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Als Frau im Iran unterwegs: Das Land hinter dem Schleier

35 Jahre nach der Machtergreifung der Ajatollahs öffnet sich das Land der Welt. Reisende treffen auf Frauen, die ihre Freiheiten ausloten, bestaunen Karawansereien, Wüstenstädte, Perser-Paläste.

Von Meike Winnemuth

O Gott, Iran? Was willst du denn da?" Die Reaktionen waren dieses Mal heftiger als bei meinen bisherigen Reisen ("Hmm, Mumbai …", "Ähm – Äthiopien?"), was mich nicht weiter wunderte. Denn es gibt ja gar nicht so wenige Orte, die auf der inneren Weltkarte der meisten Leute geschwärzt sind, No-go-Zonen, undenkbar als Reise ziele.

Die Ausschlusskriterien? Ich rate mal: Länder, die zu oft in der Tagesschau vorkommen. Länder, deren Bewohner ständig "Tod den …" zu brüllen scheinen. Länder, die auf -an enden. Iran steht auf dieser Liste ziemlich weit oben, ein Triple-A-Staat: Achse des Bösen/Ayatollah-Regime/Atomprogramm (je nach Veranlagung ergänzt durch ein viertes A: Alkoholverbot, strafbewehrt mit 80 Peitschenhieben).

Dazu noch wöchentlich Meldungen, dass die Sittenpolizei mal wieder ein paar Studenten verhaftete, die zu Pharrell Williams' "Happy" tanzten, die strenge Kleiderordnung auch für Touristinnen und nach Geschlechtern getrennte Strände – all das reicht für die Kategorie WSID: Was soll ich da?

Rosenöl, Safran und Dichterkult

Sagt man stattdessen, man fahre nach Persien, werden die Blicke weicher. Ah, Persien … Gärten voller Nachtigallen und Granatapfelbäume, juwelenfarbene Teppiche in prächtigen Palästen, Karawansereien an der Seidenstraße, Rosenöl und Safran, Dichterkult und Tausendundeine Nacht. Ein Traumziel für Europäer, schon seit Jahrhunderten. Und dieses Paradies soll sich binnen weniger Jahrzehnte in einen Ort der Verdammnis verwandelt haben? Das muss man sich doch einmal angucken. Zumal man ein Land weder mit seinen Schlagzeilen noch mit seinen Mythen verwechseln sollte.

Der Zeitpunkt scheint günstig. Unter dem seit 2013 amtierenden Präsidenten Rohani lockern sich die Sitten im Gottesstaat, werden wieder Kontakte mit dem Westen geknüpft, um das Land aus wirtschaftlicher und politischer Isolation zu befreien. Jede noch so kleine Meldung wird als Zeichen der Hoffnung bejubelt: Rohani hat sich im kurzärmeligen Hemd zu Hause beim Fußballgucken fotografieren lassen! Er twittert!

Die ersten Mädchen durften ohne Repressalien Fahrrad fahren! Sensationell! Die Touristenzahlen haben sich im vergangenen Jahr erholt, wenngleich den größten Anteil immer noch schiitische Pilger aus dem Irak und anderen Nachbarstaaten ausmachen.

In der Hölle von Teheran

Ob Himmel oder Hölle, der Weg zur Wahrheit führt durch das Fegefeuer der 8,5-Millionen-Metropole Teheran, wo man an diesem Junitag bei 42 Grad auf kleiner Flamme weichgekocht wird. Laut WHO ist Teheran eine der verdrecktesten Hauptstädte der Welt; im Winter zwingt beißender Smog die Regierung immer mal wieder, einen zusätzlichen Feiertag anzuordnen. Der Grund dafür ist offensichtlich: Die Stadt ist ein einziger Parkplatz, die Leute wohnen im Stau.

Verkäufer reichen Melonen und raubkopierte CDs zum Probehören ins Innere unseres Wagens, Werbebroschüren für Möbel werden durchs offene Fenster geworfen, glühende Holzräucherfässchen hineingeschwenkt gegen Unfälle und böse Geister, und über allem blinkt verzweifelt eine Digitalanzeige mit der Aufforderung, sich bitte an die Straßenmarkierungen zu halten. Aber warum vierspurig, wenn man auch fünfspurig fahren und sechsspurig stehen kann? Doch wenn man quälend langsam das Ende der knapp zwanzig Kilometer langen Valiasr erreicht hat, der längsten Straße Teherans, die das alte Zentrum im Süden rund um Bahnhof und Basar mit den Luxusvierteln im Norden verbindet, wird klar, wie nah hier einander Himmel und Hölle sind.

In Elahiyeh ist die Luft kühler und klarer, hinter hohen Mauern blühen Gärten, die von den Quellen des nahen Elburs-Gebirges gewässert werden, und in der Ferne leuchtet der schneebedeckte Gipfel des Damavand, an dessen Hängen man Ski fahren kann, während unten im Tal der Hexenkessel von Teheran brodelt.

Eindrücke vom ersten Tag

"Nimm das Kopftuch ab", sagt meine Begleiterin Homeyra Tayebi, Fotografin und Umweltschützerin, als wir das Haus von Maryam Salour betreten. Wirklich? "Aber natürlich", sagt Maryam, "wir sind doch unter uns." Das Verrückte ist, dass ich mich schon nach einem Tag ungehörig nackt fühle ohne Kopftuch. Die Keramikkünstlerin Maryam lacht nur, als ich das sage. Sie hat in Paris studiert, in London gearbeitet, ihre abstrakten Bilder und Blumenskulpturen in Genf ausgestellt; sie kennt die leichte Paranoia von Iran-Neulingen, irgendetwas falsch zu machen.

Während sie Teewasser aufsetzt und einen Kuchen anschneidet ("von meiner Tante gebacken, nach deutschem Rezept"), sortiere ich die Eindrücke dieses ersten Tages. Der boxringgroße Thron aus gelbem Marmor mit seinen reißzähnigen Wächterfiguren im Golestan-Palast, dem Sitz der persischen Monarchen, absurderweise beschallt von der Titelmelodie der TV-Serie "Akte X". Die verspiegelten Stalaktitengewölbe im Diamantensaal, ein gefrorener Sturzbach optischer Täuschungen. Der Lunch im legendären Literatencafé "Naderi": ein paar Salatblätter in einer Plastikschachtel, das Dressing aus einer Honigflasche in Bärchenform.

"Iran ist ein surreales Land"

Der Spaziergang über die 30-Tir-Straße, wo eine Synagoge, eine Moschee, eine Kirche und ein Zoroastriertempel in engster Nachbarschaft stehen. Der Priester in weißen Badelatschen, der das seit 2500 Jahren ununterbrochen brennende Feuer im Tempel der Zarathustra-Anhänger bewacht. Die Frau im Tschador, die auf einem gelb-roten Stepper im Park trainiert, einen Sonnenschutz vorn ans Kopftuch geklemmt. Die 15 Meter hohen Köpfe der Ajatollahs Chomeini und Chamenei an einer Hausfassade. Die herzzerreißend schluchzenden Frauen in der Imamzade-Saleh- Moschee, neben sich ihre spielenden Kinder.

Meine Beklemmung im geliehenen Tschador, der in schiitischen Heiligtümern Pflicht ist. Die alte Dame mit der Daumen-hoch-Geste. Meinte sie es als Zustimmung? Oder in der iranischen Bedeutung als Beleidigung? Eine einzige Überforderung war dieser Tag, zum Kichern, zum Kopfschütteln, zum Schlucken, zum Staunen. "Iran ist ein surreales Land", sagt Maryam, eines, das auch seine Bewohner hin und wieder überfordere. In ihren Arbeiten taucht oft das Bild des persischen Gartens auf, das verlorene Paradies, Ort der Sehnsucht und Erinnerung. "Ich glaube, es ist typisch für uns, dass wir uns immer woanders hinwünschen. In die Vergangenheit, in die Zukunft, in andere Länder. Aber dann bleiben wir doch."

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