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26. Mai 2009, 17:24 Uhr

Ein großer Sanierungsfall

Der Staat ist nur knapp am Bankrott vorbeigeschrammt, jeder Fünfte seiner zehn Millionen Einwohner muss fürchten, die Wohnung zu verlieren. Denn die Menschen haben sich zu sehr verschuldet. Und dabei Kredite aufgenommen, die sie kaum mehr tilgen können. Das gibt den Rechtsradikalen Auftrieb. Und schürt den Hass auf Roma wie Ausländer. Von Markus Götting

Ungarn, Staatsbankrott, Krise, Rechtsradikalismus, Roma

Valéria Kurucz in ihrer Wohnung. Ihre Gläubiger haben das Apartment längst weiterverkauft, weil sie ihre Hypothek nicht fristgerecht bedienen kann© Peter Rigaud

Sie kamen um zwölf Uhr mittags, und Valéria Kurucz hatte schon vom Balkon aus gesehen, wie sie in einem schwarzen Geländewagen vorfuhren: dieser Zwei-Meter-Schrank und der Skinhead und die smarte Anwältin. Typen wie diese klingeln nicht. Sie treten gegen die Tür. Ein Wunder, dass die nicht sofort zerbrochen ist. Frau Kurucz sagte noch, sie gehe jetzt zur Polizei. "Du gehst nirgendwo hin", brüllte der Zwei-Meter-Kerl. Und dann war da nur noch Angst.

Das ist schon ein paar Tage her, aber seitdem schließt die 53-Jährige immer von innen ab. Die Leute von der Schuldnerberatung haben ihr gesagt, sie könne die 30 Tage Widerspruchsfrist nutzen, so lange wird sie sicher in ihrer Wohnung bleiben können, und mit einigen Tricks könne man den Rausschmiss noch weiter hinauszögern. An ihrer Zukunft wird das nichts ändern.

1995 hatte Valéria Kurucz diese Wohnung für sich und ihren Sohn gekauft, in Zugló, einem hübsch begrünten Viertel von Budapest: ein ehemaliger Gemeindebau, zwei Zimmer, Mini-Bad, schmale karge Küche. Sie hat viel geschuftet, für ihren Sohn und sein Studium. Für die Wohnung. 200.000 Forint lieh sie sich damals von der Bank, und was dann geschah, ist ein Schicksal, wie man es überall in Ungarn besichtigen kann. Sie löste einen Kredit mit dem nächsten ab; zwischendrin wurde sie krank, verlor ihren Job in einer Hotelwäscherei. Nahm noch ein Darlehen auf und noch eines; längst nicht mehr in Forint, sondern in Schweizer Franken, weil die Zinsen dafür so viel günstiger waren. Der Forint verlor an Wert, und die monatliche Rate stieg um fast 50 Prozent. Inzwischen hat sie Schulden von 11,8 Millionen Forint, umgerechnet mehr als 42.000 Euro. Das ist eine Menge Geld für eine Frau, die von 25.600 Forint Invalidenrente lebt.

Pleite wie der Staat

Die Gläubiger haben ihre Wohnung einfach verhökert. Weit unter Marktwert. Gut möglich, dass Kreditgeber und Käufer gemeinsame Sache machen. In Budapest vermutet man mafiöse Strukturen hinter diesem Geschäftsmodell. Nachweisen kann das keiner. Frau Kurucz sagt: "Ich hatte doch selbst einen Käufer." Das hat die Gläubiger nicht mehr interessiert. Wer Türen eintritt, fragt bei einer Zwangsräumung nicht groß nach Einverständnis.

Valéria Kurucz wärmt in der Mikrowelle Kaffee auf. Man sieht ihr an, dass sie versucht, ihre Würde zu bewahren. Eine gepflegte Frau, lackierte Fingernägel, gebügelte Bluse, Sonnenbrille im Haar. Sie sagt: "Seit alles über mir zusammen gebrochen ist, nehme ich jeden Tag Pillen fürs Herz." Sie kämpft gegen die Tränen an. Sie zittert. Auf dem Küchentisch liegt neben dem Rezept vom Arzt ein Lottoschein. Sie lächelt sarkastisch und sagt: "Letztlich bin ich genauso pleite wie der Staat." Und man weiß nicht so recht, was das sein soll: eine Entschuldigung oder eine Anklage?

Vom Staat erwarten die Ungarn längst keine Hilfe mehr. Der ist doch selbst nur mit Mühe am Bankrott vorbeigeschrammt. EU, Weltbank und Internationaler Währungsfonds halfen mit einem Kredit von 20 Milliarden Euro aus, geknüpft an die Auflage, die Ausgaben massiv zu kürzen und die Staatsverschuldung von derzeit knapp 74 Prozent des Bruttoinlandsprodukts erheblich zu reduzieren. Wie das gehen soll, weiß niemand. Am wenigsten die Minderheitsregierung der Sozialisten. Auch ohne globale Krise würde Ungarn tief im Schlamassel stecken, die Rezession beschleunigt das Drama zusätzlich. Eine Frau wie Valéria Kurucz gehörte bis vor ein paar Jahren noch zur Mittelschicht. Aber die wird immer überschaubarer; das Prekariat dafür zum Allgemeinzustand. Sie haben alle über ihre Verhältnisse gelebt: der Staat, die Bürger. Das Musterland Ungarn ist ein Sanierungsfall geworden.

Valéria Kurucz sagt, sie wolle ihre Schulden zurückzahlen und wieder bei null anfangen. Mit 53 wieder zurück auf Los? Was für ein Leben.

Schuldenfalle schnappt zu

Von ihrer Wohnung in der Bagolyvár-Straße ist es nicht weit bis zum Büro des Vereins der Kreditgeschädigten. Dort sucht nicht nur Frau Kurucz nach Hilfe. 40 Prozent der ungarischen Schuldner sind in extremen Schwierigkeiten. 600.000 Familien laufen Gefahr, alles zu verlieren. Mariann Lénárd, 36, ist Rechtsanwältin und kümmert sich ehrenamtlich um diese Fälle: "Das sind zwei Millionen Menschen." Von zehn Millionen. Das sind Familien, die ihre Wohnung verlieren und nicht mehr wissen, wo sie bleiben sollen. Die ihre Kinder dann womöglich ins Heim geben müssen. Viele Fälle seien so krass, sagt Lénárd, dass sie inzwischen einen Psychologen in ihr Team aufgenommen hat. Als Supervisor für sich und die Kollegen. Weil sie selbst nicht mehr klarkommt mit dem Elend.

Das Problem ist nicht der Konsum: Autos, Fernseher, Geschirrspüler. Das Problem ist, dass es in Ungarn kaum sozialen Wohnungsbau gibt, einen überteuerten Mietmarkt und die Menschen oft keine andere Wahl haben, als sich eine Wohnung zu kaufen. "In gewisser Weise", sagt Mariann Lénárd, "ist das auch ein Reflex auf den Sozialismus."

Genau 20 Jahre ist die Wende jetzt her, aber viele Bürger haben das neue System immer noch nicht begriffen. Sie wollen nicht verstehen, dass Geld auch böse sein kann. Anwältin Lénárd sagt: "Die Banken treiben ein falsches Spiel mit versteckten Zinsen und Gebühren und ziehen daraus ihre Profite." Der hemmungslose Wettbewerb der ausländischen Banken wurde für die naiven Kunden zu einer katastrophalen Spirale. András Lederer, Vorsitzender der jungliberalen "Neuen Generation", sagt: "Die Devisenkredite sind für die Ungarn wie früher das Feuerwasser für die Indianer." Die Droge des Untergangs.

Hochzeit für Faschisten

Die seit 2002 regierenden Sozialisten haben das Land in die politische Agonie getrieben. Wobei regieren ein komisches Wort für das ist, was sich dieser Tage im Parlament abspielte. Um Neuwahlen zu verhindern, ließ sich Ministerpräsident Ferenc Gyurcsány durch ein konstruktives Misstrauensvotum ablösen. An seine Stelle trat Anfang April Gordon Bajnai, ein ehemaliger Banker, der einen radikalen Sparkurs angekündigt hat. Zur Amtseinführung versammelten sich die Rechtsextremisten vor dem Parlament. Sie orchestrieren wieder einmal den Protest der Straße.

Am ersten Maiwochenende feiern sie ein Sommerfest auf der Werfteninsel in der Donau. Es gibt allerhand altungarische Speisen wie Hahnenhoden in Letschosauce, was sehr passend ist für diese Blut-und-Boden-Veranstaltung. Die Männer und Frauen von der selbst ernannten "Ungarischen Garde" tragen stolz ihre SA-ähnlichen Uniformen spazieren, im Wind flattern rot-weiße Flaggen, die Farben der ungarischen Faschisten. Es gibt Stände mit Produkten, die in Deutschland den Verfassungsschutz beschäftigen würden: T-Shirts, auf denen das großungarische Reich abgebildet ist, Bücher von Holocaust-Leugner David Irving oder Zoltán Bosnyáks infames Werk "Die Verjudung Ungarns" als Reprint der Ausgabe von 1943. In einem Zelt hetzt Krisztina Morvai ihre Kameraden gegen die "Zigeuner-Kriminalität" auf. Sie ist die Spitzenkandidatin der Jobbik-Partei für die Europawahl. Meinungsforscher geben ihr gute Chancen für Straßburg. Selbst bei Parlamentswahlen dürften die Rechtsextremisten die Fünf-Prozent-Hürde knacken.

Und nur ein Mann kann das verhindern. Indem er keine Partei rechts an sich vorbeilässt. Viktor Orbán, 45, ist Chef der oppositionellen Fidesz-Partei, eine Art ungarischer Silvio Berlusconi - nur nicht ganz so reich. Er ist ein begnadeter Rechtspopulist. Vor allem ist er auf dem Weg an die Macht. Dorthin, wo er vor elf Jahren schon einmal war. Als damals jüngster Regierungschef Europas. Würde an diesem Sonntag gewählt, wäre nur die Frage, ob er sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit erreicht.

Viele Versprechen

Es ist Feiertag, und Orbán hat auf seinen Landsitz in Felcsút eingeladen, eine halbe Stunde westlich von Budapest. Er ist im Wochenend-Modus, kariertes Freizeithemd statt Anzug, eine seiner Töchter serviert Kaffee. Draußen im Garten sitzen die kleineren Kinder auf der Schaukel. Direkt neben seinem Anwesen liegt die Ferenc-Puskas-Fußballakademie; eine seiner größten Errungenschaften. Orbán trainiert selbst noch regelmäßig im Zweitliga-Team mit.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 22/2009

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