Beim Thema Städtereisen hat kaum jemand Warschau auf dem Zettel. Dabei ist Polens Hauptstadt für Kulturfreunde und Nachtschwärmer ein echter Geheimtipp. Fußballfans erwartet ein aufregender EM-Gastgeber. Von Sebastian Huld

Warschaus Innenstadt: moderne Hochhäuser mit Baukränen neben dem Kulturpalast aus den 50er Jahren© Peter Andrews/Reuters
In Warschau geht es dieser Tage noch etwas lauter zu als sonst. Eilig werden neue Hochhäuser hochgezogen, Kräne stehen selbst nachts nicht still, während unter der Stadt eifrig an der neuen, zweiten U-Bahnlinie gewerkelt wird. Warschau putzt sich aber nicht nur für die Fußball-Europameisterschaft raus. Vielmehr ist das Fußballfest nur ein weiterer Schritt auf dem beeindruckenden Weg der Hauptstadt Richtung Europa.
Die 1,7 Millionen Einwohner zählende Stadt an der Weichsel ist das Zentrum des osteuropäischen Wirtschaftsbooms. Im Zweiten Weltkrieg zu 90 Prozent zerstört, ist Warschau wie ein Phönix aus der Asche auferstanden und steht heute sinnbildlich für den Selbstbehauptungswillen der Polen, die ihr Existenzrecht der Geschichte oftmals abtrotzen mussten.
Wahrzeichen und Mittelpunkt von Warschau ist der pompöse, 230 Meter hohe Kulturpalast, den einst Josef Stalin den Polen zum Geschenk machte. Ein Besuch der Aussichtsplattform auf dem höchsten Gebäude der Stadt ist ein absolutes Muss. Rund um den Kulturpalast befindet sich Warschaus Shopping-Meile, darunter das sehenswerte Kaufhaus "Złote Terase". Richtung Osten, zwischen dem Kulturpalast und dem Weichselufer, erstreckt sich die historische Altstadt, die in den 50er Jahren wieder neu aufgebaut wurde und den Ruf der Polen begründet, sie seien die weltbesten Restauratoren.
Zu dem Unesco-Weltkulturerbe gehören unter anderem das alte Königsschloss, der davor gelegene Schlossplatz mit seinen mittelalterlichen Bauten, sowie die Heiligkreuzkirche, in der das Herz des Komponisten und polnischen Nationalhelden Frédéric Chopin aufbewahrt wird. Zu den vielen weiteren Touristenattraktionen zählen der Willy-Brandt-Platz im Zentrum des ehemaligen Jüdischen Ghettos, wo der deutsche Kanzler 1970 stellvertretend für seine Landsleute niederkniete. Hier entsteht derzeit das Jüdische Museum, das seine Pforten im kommenden Jahr öffnen wird. Wer jetzt schon mehr über die deutsche Besatzung in Warschau erfahren möchte, dem sei das neue Museum des Warschauer Aufstandes ans Herz gelegt.
Ein Warschau-Besuch beginnt meist im Zentrum, wo der frisch sanierte Hauptbahnhof Bahnreisende ebenso in Empfang nimmt wie Fluggäste, die vom Chopin-Flughafen mit der Buslinie 175 anreisen. Zwar fliegen die großen Fluggesellschaften wie Lufthansa und LOT Warschau an, billige Direktflüge von Deutschland sind aber eine Seltenheit. Günstiger und bequemer reist es sich mit der Bahn. Von Berlin aus fährt man bereits ab 49 Euro hin und zurück, Sitzplatzreservierung inklusive. Mit dem Auto braucht man von Frankfurt/Oder aus sechs Stunden, die Straßen sind überwiegend neu und gut beschildert. Doch Vorsicht: Auf der neuen Autobahn zwischen Deutschland und Posen sind nur wenige Tankstellen fertiggestellt; es ist ratsam, gleich hinter der Grenze aufzutanken.
Die Hotelstandards in Warschau sind ebenso wie die Preise auf westlichem Niveau. Fußballfans müssen sich auf saftige Zuschläge gefasst machen und sollten so früh wie möglich buchen. Im einfachen, aber ordentlichen Hotel Best Western Felix beim Stadion gibt es noch Doppelzimmer für die Europameisterschaft ab 120 Euro. Wer etwas mehr ausgeben kann und lieber in der City schläft, bucht das Stadthotel MDM. Sparfüchse greifen auf das beliebte Oki-Doki-Hostel zurück. Die freundliche Herberge nahe der Altstadt bietet Doppelzimmer ab 75 Euro pro Nacht, ein Bett im Schlafraum gibt es während der EM für etwa 25 Euro pro Nase. Eine spannende Alternative bildet das breite Angebot an Ferienwohnungen, die sich vor allem für kleine Gruppen und Familien lohnen.
Termine der Gruppe A in Warschau 8. Juni, 18 Uhr: Polen-Griechenland
12. Juni, 20.45 Uhr: Polen-Russland
16. Juni, 20.45 Uhr: Griechenland-Russland
Anreise Flug: Direktflüge von Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und München bieten LOT und Lufthansa; LOT bietet außerdem Direktflüge von Berlin aus an.
Bus/Bahn:
Mehrmals täglich fährt der reservierungspflichtige Berlin-Warschau-Express über Frankfurt/Oder und Posen; von Warschau aus fahren Züge in alle Richtungen.
Auto:
Von Norddeutschland nach Frankfurt/Oder, dann Autobahn A2 bis Łodz, weiter auf E30 bis Warschau; von Süddeutschland aus über Dresden auf Autobahn A1 bis Breslau, dann E65 bis Warschau.