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Die schrille Farbe des Geldes

Wo verjubeln reiche Chinesen ihr Vermögen? Sie spielen in Macao die Nächte durch. Unser Autor hat die Kasinos der ehemaligen portugiesischen Kolonie besucht und beim Roulette auf Rot gesetzt.

Von Jan-Philipp Sendker

Kasino Lisboa

Das Kasino Lisboa in Macao

Die Anzeigentafel hinter dem Roulettetisch im Kasino des "Venetian Hotels" in Macau verspricht eine Einladung zum Gelddrucken. Von den letzten fünfzehn Zahlen hatten nur drei die Farbe rot, die letzten neun waren alle schwarz. Man muss schon farbenblind sein, um diese Chance nicht zu erkennen. Ich wechsele 2000 Hongkong Dollar, umgerechnet knapp 200 Euro, und setze mich an den Spieltisch. Er ist gut besucht, auf dem grünen Filz liegt viel Geld in Form von bunten Jetons.

Wir dürfen das Spiel machen und in Windeseile verteilen die Männer und Frauen ihre Einsätze. Die Chinesen um mich herum scheinen in der Schule beim Thema Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht richtig aufgepasst zu haben. Ich bin der einzige Nicht-Asiate am Tisch und der Einzige, der auf Rot setzt! Auf dem schwarzen Feld hingegen sieht es aus wie bei uns im Kinderzimmer, wenn die Kinder mit Lego gespielt haben: lauter stolze Türmchen.

Chinesen spielen anders

Schwarz kommt. Ich verdoppele meinen Einsatz. Wieder bin ich der Einzige, der auf Rot wettet.
13, Schwarz.
Meine Chancen steigen mit jedem Spiel rechne ich mir aus, während die Haufen auf Schwarz wachsen und wachsen.
35, Schwarz. 22, Schwarz.
"Sie sind ein Loser", raunt mir mein Nachbar zu.
Auch das noch denke ich und drehe mich zur Seite. Der Mann weiß gar nicht wohin mit seinen vielen Jetons. Als sich unsere Blicke treffen, fliegt ein kurzes Lächeln über sein Gesicht.
"Ein starrköpfiger Loser", wiederholt er.
Ich danke ihm für den Hinweis.
"Kein Chinese würde so spielen", fährt er unbeirrt fort.
"Das habe ich auch schon bemerkt", antworte ich. "Warum nicht?"
"Chinesen spielen anders. Wir wetten nicht gern gegen die Bank. Schwarz hat einen Lauf, das ist doch offensichtlich. Warum widersetzen sie sich?"
"Weil mir meine westliche Logik sagt, dass nach zwölf mal schwarz sehr bald Rot kommen muss."
"Falsch. Sie müssen mit dem Strom schwimmen, niemals dagegen!" Eine sehr chinesische Einstellung denke ich und bleibe bei Rot. Die Kugel fällt auf die Zwei. Schwarz. Ich glaube an die Wahrscheinlichkeit - bis mein Geld alle ist.

Chinesen spielen anders. Wer einen Abend, eine Nacht, in Macau verbringt, bekommt faszinierende Gelegenheiten, sich das anzuschauen. Einarmige Banditen mögen sie nicht. Sich allein vor einen Automaten zu setzen, auf einen Knopf zu drücken und zu warten, ob drei Zitronen, Kirschen oder Kronen erscheinen, muss ihnen als eine ziemlich sinnlose Beschäftigung vorkommen. Vor den im Westen so populären Automaten sitzt kaum jemand. Stattdessen umlagern die Menschen Tische, an denen Baccara, Roulette, Black Jack oder Würfelspiele wie Sic Bo oder Fan Dan gespielt werden. Sie verharren dort in äußerster Konzentration. Kein Lachen, kein Jubel, kein Aufschrei. Sie beobachten, machen sich Notizen, platzieren ihre Wetten.

Zwischen den Tischen eilen Kellnerinnen und verteilen kostenlose Getränke. Statt Cocktails oder Bier wie in Las Vegas servieren sie Wasser, Kaffee oder Tee in Pappbechern. Hier spielt niemand, um sich zu amüsieren. Oder zu entspannen. Hier geht es um die Zukunft, um Träume, um die Chance, innerhalb weniger Stunden sein Schicksal zu wenden. Am Sic Bo Tisch steht eine Gruppe Frauen neben mir. Sie haben gerötete Wangen und kräftige Hände. Ihre schlecht sitzenden Hosen und Blusen, ihre abgetragenen Schuhe, verraten, dass sie vom Land kommen. Vermutlich verspielen sie gerade die Dorfkasse. Sie haben kein Glück und die Gesichter von Verlierern, sehen überall auf der Welt gleich: schmale Lippen, hängende Schultern, fragende, verzweifelte Blicke.

Mehr Umsätze pro Kopf als in Las Vegas

Chinesen spielen anders - und leidenschaftlich gern.
Es ist nach Mitternacht und im "Venetian", dem größten Kasino der Welt, herrscht noch immer Hochbetrieb. Wie in den anderen 28 Kasinos auch. Die Zahl der Macaureisenden hat sich in den vergangenen Jahren von sieben auf annähernd 25 Millionen mehr als verdreifacht. Die überwältigende Mehrzahl kommt aus China, bleibt einen Tag und gibt im Schnitt pro Kopf um die 350 Euro aus. Dreimal mehr als ein Europäer. Mit ihrer Spielleidenschaft machen sie die Kasinos zu den profitabelsten der Welt. An einem Tisch in Macau verdient das Haus viermal soviel wie in Las Vegas.

  Das erste US-Kasino in Macao: The Macao

Das erste US-Kasino in Macao: The Macao

Ich nehme ein Taxi zum "Grand Emperor Hotel und Casino". Das ist der Gegenentwurf zu den neuen, fast klinisch sauberen amerikanischen Kasinos wie das "MGM" oder "Venetian". Vor dem Eingang steht eine vergoldete Kutsche, im Fußboden der Lobby liegen 88 Goldbarren unter Panzerglas. Davon abgesehen sieht das Kasino aus wie eine wunderbar abgewarzte Spielhöhle zweiter Klasse: Metalldetektoren am Eingang, der Teppichboden mit Flecken übersät, abgenutzter Filz auf den Spieltischen, die Croupiers und ihre Assistenten tragen ausgeleierte, speckige Uniformen, überall stehen prall gefüllte Aschenbecher. Auch hier wird kaum gesprochen, geschweige denn gelacht. Dafür geht es in den VIP-Räumen um richtig viel Geld.

An einem Baccaratisch sitzen ein halbes Dutzend Männer. Vor ihnen stehen Türme von rechteckigen Jetons. Jeder hat zwischen 250.000 und 500.000 Euro dort liegen. Ein Mann, kräftiger Oberkörper, enges rotes T-Shirt, säubert sich mit einem Zahnstocher aus Holz das linke Ohr. Er schiebt 15.000 in die Mitte, betrachtet seinen Zahnstocher gegen das Licht und macht sich damit in seinem Mund zu schaffen. Er verliert, ohne eine Regung zu zeigen. Neues Spiel, altes Unglück, dieselbe konzentrierte Gelassenheit.

Warum scheint es diesen Mann nicht sonderlich aufzuregen, wenn er innerhalb weniger Minuten mehr verliert, als ein chinesischer Arbeiter in seinem Leben verdient? Ist er ein wohlhabender Unternehmer, ein neureicher Börsenspekulant oder ein hochrangiger Parteikader? Die verspielen in Macau regelmäßig Millionen ihrer Schmiergelder. Der Mann setzt 50.000 Euro - und gewinnt. Er verdoppelt auf 100.000. Die Augen des Croupiers flackern kurz nervös auf. Der Spieler gewinnt wieder und über sein Gesicht fliegt nicht einmal ein Lächeln. Er packt seelenruhig alle Chips in zwei leere Kleenexschachteln, steht auf und geht.

"Ich suche einen Mann, der mich liebt"

Die Uhr zeigt Viertel vor drei. Draußen ist es angenehm warm und feucht, es hat geregnet, in den Pfützen spiegeln sich die grünen, blauen und roten Lichtreklamen des nahen "Lisboa" Kasinos. Vor dem "Wynn" sitzt auf einer Bank eine große, kräftige Frau, die muskulösen Beine übereinander geschlagen, der Saum nicht einmal in der Nähe des Knies. Sie winkt mich herbei und will wissen, woher ich komme. "Deutschland"," antworte ich. "Und du"? "Kuala Lumpur, Malaysia", antwortet sie mit dunkler, tiefer Stimme.

Dicke Schichten von hellem Make-up verbergen notdürftig ihre Bartstoppeln. Sie hat hennarot gefärbte Haare und ziemlich lange, künstliche Wimpern. Sie muss heute Morgen beim Anziehen nicht richtig aufgepasst und die Sachen ihrer kleinen Schwester erwischt haben. Sie liegen fast wie eine zweite Haut an ihrem Körper. Die voluminösen Brüste fallen beinah aus dem Ausschnitt. Sie blickt mich mit traurigen, hellbraunen Augen an. "Was machst du in Macau", frage ich. "Ich suche einen Mann, der mich liebt", antwortet sie. Schweigend mustert sie mich. "Bist du das?" "Ich fürchte nicht." "Wie schade."

Eine letzte Runde am Roulettetisch

Das Kasino des "Wynn" erinnert mehr an einen Ballsaal als an eine Spielhölle. Stuck verzierte Decken, feine Teppiche, meterhohe Blumengestecke. Ich stelle mich ein letztes Mal an einen Roulettetisch. "Hast du Glück heute Abend", haucht mir jemand von hinten ins Ohr.

"Nicht wirklich." "Soll ich das ändern?" "Wäre schön", antworte ich und drehe mich um. Hinter mir steht eine Frau, Mitte dreißig, lange Haare, sie trägt ein schwarzes, enges Kostüm und ein rätselhaftes Lächeln. "Dann gib mir 1000 Hongkong Dollar." "Wofür?" "Ich setze sie für dich."
Ich gebe ihr hundert.

Sie setzt auf Rot. Rot kommt. "Siehst du." "Ich sagte doch, ich habe kein Glück heute Abend." Sie lässt die 200 Dollar auf Rot stehen. Rot kommt. Sie verzieht keine Miene. Die Jetons bleiben auf Rot. Elf. Schwarz. Sie zuckt mit den Schultern. "Massage?" "Nein, danke." Sie wendet sich wortlos ab und wackelt auf hochhackigen Schuhen davon.

Es ist halb vier. Bald bricht die Morgendämmerung an. Ich fahre zum Hafen, Schnellboote nach Hongkong gehen rund um die Uhr. Die Fähre um vier ist bis auf den letzten Platz besetzt.

Infos

Macau-Fremdenverkehrsbüro

Schenkendorfstr. 1, 65187 Wiesbaden. Tel. 0611 267 6730www.macautourism.gov.mo

The Venetian

Estrada da Baia De N. Senhora da Esperanca, s/n, The Cotai Strip, Taipa, Macau, Tel. +853 2882-8888, DZ ab 130
www.venetianmacao.com

Grand Emperor Hotel

288, Avenida Comercial De Macau, Macau, Tel. +853 2888-9988, DZ ab 80 Euro
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