Arabien zum Angewöhnen

Die Heimat Sindbad des Seefahrers ist ein gelassenes arabisches Land, das seine Traditionen bewahrt und dabei Fortschritt und Gäste offen begrüßt - eine Entdeckungstour im Geländewagen durch den Oman. Von Stefan Schomann

Sultanat Oman, Oman, arabsiche Halbinsel, Muskat, Masket, Weihrauch

Ein Delfin pflügt durch die Meerenge von Hormus©

Zwei Delfine sausen heran, schnattern und kreisen um unsere Dhau. Wie bei einer Zirkusnummer schnellen sie hoch und klatschen ins Wasser, und wie eine Manege wirkt auch die kleine Bucht mit ihren Kalksteinwänden, irgendwo im Labyrinth aus Meeresarmen, Fjorden und Inselchen in der Straße von Hormus.

Die Halbinsel Musandam ist eine Exklave im Norden, vom Hauptgebiet Omans durch den Flickenteppich der Vereinigten Arabischen Emirate getrennt. Von der Hafenstadt Khasab aus sind wir mit unserer Kreuzung aus Schnellboot und Waschzuber aufs Meer getuckert. Zwanzig Gäste räkeln sich auf den mit Teppich belegten Planken. Die Boote gab es schon zu Zeiten Sindbad des Seefahrers, des wohl berühmtesten Omaners - dessen Nachfahren allerdings längst Motorboote bevorzugen. Erst für die Touristen werden wieder Dhaus gezimmert.

Vor einer kleinen Insel ankern wir und lassen uns ins warme Wasser gleiten, schweben über den Korallenstöcken. Wie ein Mobile kreisen Drückerfische, Doktorfische und leuchtend bunte Kaiserfische oberhalb des Riffs, in dem sich Seeigel und Muscheln verbarrikadiert haben.

An der Straße von Hormus

Vor wenigen Jahren war hier noch militärisches Sperrgebiet. Die Straße von Hormus ist nicht nur einer der ältesten Seewege der Welt, sondern auch immer noch einer der wichtigsten - die Meerenge liegt am Eingang zum Persischen Golf. Doch das Sultanat Oman macht sich bereit für die ersehnten Touristen; für die Menschen in der Wüste von Musandam gibt es außer dem Schmuggeln nicht viele Wege, Geld zu verdienen. Gäste finden ein Land vor, in dem sich der alte Sindbad auch heute nicht allzu fremd fühlen würde. Die Omaner leben traditioneller als manche ihrer Nachbarn etwa in Katar oder Kuwait. Wer authentisches arabisches Leben sucht, wird in diesem Reich der Wüsten, Hochgebirge und Steilküsten fündig.

Tankschiff statt mühsamer Gang zur Quelle

Am nächsten Morgen nimmt uns Bootsmann Shihab mit in sein Dorf Sibi. Weit hinten in der Bucht zwängen sich ein paar flache Häuschen an eine Felswand. Hier erscheint eine Hand hinter einem Vorhang, dort ein Frauenkopf. Dass Shihab Besuch anschleppt, kommt selten vor. Er stellt uns seiner Schwester Joaha vor, der Einzigen, die im Dorf Englisch spricht. Dabei hat sie nie eine Schule besucht. "In den Dörfern werden nur die Jungs aufs Internat geschickt", sagt sie. Doch woher rührt ihr tadelloses Englisch? Sie weist auf den Fernseher in der nahezu kahlen Stube, ihren Privatlehrer. Dort laufen Bollywoodfilme nonstop.

Joaha, zwanzig Jahre jung, ist voller Vorfreude: Bald wird sie ihren Cousin Ahmad heiraten. Von klein auf kennen sie sich - seit der Verlobung aber wechseln sie kaum mehr ein Wort miteinander. Denn das schickt sich nicht: "Er sagt hi, ich sage hi. Nicht mehr." Als Liebesbeweis hat er ihr ein ausladendes, mit goldenem Plüsch bezogenes Bett gezimmert.

Ihr Haar verhüllt Joaha mit einem malvenroten Tuch. Draußen gesellen wir uns zu drei verheirateten Frauen, die zusätzlich Gesichtsmasken unter ihren Tüchern tragen. Sie hocken im Schatten der Hauswand, mit Blick auf die Bucht. Darunter Fatima, offenbar eine Großtante, ganz klar wird das nicht. Auch ihr Alter bleibt unbestimmt. "Ich habe nicht mitgezählt", spottet sie mit schnarrender Stimme.

Sie freut sich über die Abwechslung; viel passiert hier sonst nicht. Ja, früher! Da mussten sie sich täglich plagen. Zwei Wegstunden bis zur Quelle, dazu das mühselige Sammeln von Feuerholz. Seit aber ein Tankschiff die Wasserspeicher füllt, seit Stromleitungen gespannt wurden und indische Hausmädchen noch im entlegensten Dorf Dienst tun, haben die Frauen ein leichtes Leben. "Wir plaudern eigentlich die ganze Zeit", sagt Joaha mit einem Lachen.

Entdeckungen im Weihrauchland
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Entdeckungen im Weihrauchland
Entdeckungen im Weihrauchland Durch die wüste Weite des Omans
Übernommen aus:

Übernommen aus: Geo Saison, Heft 12/2012, ab sofort für 5 Euro am Kiosk. Dort finden Sie auch den kompletten Serviceteil zur Oman-Reportage.

Seite 1: Arabien zum Angewöhnen
Seite 2: "Wo du Berge siehst, da ist Oman"
Seite 3: Mitten in einer Karl-May-Landschaft
 
 
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