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25. September 2007, 10:31 Uhr

"Raus aus dieser passiven Rolle"

Es ist ein einmaliges Experiment: Zehn Freiburger Schüler haben sich nach der zwölften Jahrgangsstufe einfach von der Schule abgemeldet - und sich ihre Abiturvorbereitung völlig autonom organisiert. Im stern.de-Interview berichtet einer von ihnen, wie die Aussteiger ihr Lernen organisieren, wie sie Lehrer zahlen - und was die Eltern dazu sagen.

Diese Schüler lassen ein Jahr die Schule sausen und lernen völlig autonom für das Abitur© methodos-freiburg.de

Alwin Franke, 18, aus Freiburg, ist einer von zehn Schülern, die einen bundesweit einmaligen Versuch wagen: Sie wollen sich optimal aufs Abitur vorbereiten - und verzichten deshalb ein Jahr lang auf die Schule.

Wie muss man sich das Abi ohne Schule vorstellen?

Wir haben uns nach Klasse zwölf von unseren Schulen abgemeldet und einen Raum im evangelischen Gemeindehaus im Zentrum von Freiburg gemietet. Dort gibt es eine Tafel, ein paar Tische und Stühle, einen Computer mit Internetzugang für Recherchen und einen Overheadprojektor, das reicht. Wir treffen uns jeden Morgen um neun und lernen bis 17 Uhr. Am Samstag ist gegen zwei Schluss. Den Sonntag haben wir frei.

Einer Ihrer Lehrer hat gesagt, Sie hätten sich den steinigsten Weg zum Abitur ausgewählt. Hat er Recht?

Ja. Wir klinken uns zwar ein Jahr lang aus dem Schulbetrieb aus und schreiben in dieser Zeit keine Klausuren, die zum Abi zählen. Wir haben allerdings das wesentlich härtere Abitur: Neben den vier schriftlichen Prüfungen werden wir - statt in zwei - in acht Fächern mündlich geprüft.

Könnte jeder kurz vor dem Abi ein Jahr aussteigen und auf eigene Faust büffeln?

Wir hatten zwei Schüler von staatlichen Gymnasien in der Gruppe, die sind inzwischen wieder auf ihre Schulen zurückgekehrt. Die Auflagen für sie sind sehr streng. Sie durften nicht mitmachen, weil sie letztes Jahr Klasse zwölf besucht und dort schon einen Teil des Abis geschrieben haben. Sie hätten noch ein Jahr warten müssen. Die so genannte Schulfremdenprüfung ist vor allem für Schulabbrecher und Berufstätige gedacht, die ihr Abi nachholen wollen. Wir übrigen sind Waldorfschüler. Für uns ist es nicht so kompliziert, weil wir in der zwölften Klasse ohnehin keine Zensuren bekommen, die in die Abinote einfließen.

Gerade die Waldorfschulen sehen sich doch als Reformschulen. Was ist der Grund für Ihre Schulrevolte?

In der Oberstufe unterscheiden sich die Waldorfschulen nicht mehr sehr von den staatlichen Schulen. Wir hatten ein strammes Korsett mit Dreiviertelstundentakt, viel Frontalunterricht, Stoff, den die Lehrer für uns aufbereitet hatten. Es gab Lehrer an meiner Schule, die offen sind für Reformen, aber es ist sehr schwierig, ein Kollegium von dreißig Lehrern zu überzeugen, dass man etwas grundlegend anders machen will.

Was genau wollten Sie denn anders machen?

Wir wollen anders lernen. Wir wollen Dinge eigenständig erarbeiten statt sie nur widerzukäuen. Wir wollten raus aus dieser passiven Schülerrolle.

Kratzen Sie damit auch an der Rolle der Lehrer?

Genau. Statt dozierender Pädagogen, die alle Verantwortung übernehmen, wollen wir Lehrer, die uns zeigen, wie man Dinge selbständig erlernt. Das wird von uns später auch im Studium oder im Job verlangt.

Der Lehrer als Lernberater also?

Ja. Ein guter Lehrer schafft sich mit der Zeit selbst ab, das heißt, er nimmt sich immer mehr zurück. Das alte Rollenschema sitzt aber sehr tief.

Sie haben jetzt neun Privatlehrer. Wer hat die angestellt, Ihre Eltern?

Nein, wir selbst.

Wie geht das?

Wir mussten einen Verein gründen. Wir Schüler sind aktive Mitglieder, Eltern und Lehrer sind fördernde Mitglieder. Sie haben aber kein Stimmrecht, das war uns wichtig.

Warum?

So lange sich alle gut verstehen, braucht man keine Verträge. Die dienen nur für den Konfliktfall. Dann aber wollen wir sicher gehen, dass wir die Dinge steuern und nicht die Lehrer.

Das klingt sehr selbstbewusst. Wie sah der Rollentausch denn bei den Vorstellungsgesprächen aus?

Also das darf man sich nicht vorstellen, dass da zehn Chefs sitzen und vor ihnen sitzt ein Lehrer, der unbedingt Arbeit braucht.

Wie dann?

Wir suchten für jedes Fach einen Pädagogen, aber nur auf Stundenbasis. Die Lehrer können ihren Hauptjob an der Schule weiter machen und müssen sich den Unterricht als Nebentätigkeit genehmigen lassen. Dennoch musste die Chemie natürlich stimmen. Wir hatten übrigens keinen Mangel an Bewerbern...

Was konnten Sie bieten? Die üblichen Beamtengehälter?

Viel weniger. Wir zahlen 25 Euro netto pro Stunde, das sind je nach Steuerklasse 30 bis 40 Euro brutto.

Wen bekommt man dafür? Einsteiger?

Nein, alle Lehrer haben Erfahrung mit Abitursklassen, sechs unterrichten an staatlichen Gymnasien. Sie interessierte weniger das Geld, sondern vor allem: Wie sieht meine Rolle bei Euch aus?

Lernen Sie auch ohne Lehrer?

Ja, sogar die meiste Zeit. Jeder Schüler erarbeitet sich den Stoff, dann diskutieren wir in der Gruppe, zum Schluss simulieren wir eine mündliche Prüfungssituation, dazu brauchen wir den Lehrer. Nur in den Fremdsprachen und Mathe ist fast ständig ein Lehrer dabei.

Was lernen Sie über den Stoff hinaus? Unglaublich viel. Keiner von uns hätte sich in der Schule für ein dröges Thema wie eine Steuerkalkulation interessiert. Jetzt brauchen wir die, um die Gehälter für die Lehrer zu berechnen. Wir mussten in den letzten Monaten mit Behörden verhandeln, einen Raum anmieten, die rechtliche Seite einer Vereinsgründung klären, Geldgeber suchen. Sobald die Dinge konkret werden, werden sie unglaublich spannend. Das Wichtigste ist aber, dass wir gelernt haben, wie man Verantwortung übernimmt. In der Schule ist es doch wurst, wenn du eine Hausarbeit versaust. Die schlechte Note kümmert keinen außer dich selbst. Wenn von uns zehn aber einer bei seinen Vorbereitungen schlampt oder zu spät kommt, hängen noch neun andere dran. Da entwickelt man eine ganz andere Arbeitsdisziplin. Sind alle in der Gruppe etwa gleich gut? Nein, das Niveau ist sehr unterschiedlich, das macht aber nichts. Wir haben vereinbart, dass wir keine Einzelkämpfer sein wollen, sondern einander helfen. Nur so macht unser Projekt Sinn. Wir haben große Unterrichtsblöcke, beispielsweise vier Stunden Mathe hintereinander, da ist genug Zeit, dass der eine mal mit dem anderen in den Nebenraum geht und ihm eine Sache erklärt. Ich habe übrigens selten mehr gelernt als beim Erklären.

Wie fanden Ihre Eltern die Idee?

Die waren skeptisch. Ich bin der Jüngste von vier Geschwistern, die alle eine Waldorfschule besuchten. Meine Eltern waren zwar nicht zufrieden mit dem, was die Schule aus dem Potenzial der Schüler in der Oberstufe macht, aber dennoch hätten sie es in Ordnung gefunden, dass ich das letzte Jahr durchgezogen hätte. Doch ich sagte, wenn wir eine Idee haben, die uns viel mehr bringt als die Schule abzusitzen, warum sollen wir sie nicht ausprobieren?

Was waren ihre Einwände?

Sie sind Kunsthandwerker und haben ein kleines Unternehmen. Sie hatten ganz praktische Fragen. Die Fragen unserer Eltern waren für uns dann so eine Art Checkliste.

Zum Beispiel?

Wie der Unterricht aussieht, woher wir das Geld nehmen wollen.

Woher nehmen Sie es?

Lehrer und Miete kosten uns in diesem Jahr insgesamt 50.000 Euro. Die Bank hat uns einen großzügigen Dispo eingeräumt, wir mussten aber Bürgen liefern - Eltern, Verwandte, Bekannte - weil wir kein Einkommen haben. 15.000 Euro bekommen wir von den Eltern, das entspricht etwa dem Schulgeld, das sie sonst für eine Waldorfschule bezahlen würden. Weitere 15.000 Euro gaben uns Sponsoren, die kamen einfach auf uns zu. Die restlichen 20.000 hoffen wir ebenfalls über Sponsoren oder Fördergelder abzudecken. Sollte das nicht klappen, teilen wir die Schulden untereinander auf, schlimmstenfalls sind das noch 2000 Euro pro Nase, die arbeiten wir nach dem Abi ab.

Wer etwas riskiert, kann auch scheitern. Was ist, wenn Sie das Abi nicht schaffen?

Das wäre ein großes Ärgernis, aber damit rechnet keiner ernstlich.

Der müsste dann zurück auf die Schule...

... oder er probiert es noch mal auf eigene Faust. Warum nicht? Es gibt schon jetzt Interessenten für den nächsten Abi-Jahrgang. Unser Know how geben wir gern weiter.

Interview: Ingrid Eißele
 
 
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Abi Abitur Faust Freiburg Gemeindehaus Stühle Tafel
KOMMENTARE (10 von 10)
 
tripex (27.09.2007, 03:27 Uhr)
Also mal ganz ehrlich dosenoeffner
"Ein guter Lehrer kann in zehn Minuten mehr Wissen vermitteln als man sich selber in zehn Stunden erarbeiten könnte."
Das stimmt schon, wenn auch nicht in diesem Verhaeltnis, ABER wo sind denn die guten motivierten Lehrer heute in Deutschland? Beim Studium waren unter 20? (eher mehr) ganze 2 Professoren, denen ich das Praedikat "gut" fuer motiviertes Lehren geben wuerde. Meine Schulzeit liegt zwar noch laenger zurueck, aber auch da waren es nur 2 Lehrer an die ich mich positiv erinnern kann, einer davon ein Referendar. Ich kann schon verstehen, dass einigen besonders wissensdurstigen das zu wenig ist. Was meiner Meinung nach Abhilfe schaffen koennte ist ein finanzielles Anreizsystem gekoppelt an Schuelerbewertungen.
Corky (27.09.2007, 00:17 Uhr)
Prima Projekt
Ich finde es ein super Projekt und hoffe das die Schueler das ganze durchziehen und ein erfolgreich ihr Abitur bestehen.
Somit lernen die 10 Personen selbststaendig und miteinander zu lernen und Verantwortung zu uebernehmen. Ich selber mache mein Fachabitur ueber einen Fernkurs und weis wieviel selbstdisziplin es benoetigt sich Stoff selber beizubringen - keiner steht dahinter und sagt macht doch bitte eure Hausaufgaben und bitte lernt bis morgen dies und jenes.
Zum Thema Wladdorfschueler - wer behauptet die Kiffen nur und sind Weltfremd hat nich keine selber kennen gelernt - ich hatte in meiner Realschule zwei die dazu gekommen sind - einer in der 9. Klasse und einer in der 10. und beide waren mit eine der besten Schueler in der Klasse!
dosenoeffner (26.09.2007, 19:28 Uhr)
Alternative "Lehr"methoden
Also mal ganz ehrlich – ich halte nichts von diesem „Experiment“. Da wollen sich, wie Joe schon ganz richtig sagte, ein paar sehr verwöhnte Leute aufgockeln - viel mehr steckt nicht dahinter. Pädagogisch ist diese ganze Sache, genauso wie das Geschwätz vom „alternativen Lernen“ und vom „selber Erarbeiten“ mehr als zweifelhaft. Ich mache selber grad mein Abi und glaubt mir – nichts ist so wenig konstruktiv wie eben diese Art von Lernen. Ich weiß nicht, wieso der Frontalunterricht immer so verteufelt wird. Ein guter Lehrer kann in zehn Minuten mehr Wissen vermitteln als man sich selber in zehn Stunden erarbeiten könnte. Wo liegt also der Vorteil darin – mal abgesehen von irgendwelchen Selbstverwirklichungsillusionen?!
Stehlampe (26.09.2007, 06:50 Uhr)
Lieber Joe
Vertraue keiner Statistik, die du nicht selbst so interpretiert hast, wie du sie sehen willst. Die Aussage, dass die meisten Waldorfschüler zwischen 13 und 16 dauer-bekifft seien, basiert wohl nur auf einer sehr verallgemeinerten Aussage - die auch auf viele Mitschüler auf meinem ehemaligem, staatlichen Gymnasium zutreffen könnte. Im kritischen, pubertären Alter wird wohl fast jeder Mensch irgendwo auffällig und findet sich als Teil einer zustimmenden Statistik wieder.
Um mal aufs Thema hier zurück zu kommen: Ich finde die Idee spitze ! Die organisieren das alles selbstständig, was ich für den Alter sehr bemerkenswert finde. Selbst wenn sie ihr Abi nicht schaffen würden, haben sie damit mehr fürs Leben gelernt - und das ist genau das, was ich auf meiner Schule damals auch vermisst habe: Dass man eigentlich nur für die Schule lernt und sekundär für sich selbst.
waelder (26.09.2007, 06:48 Uhr)
Abitur ohne Schule
Non scholae, sed vitae - genau das geschieht hier. Und leider nicht an den Schulen, die von meinen Kindern besucht wurden.
Ich finde die Idee und deren Umsetzung bewundernswert und der Nachahmung würdig.
Und solange weder die allgemeinen noch die (be-)sonder(n) Schulen Lohnsteuerjahresausgleich, Mietrecht und Arbeitsvertrag auf dem Lehrplan haben, lernen diese jungen Leute mehr als auf jeder Schule.
Und bekifft sind die Schüler an den anderen Schulen ebenfalls - ich behaupte mal so, dass es in Deutschland keine drogenfreie Schule gibt. Den Beweis des Gegenteils nehme ich gerne entgegen.
tripex (26.09.2007, 05:12 Uhr)
Respekt, Herr Specht!
Also, dass der Weg schwerer ist als normalerweise haben sie ja schon bei der ersten Frage eingeraeumt. Effektivitaet kann man auf vielerlei Arten bewerten. Was mir bei dieser Art Projekt unglaublich effektiv erscheint, ist nicht das Lernen von Stoff selbst, sondern das wie. Ein Schueler bereitet den Stoff fuer die neun anderen vor. Dabei lernt man eine gehoerige Portion Verantwortung, die man sonst wohl in keiner Schule in so einer Intensivitaet erlernen kann. Zweitens das ganze Drumherum: Behoerden, Finanzen, Vereine. Das verschafft Selbstbewusstsein pur, wovon die 10 allerdings schon jetzt nicht zu wenig haben. Ich ziehe meinen Hut. Die 10 haben in jungen Jahren schon begriffen, dass es weniger wichtig ist, was man lernt sondern das Lernen selbst zu lernen.
JoeausderHeide (25.09.2007, 22:37 Uhr)
Erklaerung fuer meinen Kommentar
Ueber die Waldorfschule an sich muessen wir hier nicht reden obwohl sie als alternative Schulform versagt hat. Dies haben zahlreiche Langzeitstudien belegt. Die meisten Waldorfschueler zwischen 13 und 16 sind dauer-bekifft (laut Studie) und kommen nicht mit dem Leben klar. Aber darum geht es hier nicht.
Diese Spezialisten im Beitrag nehmen einen Kredit auf, mit Hilfe ihrer Eltern, um im Endeffekt dann doch wieder eine schulaehnliche Situation zu schaffen (Klassenraum, Equipment, Lehrer usw.). Die Stundenzahl die sie benoetigen um auf diese "autonome" Art und Weise den gleichen Stoff durchzupauken ist sogar noch viel hoeher als an einer normalen Waldorfschule (oder einem staatlichem Gymnasium). Das ist weder effizient noch effektiv, sondern einfach nur becknackt. Eine Spinnerei verwoehnter Wichtigtuer, nichts weiter.
XFire (25.09.2007, 20:25 Uhr)
Warum Weltfremd?
Offensichtlich haben die ihre Sache gut durchdacht und ich bin eigentlich gespannt wie sie ihr Abitur nun abschließen werden. Ihr Komentar zeigt übrigens die blanke Ignoranz gegenüber alternative Schulausbildungen. Die Jungen Menschen nehmen ihr Leben und ihre Ausbildung selber in die Hand und wenn sie damit Erfolg haben ist es doch ne gute Sache.
Freyja79 (25.09.2007, 20:25 Uhr)
Wo ist das Problem?
An der Uni hatte ich mir auch angewöhnt, zu Veranstaltungen schlechter Professioren nicht hinzugehen und mir den Stoff auf meine Weise anzueignen. Das hat immer hervorragend funktioniert.
Warum sollte das in der Schule nicht funktionieren?
Wenn ich an die teilweise miese Qualität des gymnasialen Unterrichts zurückdenke, kann es durchaus von Vorteil sein, wenn sich Schüler das Wissen selbst aus guten Büchern /Quellen aneignen.
JoeausderHeide (25.09.2007, 19:58 Uhr)
Kommentar
Absoluter Schwachsinn.
Bestaetigt alle gaengigen Vorurteile ueber die Weltfremdheit von Waldorfschuelern. Mehr muss man dazu nicht sagen.
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