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2. September 2011, 17:54 Uhr

Kein Frieden um die Taube

Ein aktuelles Urteil hat den alten Krieg um die Stadttaube wieder neu entflammt: Die einen sehen in ihr nach wie vor ein possierliches Tierchen, andere hingegen hassen die "Ratte der Lüfte". Von Anna Miller

Tauben, Hass, Debatte, Gesetz

Dutzende Tauben balgen sich in Wiesbaden um ein paar Körner© Boris Roessler/DPA

Die Ratten der Lüfte bekommen Gegenwind: der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat entschieden, dass Stadttauben getötet werden können, wenn deren zu viele herumschwirren. Rechtskräftig ist das Urteil zwar noch nicht - aber die Debatte darüber, ob Tauben Schädlinge sind, ist neu entflammt. Fest steht nur eines: Stadttauben quälen viele Menschen. Manche so sehr, dass sie die Abschusserlaubnis vorweg nehmen. Doch da wäre man ein Leben lang beschäftigt: Nach Schätzungen des Naturschutzbundes Deutschland leben weltweit 500 Millionen Tauben in den Städten. Bewohner ärgern sich über Dreck, Lärm und Gestank und fürchten Krankheiten. In Berlin und München beispielsweise beläuft sich die Anzahl der Stadttauben auf 40.000. Bis zu zwölf Kilo Kot produziert eine einzelne Taube im Jahr. Da kommt ein ganzer Haufen Scheiße zusammen - genauer gesagt 480 Tonnen allein in Berlin.

Kot, Schmutz und Krankheiten

Der Kot regnet denn auch ab und an auf Denkmäler herab. Ein großes Ärgernis für die Denkmalpfleger. "Zurzeit werden Denkmäler in Hamburg nicht gereinigt, weil sich schlicht keiner kümmert", sagt Helmuth Barth vom Denkmalverein Hamburg. Die Tauben seien ein Problem, da sich präventiv nichts machen ließe. "Die Population hat stark zugenommen. Wir hätten nichts dagegen, wenn die Tiere zum Abschuss freigegeben würden. Oder vergiftet würden", so Barth. Der Denkmalverein verhandle derzeit mit der Stadt um neue Wartungsverträge, die eine jährliche Reinigung der Denkmäler vorsehe.

"Die Toleranz ist gering"

Tauben sind außerdem Krankheitsträger. "Menschen können bei Berührung mit den Tieren oder ihrem Kot an Salmonellen erkranken", sagt Gerd Bauschmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Staatlichen Vogelschutzwarte in Frankfurt. Auch Zeckenbefall sei möglich. Aus ökologischen Gründen könne er nichts gegen einen Abschuss der Tiere einwenden. "Die Art ist nicht vom Aussterben bedroht. Auch mit einer Abschuss-Regelung gäbe es noch genügend Stadttauben", so der Mitarbeiter. Doch sollte generell eine tierfreundliche Variante zur Regulierung bevorzugt werden. "Taubenhäuser sind eine gute Regulierungsmöglichkeit. Den brütenden Tieren werden die Eier entzogen und der Populationsanstieg so eingedämmt."

Für Bauschmann ist klar: Die Stadttaube spaltet die Nation. "Die Toleranz gegenüber Tauben ist bei vielen sehr gering." Das liege aber auch daran, dass die Menschen heute generell naturfremd geworden seien. "Wir erhalten empörte Anrufe, weil eine Amsel vor dem Fenster singt", so der Mitarbeiter der Vogelschutzwarte. "Straßenlärm scheint besser anzukommen als Vogelgesang."

Kindchenschema und Tierbonus

Trotzdem seien viele Menschen Freunde der Stadttauben. "Wenn da wirklich ein Gesetz zum Abschuss kommen würde, ginge ein Aufschrei durch die Bevölkerung." Die Taube sei auch wegen ihres Aussehens beliebt, ist er sich sicher. "Der kleine Kopf entspricht dem klassischen Kindchenschema in der Psychologie." Da trete Beschützerinstinkt zutage.

Für die Tierschützerin Elisabeth Petras haben die Gegner alle einen Vogel. "Tauben abzuschießen, ist absoluter Schwachsinn und unhuman", sagt die Vorsitzende des politischen Arbeitskreises für Tierrechte in Europa (PAKT). Sie kämpft dafür, dass das Fütterungsverbot für Tauben in Hamburg wieder aufgehoben wird. Und sieht den Tierschutz als Staatsziel. "Der Senat sollte Gelder zur Verfügung stellen, um den Bestand der Tauben auf eine tierfreundliche Art zu reduzieren", sagt sie. Und sie prangert eine regelrechte Hatz auf Taubenfütterer an: "Das erinnert mich an das alte Denunziationswesen aus der Nazizeit. Unschuldige alte Leute werden angezeigt, ihnen werden die Futtertüten aus der Hand gerissen", so Petras. Für sie ginge mit dem Schutz der Tauben nichts weniger als "die Wiederherstellung des sozialen Friedens in der Stadt" einher.

Taubenkot ist pH-neutral - immerhin

Dass der Kot der Tauben ganze Gebäude verunreinigt oder gar denkmalgeschützten Sandstein beschädigt, findet auch Petras nicht gut. Aber: "Taubenkot ist basisch." Wenn die Tauben artgerecht mit Körnern gefüttert werden, dann sei das alles kein Problem. "Wenn sie aber Pommes und dergleichen fressen, dann kann der Kot der Tiere ätzend werden und das Gemäuer angreifen", glaubt die PAKT-Vorsitzende.

Das Veterinäramt des Landkreises Limburg-Weilburg lässt sich indes nicht zu einer Entscheidung drängen. "Wir werden im Laufe der nächsten Woche beraten, ab welcher Größenordnung die Stadttauben unter den Begriff Schädlinge fallen", heißt es. "Wir sind ja Pioniere auf diesem Gebiet. Diese Frage stellt sich ganz neu", sagt der Amtsleiter stern.de.

Fest steht, egal, ob wir die Tauben nun alle hassen oder sie lieben: Den Dreck haben wir uns selbst eingebrockt. Denn die Taube wurde durch den Menschen domestiziert - und solange man sie regelmäßig auf dem Teller hatte, meckerte ja auch keiner.

Von Anna Miller
 
 
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