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"Es war bitterböse, was sich hier abgespielt hat"

Von sexuellen Übergriffen und Diebstählen ist die Rede bei den Vorfällen am Kölner Hauptbahnhof in der Silvesternacht. Der Mitarbeiter eines Brauhauses am Bahnhof berichtet mit Tränen in den Augen von der aggressiven Stimmung und Prügeleien.

Protokoll aufgezeichnet von Frank Gerstenberg

  In der Silvesternacht arbeitete Ralf Kiesewetter im Brauhaus Gaffel zwischen dem Kölner Dom und dem Hauptbahnhof

In der Silvesternacht arbeitete Ralf Kiesewetter im Brauhaus Gaffel zwischen dem Kölner Dom und dem Hauptbahnhof

Ralf Kiesewetter ist Serviceleiter im Kölschen Brauhaus Gaffel am Dom, das genau zwischen dem Kölner Dom und dem Hauptbahnhof liegt. Für seinen Chef, Geschäftsführer Arnold Hennicken, ist der 1,85 Meter große, durchtrainierte Familienvater ein "harter Hund". Nach der Chaos-Nacht an Silvester standen Kiesewetter jedoch die Tränen in den Augen.

Das Brauhaus liegt etwas nach hinten versetzt. Man muss vom Bahnhof durch einen Torbogen gehen, um zum Eingang zu kommen.

Kiesewetter lässt um 19.30 Uhr die letzten Gäste rein.

Vom Bahnhofsvorplatz, den er vom Gaffel aus nicht einsehen kann, hört er bereits um diese Zeit Gejohle. Als er nachsieht, erschrickt er. So etwas habe er in 44 Jahren Gastronomie noch nicht erlebt.

  Eine Nacht wie Silvester hat Ralf Kiesewetter noch nie erlebt

Eine Nacht wie Silvester hat Ralf Kiesewetter noch nie erlebt

"Es war unfassbar, fürchterlich", sagt er.

"Unterhalb der Dom-Treppen schossen Männer Raketen aus Sektflaschen nach oben auf die Domplatten. Haarscharf an den Köpfen der Menschen vorbei. Die haben versucht, Leute abzuschießen", mutmaßt er.

"Die" beschreibt er so: "Alle schwarze Haare, viele mit dunkler Hautfarbe, einige mit Bart, einige ohne." Die Nationalitäten könne er nicht zuordnen.

"Sie haben mit China-Böllern und anderen Krachern um sich geworfen, den Leuten zwischen und vor die Beine. Normalerweise stehen auf dem Bahnhofsvorplatz 200 Leute, diesmal waren es tausend, man kam nicht mehr durch."

Dass in dieser Menschenmenge offenbar niemand durch die Feuerwerkskörper ernsthaft verletzt wurde, gleiche einem Wunder. Kiesewetter habe "die ganze Zeit darauf gewartet, dass jemand eine Rakete ins Gesicht bekommt." Warum die Polizei bereits zu dieser frühen Stunde nicht eingegriffen hat, versteht Kiesewetter nicht.


Um kurz nach 20.30 Uhr wird er Zeuge einer Prügelei, wie er sie noch nie erlebt habe,

"weder im Karneval, noch bei den Fußballspielen, schon gar nicht an Silvester". 

Ein Mann jagte einen anderen bis in den Eingang Trankgasse des Gaffel-Brauhauses parallel zum Dom.

"Wie wild haben die beiden aufeinander eingeprügelt, bis einer am Boden liegt. Der andere drosch und trat weiter auf Bauch und Gesicht."

Die Security-Leute halten den Schläger fest, rufen die Polizei. Mit Blaulicht und Sirenen fahren ein Polizei- und ein Rettungswagen genau vor das Lokal. Kiesewetter sieht einen Menschen auf der Trage liegen.

"Ich konnte nicht erkennen, ob es eine Frau oder ein Mann war. Ich habe weder Augen, Nase noch Mund erkannt. Alles war blutig."

"Der Rettungswagen kam an diesem Abend noch zweimal. Dass da bei der Polizei nicht spätestens alle Alarmglocken angingen", kann er nicht nachvollziehen. Die Stimmung sei "explosiv und gefährlich" gewesen. "Es war bitterböse, was sich hier abgespielt hat."

Der Serviceleiter ist "schockiert", er hat genug von Silvester, geht ins Gaffel und kommt vor dem Morgengrauen nicht mehr raus. Selbst zum Feuerwerk nicht. Mit der Belegschaft stoßen sie am frühen Morgen kurz an, dann will Kiesewetter mit der S12 nach Hause fahren.

Als er um 7.30 Uhr das Gleis 11 betritt

sieht er dort "etwa 300 bis 400 südländische Typen. Das Gleis war voll von ihnen, keine Polizei weit und breit. Das waren die Randalierer vom Bahnhofsvorplatz", Kiesewetter will einige wiedererkannt haben. Er beschließt: "Hier bleibe ich keine Minute länger" - und fährt lieber mit dem Taxi nach Hause, ins 50 Kilometer entfernte Siegburg.

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