"Ich fühlte mich ohne Prothesen verletzlich"

19. Februar 2013, 15:04 Uhr

Mordanklage gegen Oscar Pistorius: Die Staatsanwaltschaft sieht ein klares Motiv für die Schüsse auf seine Freundin. Der Sportler beteuert unter Eid, Reeva Steenkamp versehentlich getötet zu haben.

Das Drama um den Tod der Freundin von Südafrikas Sprintstar Oscar Pistorius bleibt bedrückend: Während Reeva Steenkamp am Dienstag in ihrer Heimatstadt beigesetzt wurde, beteuerte Pistorius in einer eidesstattlichen Erklärung vor Gericht in Pretoria, er habe das Fotomodell versehentlich erschossen. Die Staatsanwaltschaft hält jedoch an ihrer Mordanklage fest.

Bei dem bis Mittwoch angesetzten Verfahren in Pretoria geht es allein um die Frage, ob Pistorius auf Kaution freikommt. Die Staatsanwaltschaft lehnte den Antrag der Anwälte ab. Pistorius habe seine Freundin am Valentinstag vorsätzlich getötet, sagte Staatsanwalt Gerrie Nel. Er habe seine Prothesen angezogen, sei bis zum verschlossenen Badezimmer gelaufen und habe seine Freundin durch die verschlossene Tür erschossen. Laut Anklage feuerte Pistorius vier Schüsse ab, drei davon trafen seine Freundin und verletzten sie tödlich. "Er hat eine unbewaffnete, unschuldige Frau erschossen und getötet", sagte Nel.

Pistorius: "Wir konnten nicht glücklicher sein"

Der beinamputierte Pistorius, der als Sprinter auf Prothesen zum Star wurde, hatte Steenkamp am frühen Morgen des Valentinstags in seinem Haus in einem Nobelvorort von Pretoria erschossen. In einer eidesstattlichen Erklärung wies er die Mordvorwürfe der Staatsanwaltschaft "entschieden" zurück. Er habe sie für einen Einbrecher gehalten. Reeva habe mit ihm die Nacht verbracht. "Wir waren sehr verliebt. Wir konnten nicht glücklicher sein", las Pistorius' Anwalt Barry Roux aus der eidesstattlichen Erklärung vor.

Doch dann habe er nachts jemanden in der Toilette gehört. Er sei schon einmal Opfer von Gewalt gewesen und habe deshalb stets ein Gewehr unter seinem Bett. "Ich hatte schreckliche Angst und fühlte mich ohne meine Prothesen sehr verletzlich. Ich schoss durch die geschlossene Tür und schrie". Bereits während der Ausführungen des Staatsanwalts war Pistorius in Tränen ausgebrochen. Während der Verlesung der eidesstattlichen Erklärung verlor der 26-Jährige so sehr die Fassung, dass Richter Desmond Nair die Sitzung kurz unterbrechen musste. Kurze Zeit später vertagte er sie auf Mittwoch.

Staatsanwalt Nel spricht von einem klaren Motiv

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor Pistorius ein klares Mordmotiv unterstellt. Es gebe keine Hinweise, die Pistorius' Darstellung unterstützten, er habe einen Einbrecher vermutet. Diese Version habe der Sportler unmittelbar nach der Tat seiner Schwester geschildert, sagte Staatsanwalt Nel. "Wenn ich mich bewaffne, einen Weg zurücklege und einen Menschen ermorde, dann ist das Vorsatz", sagte Nel. "Die Tür ist geschlossen. Daran besteht kein Zweifel. Ich gehe sieben Meter, und ich töte. Das Motiv ist: 'Ich will töten.' So war es und nicht anders."

Die Verteidigung hatte argumentiert, dass es sich nicht um einen Mord handele, sondern um Totschlag. Nicht immer, wenn jemand zur Waffe greife, handele es sich um einen Mord, sagte der Anwalt Barry Roux. Pistorius habe gedacht, er schieße auf einen Einbrecher. Der Vorwurf des "vorsätzlichen Mordes" sei eine "Ungerechtigkeit". "Alles, was wir wissen, ist, dass sie sich im Bad eingeschlossen hat und dass sie erschossen wurde", sagte Roux. Die Verteidiger plädieren für eine Anklage wegen Mordes in einem minder schweren Fall, was im deutschen Recht Totschlag entspräche.

Großer Andrang bei Anhörung

Die auf zwei Tage angesetzte Verhandlung begann am Dienstagvormittag in einem völlig überfüllten Saal des Magistratsgerichts. In dem Saal, der nur für etwa 40 Zuschauer vorgesehen ist, drängelten sich weit mehr als 100 Menschen, vor allem Journalisten. Anwesend waren auch der Vater des Beschuldigten, Henke Pistorius, und die Geschwister des Athleten, Aimee und Carl.

Pistorius, der bereits vor sieben Uhr am Morgen aus der Polizeihaft ins Gerichtsgebäude gebracht worden war, wird von renommierten Juristen und Experten unterstützt. Zu ihnen zählen der Staranwalt Kenny Oldwage, der britische Medienberater Stuart Higgins und der südafrikanische Forensiker Reggie Perumal.

Trauerfeier für Reeva Steenkamp

Unter großer Anteilnahme wurde unterdessen das Opfer, Reeva Steenkamp, in Port Elizabeth eingeäschert. Nur etwa 90 Menschen durften auf Einladung der Familie an der Gedenkfeier in der Kirche des Victoria-Park-Friedhofs teilnehmen. Zahlreiche Menschen versammelten sich in der Küstenstadt. Unter ihre Trauer mischte sich Wut. "Was er getan hat, ist abscheulich", sagte Gavin Venter, der für Steenkamps Vater arbeitete. "Er verdient eine harte Strafe. Ohne Zweifel ist er eine Gefahr für die Öffentlichkeit."

Der Bruder der Toten, Adam Steenkamp, sagte mit tränenerstickter Stimme: "Sie hinterlässt eine große Lücke bei allen Menschen, die sie kannten. Wir werden all das Positive in Erinnerung behalten, das wir von meiner Schwester kennen. Wir werden sie vermissen."

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