Im südindischen Kerala erstreckt sich eine weltweit einzigartige Landschaft: Die Backwaters. Mensch und Natur leben hier noch im Einklang. Wer diese amphibische Landschaft entdecken will, nimmt am Besten eines der traditionellen Hausboote. Von Swantje Strieder

Mit dem gemieteten Hausboot Südindien entdecken© Batche Mati/AFP
Stille an Bord, nur das leise Glucksen des Wassers um mich herum. Meine erste Nacht auf den Backwaters. Stille? Erst ist es ein zartes Sirren, ein ziemlich hoher, ziemlich nerviger Kammerton A an meinem Ohr. Eigentlich könnte ich ruhig weiterschlafen, denn schließlich bin ich ja in meiner Kajüte durch ein engmaschiges, dunkelweißes Moskitonetz vor den schwirrenden kleinen Biestern geschützt. Sollen die sich doch bei ihren Kamikazeflügen den blutgierigen Rüssel an der Gaze verbiegen! Doch jetzt surrt eine direkt an meinem Ohr vorbei, eine zweite setzt zum Sturzflug an. Auf mich. Wie haben sie nur das einzige kleine Loch im Netz, das ich nicht mit den Haarklammern meiner Teenager-Tochter zugesteckt habe, gefunden?
Und warum schnarcht der Mann an meiner Seite so unverschämt ruhig weiter? Auch von unseren Mädchen in der Nachbarkajüte höre ich nichts. Meine romantische Nacht auf dem Reiskahn im südindischen Kerala ist dagegen von Gefuchtel unterbrochen, bis mich schließlich das Glucksen des Wassers wieder in den Schlaf wiegt. "So ist das halt mit dem sanften Tourismus", lästert mein Gatte am nächsten Morgen, "Natur pur ohne Autan und Air Condition!"
Aber der Sonnenaufgang auf der Quilandi-Lagune entschädigt mich wirklich für alles. Die Palmenwälder rund um den See wirken wie schwarze Scherenschnitte, die Wasserfläche ist in Perlmutt getaucht, selbst das Gefieder des weißen Reihers, der am Ufer stakst, schimmert rosarot. Zwei winzige fliegende Fische springen hoch und tauchen wieder ab. Ein blauroter Eisvogel flattert im Ufer-Gebüsch. Um uns herum eine Kette von Seen mit winzigen Palmeninselchen, geschwungenen Buchten und verwunschenen Kanälen, als seien wir in Peter Pans Neverland gelandet. Keralas Backwaters, eine weit über 3000 Kilometer ausgedehnte amphibische Gartenlandschaft, die es so nirgendwo auf der Welt, auch nicht im übrigen Indien gibt, aber die von unserem Hausboot zum Greifen nah ist.
Wir sitzen auf unseren bequemen Bambusstühlen im Zwischendeck, wo Benny, der Bootsmann uns den dampfenden Early Morning Tea bringt, vergnügt durch seine Zahnlücke grinst und fragt, ob wir lieber Spiegel- oder Rühreier und Toast mit Marmelade möchten. Ganz abgesehen von den keralesischen Köstlickeiten, Reiskuchen mit geraspeltem Kokos, Papaya, Ananas, Mangos, frittierte weiß-ich-was-für-Gemüse und gebackene süße Bananen, die James, der altgediente Koch in Unterhemd und Shorts in seiner mickrigen Kombüse gezaubert hat.
Nach dem Lagunen-Frühstück lichtet die "Kerala Discovery", für 24 Stunden unser Reiskahn-Heim, den Anker. Manni, der Bordingenieur wirft nach kurzem Stottern den kleinen Außenborder an und wir tuckern mit sanften 5 km/h, maximal 10 km-Tempo dahin. Vom Ufer aus sieht unser Schiff aus wie eine schwimmende fasrige braune Kokosnuss, in deren Gehäuse wir es uns es gemütlich gemacht haben. Die "Kettuvalams", so heißen die etwa 15 Meter langen Lastkähne, sind geniale Konstruktionen, ohne einen einzigen Metallnagel zusammengefügt, auf denen die Fährleute seit Jahrhunderten mit langen Stangen durch die Backwaters staken und Reis, Pfeffer und andere Gewürze, Kokosnüsse und Kopra transportieren.
Fast wären die ökologisch korrekten Dinosaurier ausgestorben, ihre Seeleute abgemustert, und die Kähne von Lastwagen ersetzt worden, wenn nicht vor 20 Jahren ein paar findige Tourismusmanager, Inder und Deutsche, das romantische Potential erkannt hätten. Was die Beatles an spirituellen Highs auf den Barken auf dem Dal-See im nordindischen Kashmir erlebt hatten, musste erst recht im Südstaat Kerala gelingen.
Flugs wurden Kajütenaufbauten aus Palmstroh auf die alten Kähne gesetzt, die nun an schwimmende Reetdachhäuschen erinnern. Anfang der Neunziger begann der große Hausbootboom, das beschauliche Schippern durch die Wasserlilien wurde schick. Einige Kettuvalams sind wie Luxusyachten mit Minibar, Clubmöbeln und leise brummenden Klimaanlagen eingerichtet, andere haben sich den spröden Charme von Jugendherbergen mit schmalen Kojen, Plumpsklo, Petroleumlampen und handzahmen Kakerlaken bewahrt. Bei beiden Kategorien liegt der Fahrpreis eher im Luxussegment: "Hausbootfahren wird sicherlich dein teuerstes Indien-Erlebnis", warnt der "Lonely Planet" seine Globetrotter-Gemeinde, "aber mit ziemlicher Sicherheit ist deine Backwater-Tour jeden Cent wert."