Hilfe, die nicht hilft

28. September 2008, 11:08 Uhr

132 Euro? 350 Euro? Die Höhe des Hartz-IV-Satzes ist nicht das eigentliche Problem. Es liegt ganz woanders: Das Problem im deutschen Sozialwesen ist das Chaos im System. Niemand weiß, was der andere macht - und Familien wie den Thiels geht es von Jahr zu Jahr schlechter. Von Walter Wüllenweber

Frau Thiel mit ihren Zwillingen Florian und Yasmin, 12©

Es waren Probleme, die man riechen konnte, schon im Hausflur. Hund und Katze und Vögel und keiner, der sauber machte. Andrea Thiel war die Kontrolle entglitten. Über ihre Wohnung, ihre Kinder, über ihr ganzes Leben. Das war vor mehr als drei Jahren. Was mag wohl aus Andrea Thiel geworden sein?

Im Frühjahr 2005 besuchte der stern zum ersten Mal die langzeitarbeitslose, alleinerziehende Mutter in Berlin-Hellersdorf. Mit ihren siebenjährigen Zwillingen Florian und Yasmin hauste sie in einer Dreizimmerwohnung. Mensch und Tier lebten und schliefen gemeinsam im Wohnzimmer, weil der Rest der Wohnung kaum noch betreten werden konnte. Überall lag Müll. Yasmins Schrank brach auseinander. Der Herd war irgendwo in der Küche unter einem Berg von Krempel vergraben. Die Kinder aßen in der "Arche", einem Kinderhilfsprojekt. Florian war damals zu dick, Yasmin zu dünn und ihre Mutter vollkommen überfordert. Sie brauchte Hilfe. Dringend.

Also kümmerte sich das Sozialamt um die Thiels. Auch das Jugendamt, das Jobcenter, die Schuldirektorin und eine Handvoll Ärzte. Der Sozialstaat investierte Geld und Sozialarbeiterstunden. Die Hilfssysteme gaben alles. Was haben sie erreicht bis heute, bis zum Sommer 2008?

Was passiert ist

Die Thiels sind umgezogen in eine Vierzimmerwohnung. Die Kinder sind gerade zwölf geworden. Yasmin ist pummelig und Florian richtig fett. Fast 75 Kilo bringt er auf die Waage. "Er ist halt 'ne Eisvernichtungsmaschine", entschuldigt sich die Mutter. In der Schule sind die Zwillinge sitzengeblieben, zweimal. Sie essen weiter in der "Arche". Frau Thiel ist immer noch arbeitslos. Und wie sieht die neue Wohnung aus?

Ungefähr auf der halben Strecke zwischen Couchtisch und Glotze liegt eine Kinderunterhose auf dem Teppich. Ein paar Tage später scheint es, als habe sie sich bewegt, in Richtung des Kabelbergs, der diverse Elektrogeräte mit Strom versorgt. Dort wird sie in den nächsten Wochen bleiben. Bei jedem Besuch haben sich mehr Hundehaare und Katzenhaare in ihr verfangen. In diesem Zimmer schlafen Florian, seine Mutter, der Hund, die Katze und die Vögel. "In die anderen Zimmer kommt man ja kaum noch rein", sagt Frau Thiel.

Nichts hat sich geändert. Drei weitere prägende Jahre haben die Kinder nur den Lebensstil ihrer Mutter kennengelernt. Warum nur verpuffen all die Hilfsanstrengungen ohne jeden Effekt? Warum sind die Helfer so hilflos?

Eine typische Familie

Familien wie die Thiels sind die größte Herausforderung für den deutschen Sozialstaat. Niemand weiß, wie viele solcher Familien es gibt. Doch die Praktiker in den Jugendämtern und Arbeitsagenturen, Lehrer, Sozialarbeiter und Ärzte berichten, dass der Anteil der völlig überforderten Familien rasend ansteigt. Allein im Berliner Stadtteil Hellersdorf schicken 600 Familien ihre Kinder regelmäßig in die "Arche". "Bei einem Großteil sind die Probleme ähnlich, manchmal noch schlimmer. Die Thiels sind typisch für die Familien hier", sagt Bernd Siggelkow, Leiter und Gründer der "Arche". Auch Manuela Schmidt, Bezirksstadträtin für Jugend und Familie in Marzahn-Hellersdorf, stellt fest: "Der Anteil der Familien mit immer größeren Problemen nimmt stark zu."

Für Wäscheständer und Waschmaschine ist kein Platz mehr in der verwahrlosten Wohnung. Im Winter wird die Maschine wieder kaputtgehen©

Auch die Wohlfahrtsverbände schlagen Alarm. "Das Phänomen der vielen Familien mit multiplen Problemen in nahezu allen Lebensbereichen bereitet uns die allergrößten Sorgen", sagt Werner Ballhausen, Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, des Dachverbandes der deutschen Hilfsorganisationen. "Wir haben kein Angebot, um diesen Familien wirksam zu helfen."

Aber wer ist hier eigentlich zuständig? Die Verbände? Der Staat? Zunächst mal vier Ministerien auf Bundesebene: Arbeit und Soziales, Gesundheit, Jugend und Familie und schließlich Bildung. Aber Bildung ist Ländersache, und die Jugendämter unterstehen den Kommunen. Sieht also so aus, als wären alle zuständig - und damit keiner. Eine Strategie, ein politisches Konzept, wie völlig desolaten Familien wie der von Frau Thiel geholfen werden kann, existiert in Deutschland weder im Bund noch in den Ländern, nicht in den Kommunen und in keinem Ministerium. Nirgendwo.

Es fehlt die Koordination

Dabei bieten verschiedene Institutionen den Bürgern jede nur vorstellbare Hilfe an. "Wir haben für jedes Einzelproblem das passende Hilfsangebot. Aber es gibt niemanden, der diese Hilfe koordiniert", sagt Werner Ballhausen von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege.

Alles überlässt der Sozialstaat dem Hilfsbedürftigen selbst. Doch die staatlichen Systeme sind maßgeschneidert für den vernünftigen, gut informierten und vor allem mündigen Hilfesuchenden. Sie basieren auf der Vorstellung von Menschen, die ihr Leben unter Kontrolle haben. Die nur vorübergehend und lediglich an der einen oder anderen Stelle ein wenig Unterstützung brauchen, etwa bei der Jobsuche oder in einer Erziehungsfrage. Im Kern müssen die Menschen selbst die Verantwortung für sich und ihre Kinder übernehmen können.

Aber genau das kann Andrea Thiel nicht. Das Leben in einer immer komplizierter werdenden Welt überfordert sie täglich neu, auch intellektuell. Und so bleiben die vielen Hilfen, die sie bekommt, ohne Wirkung. "Die kümmern sich ja alle. Aber die kümmern sich immer dran vorbei", sagt sie.

Eine Herausforderung für das Gesundheitssystem

Sie hängt im Sessel. Ein Brillenglas hat einen Sprung. Sie ist 48, stark übergewichtig und zuckerkrank. "Fünfmal spritzen muss ich am Tag. Und dann noch der Bluthochdruck. Also körperlich bin ich ein Wrack." Sie atmet schwer. Man muss kein Arzt sein, um zu erkennen, dass sie eine Herausforderung für jedes Gesundheitssystem ist. "Diät kann ich mir nicht leisten. Körner oder Bio ist bei Hartz IV nicht drin", behauptet sie.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 39/2008

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