ohne Verletzte, ohne Tote.

Kinoreife Überfälle

Der Überfall dauert eine Minute und 47 Sekunden, rein und raus und weg, ihre Beute: 94 Uhren im Wert von mehr als zwei Millionen Schweizer Franken, rund 1,3 Millionen Euro. Die Polizei kommt eine Minute zu spät. Wieder einmal waren die Pink Panther schneller als ihre Jäger.

"Jäger", "Pink Panther": Das klingt nach Inspektor Clouseau, nach Peter Sellers, nach einer lustigen rosaroten Cartoon-Figur, nach großem Kino. Doch die Pink Panther, um die es in dieser Geschichte geht, sind Räuber aus Osteuropa, auf ihre Art auch großes Kino, aber eben sehr gefährlich. Die Gang aus dem ehemaligen Jugoslawien hat in den vergangenen zehn Jahren über 120 Juweliere weltweit überfallen und dabei Schmuck und Uhren im Wert von mehr als 140 Millionen Euro erbeutet.

Ihren Namen erhielten die Pink Panther nach einem ihrer ersten Überfälle in der Londoner Bond Street, als sie einen Diamantring, mehr als eine halbe Million Euro wert, in einer Dose mit Gesichtscreme versteckten, wie im "Pink Panther"-Film mit David Niven und Peter Sellers von 1963. Ein Scotland-Yard-Beamter gab ihnen daraufhin den Namen.

Die Anführer des Clans

Einen Tag nach dem Überfall von Lausanne bekommt Joachim Kledtke, 49, einen Anruf von der Polizei aus der Schweiz. Kledtke ist Kriminalhauptkommissar beim Landeskriminalamt Nordrhein- Westfalen in Düsseldorf, Dezernat 11, organisierte Kriminalität. Seit drei Jahren ermittelt seine Abteilung gegen die Pink Panther. Die zwei Täter, die gestern den Juwelier "A l'Emeraude" überfallen haben, seien unmaskiert gewesen, berichtet der Kollege aus der Schweiz, alle Indizien sprächen für einen Pink-Panther-Überfall. Ob Kledtke sich die Bilder der Überwachungskamera ansehen und bei der Identifizierung helfen könne?

Kledtke kann, er erkennt Kostic und Ivanovic sofort, die zwei werden auch in Deutschland gesucht. Gegen Kostic liegt ein Haftbefehl der Staatsanwaltschaft Frankfurt vor, Aktenzeichen 3390JF210391/04, er hat am 29. Dezember 2003 mit zwei Komplizen Juwelier Wempe in der Frankfurter Goethestraße überfallen und Uhren im Wert von etwa zwei Millionen Euro gestohlen. Für Ivanovic, der in Deutschland unter dem Namen Nennad Jovovic gelebt hat, interessiert sich die Staatsanwaltschaft Köln. Sie hat am 6. März 2009 unter dem Aktenzeichen 107JS55/08 einen Haftbefehl gegen ihn erlassen, weil er die Juweliere Laerbusch in Mülheim und Gadebusch in Köln überfallen hat. Kostic und Ivanovic: Sie gelten als Bosse im Pink-Panther-Netzwerk.

Ein Netzwerk, das für Fahnder wie Kledtke schwer zu durchschauen ist. Die Pink Panther operieren nicht aus einer geschlossenen Gruppe heraus, sondern sind weltweit in Zellen organisiert, die sich nach einem nicht erkennbaren System immer wieder neu zusammenfinden, um ihre Überfälle auszuführen. Interpol schätzt die Bande auf circa 200 Mitglieder. Es gibt keine Hierarchie wie in der Mafia, sondern nur ein paar Anführer, die für ihre Überfälle Handlanger engagieren, um zum Beispiel Fluchtwagen zu stehlen oder Unterkünfte zu organisieren. Fest steht, dass Bosse wie Kostic und Ivanovic durch die Pink Panther reich wurden, die Handlanger dagegen bekommen für ihre Dienste niedrige vierstellige Summen.

Perfekt durchdacht

Die Ermittler durchschauen nicht, welche Untergruppen der Pink Panther miteinander in Kontakt stehen - nur dass sie es tun, dafür sprechen die immer wieder neu zusammengestellten Teams. Zwar kennt die Polizei die Köpfe der Bande, aber sie kann kein Organigramm zeichnen, die Mitgliederstruktur ist zu unübersichtlich. Klar ist, dass die meisten aus Serbien oder Montenegro kommen und ihre Heimatländer nach den Überfällen häufig als Rückzugsort wählen, weil sie sich dort vor Strafverfolgung sicher fühlen.

Von einigen der inzwischen verhafteten Mitglieder wissen die Ermittler, dass viele Pink Panther eine militärische Ausbildung haben, mit Waffen umgehen können, kampferprobt sind. Die meisten leben seit Langem im Ausland, sind vielsprachig und gelten als intelligent. "Ihre Überfälle sind sehr durchdacht ausgeführt", sagt Kledtke, "die Logistik, Vorbereitung, Durchführung und Flucht ist bis auf die Sekunde geplant." Und die Pink Panther legen großen Wert darauf, dass ihre Überfälle cool aussehen, großes Kino eben.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 29/2009

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