Am vergangenen Sonntagabend war die Hoffnung rot-weiß-grün. Sie rannte zwischen jubelnden Menschen über eine Brücke, sie winkte aus hupenden Autokorsos, sie stieg mit tausend Böllern funkelnd in den Nachthimmel. Ich mittendrin, oder eher: Meine Freundin Andrea, vor 30 Jahren aus Ungarn hergekommen, war extra zur Wahl nach Budapest geflogen und schickte mir Fotos, Videos und Nachrichten vom Wahlabend.
Kurz vor 21 Uhr: „Feiert ihr schon?“ – „Noch abwarten“, schreibt sie. „Wird Ungarn sich neu erfinden?“ – „Das wird es, Helen!“ Herzchen, Regenbögen, Bizeps-Emoji. Dann rennt sie mit dem Handy in der Hand über die knallvolle Margaretenbrücke, dahinter leuchtet golden das ungarische Parlament. Nächste Nachricht: „Orbán gratuliert Magyar“, dann schließlich „Zweidrittelmehrheit!!!!!!!“, „Stimmung großartig“, „Was für ein Abend!“, und: „Warum habe ich bloß die Kinder nicht mitgenommen?!“
Das Gefühl der Woche, diesmal aus Ungarn: Hoffnung
Die Hoffnung, sie springt an diesem Abend aus meinem Whatsapp-Chat und wahrscheinlich aus Millionen weiteren. Hoffnung auf ein Ende von Orbáns Clan-Diktatur, auf die Rückkehr zur EU, auf ein besseres Schul- und Gesundheitssystem. Darauf, dass die Mehrheit den Mist einer Minderheit abwählen kann und sich die Dinge zum Besseren wenden.
Es ist so eine Sache mit der Hoffnung. Oft ist sie unbegründet, meistens erfüllt sie sich nicht oder nur teilweise. Trotzdem können wir nicht ohne. „Ich halte Hoffnung für die Grundemotion des Lebens und den natürlichen Feind der Angst“, sagt die Schweizer Psychoanalytikerin Verena Kast. Wer fühlt, der hofft. Da kann man nichts machen.
Bisher gibt es nur wenig Forschung zu der Frage, was Hoffnung genau ist, wie sie entsteht, warum sie wirkt und wie man sie gezielt wecken kann. Erstaunlich, denn schon länger ist klar, dass Hoffnung zentral ist für die psychische Gesundheit. Tobias Kube, Psychologe und Therapeut an der Uni Frankfurt, ist einer von ganz wenigen Wissenschaftlern, die die Hoffnung erforschen. Das zentrale Symptom vieler psychischer Störungen sei Hoffnungslosigkeit, sagt Kube, etwa bei Depressionen, Ängsten und Schizophrenie. Auch für Schmerzpatienten und Menschen mit neurologischen Krankheiten spiele Hoffnung eine wichtige Rolle.
„Hoffnung ist also therapeutisch bedeutsam“, sagte mir Tobias Kube, als ich ihn dazu anrief. Er zählte die verschiedenen wissenschaftlichen Definitionen von Hoffnung auf, es sind etwa 50: Mal ist sie ein Gefühl, mal steuert sie der Verstand. Mal hat Hoffnung ein konkretes Ziel, mal genau dies nicht. In einer Definition ist sie passiv: Mir widerfährt Gutes ohne mein Zutun. In einer anderen aktiv: Ich hoffe, selbst etwas Gutes zu schaffen.
Kube hat sogar einen Fragebogen entwickelt, mit dem man die persönliche Hoffnung messen kann. Welche Punktzahl würde unsereiner da wohl erreichen? Menschen ohne psychische Erkrankung liegen jedenfalls deutlich über dem Durchschnitt. „Das passt zu dem bekannten Phänomen, dass psychisch gesunde Menschen zu einem übersteigerten Optimismus neigen“, so Kube. „Sie malen sich ihre Zukunft positiver aus, als es sachlich erwartbar wäre. Wenn Sie eine realistische Einschätzung wollen, fragen Sie besser einen leicht depressiven Menschen.“
Okay, verstanden: Wer die politische Zukunft Ungarns einschätzen will, fragt besser nicht die feiernden, hoffnungsverstrahlten Landsleute auf der Margaretenbrücke, sondern depressive Realisten. Diese Sorte dürfte in deutschen Talkshows und Politik-Redaktionen reichlich vorhanden sein. Ich höre sie schon reden: Was der neue ungarische Präsident Péter Magyar tatsächlich umsetzen kann, sei ja völlig offen. Er habe Orbán gestürzt, aber das System Orbán sei noch intakt. Man täusche sich außerdem nicht, der junge Wahlsieger sei kein Linksliberaler, sondern konservativ, so bleibe er bei der strikten Asylpolitik seines Vorgängers und finde Pride-Paraden doof. Magyar müsse man sich als CSUler vorstellen, nur eben in smart und schick.
Ja. Alles richtig. Trotzdem, liebe pessimistische Realos: Die Wahl am letzten Sonntag wirkt weit über Ungarn hinaus. Von Meloni über Le Pen bis Weidel sind die europäischen Rechten jetzt geknickt und verunsichert. Vetternwirtschaft, Demokratieabbau und Dauerhetze überzeugen nicht länger. Zuerst entscheiden sich die Ungarinnen und Ungarn dagegen. Und dann auch alle anderen? Ich bin da ganz hoffnungsvoll.
Der Sticker der Woche...
… klebt an einer Parkbank in der Hamburger Hafencity und will sagen: Wählt alle so, dass es die Rechten nicht auf die Regierungsbank schaffen. War, ist und bleibt die beste Lösung.
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