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Heimliche Freiheit: Wie iranische Frauen der Sittenpolizei ein Schnippchen schlagen

Sie dürfen nur mit Kopftuch in die Öffentlichkeit, andernfalls drohen ihnen harte Strafen: Frauen im Iran sind in ihrer Freiheit stark eingeschränkt. Doch viele lassen sich das nicht mehr bieten.

Von Marc Drewello

Iran: Selfie von Frau mit Glatze aber ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit

Glatze statt Kopftuch: Eine junge Frau im Iran postete dieses Foto von sich im Internet

Es ist ein gefährliches Spiel, denn im schlimmsten Fall drohen Gefängnis und Peitschenhiebe: Im Iran versuchen Frauen, die Kleidervorschriften der Religionswächter zu unterlaufen. Ihr Trick: Sie schneiden sich die Haare ab und verkleiden sich als Männer. "Ich bin ein iranisches Mädchen. Um der Sittenpolizei zu entgehen, entschloss ich mich, mir die Haare kurz zu schneiden und Männerkleidung zu tragen, so dass ich mich auf den Straßen im Iran frei bewegen kann", heißt es in einem Posting vom 17. Mai auf der Facebookseite My Stealthy Freedom (Meine heimliche Freiheit).

My Stealthy Freedom wurde von der mittlerweile in New York lebenden Iranerin Masih Alinejad vor zwei Jahren ins Leben gerufen, um damit gegen die diskriminierenden Kleidungsvorschriften in ihrem Land zu protestieren. Frauen aus dem teilen dort Fotos von sich, auf denen sie kein Kopftuch tragen.

Ein Hauch von Freiheit im Iran

So wie die Autorin eines Postings von Dienstagmorgen: "Ich hasse es wirklich, wenn mir jemand vorschreibt, mein Haar zu bedecken, damit Männer um mich herum nicht erregt werden", schrieb sie unter der Überschrift "Why I cut off my hair" ("Warum ich meine Haare abschneide"). Dazu veröffentlichte sie ein Foto von sich mit abgenommenem Hidschab und kurzen Haaren. "Seit ich einen Führerschein habe, trage ich mein Haar absichtlich kurz, um wenigstens in meinem eigenen Auto einen Hauch von Freiheit zu genießen", berichtete die Frau. "Wer mich sieht, hat den Eindruck, ich sei ein Mann, der mit seinem Auto fährt, und lässt mich in Ruhe."

Seit der islamischen Revolution von 1979 müssen Frauen im Iran in der Öffentlichkeit ihre Haare bedecken. Auch ihre Körperformen dürfen nicht sichtbar sein, sogar wenn sie treiben, müssen sie sich in weite Kleidung hüllen.

Dick angemalt ins Stadion

Wenn Iranerinnen beim Sport zuschauen wollen, helfen ihnen aber auch und Schlabberlook nicht. Fußballstadien sind für sie immer noch tabu. Doch auch hier schaffen es mutige weibliche Fans immer wieder, die Sittenwächter auszutricksen. Ein Video, das vor zehn Tagen auf My Stealthy Freedom veröffentlicht wurde, zeigt eine junge Iranerin, die es in Jungsklamotten und mit angemaltem Gesicht ins Teheraner Azadi-Stadion geshafft hat.

Das Mädchen kann von Glück reden, dass sie nicht erwischt wurde. Denn die Sittenpolizei, die dem geistlichen Oberhaupt und faktisch mächtigsten Mann im Staat, Ayatollah Ali Chamenei, untersteht und die Einhaltung des Dresscodes überwacht, greift bei Verstößen hart durch.

"Keine Haare, keine Sittenpolizei"

Das musste auch eine junge Frau erfahren, die Mitte Mai ein Foto von sich mit Glatze auf My Stealthy Freedom veröffentlichte. Die Iranerin hatte nach eigener Aussage gerade ihre Haare verkauft, um damit Krebskranke zu unterstützen. "Als ich auf die Straße ging, sagte ich mir, 'keine Haare, keine Sittenpolizei! Diejenigen, die mir immer sagen, ich solle meine Haare bedecken, haben keinen Grund, mich festzunehmen'."

Doch da irrte sie sich: "Die iranischen Sicherheitskräfte haben die Frau am Montag, 16. Mai, unter dem Vorwurf des Verstoßes gegen die Scharia und die öffentliche Moral festgenommen. Sie muss in den nächsten Tagen oder Wochen vor Gericht erscheinen", zitiert die Internetseite "The Clarion Project" unter Berufung auf das Nachrichtenportal "Ara News" einen Reporter im Iran. Die Polizei habe die Erklärung der Frau, dass ihre Glatze sie von der rechtlichen Verpflichtung des Kopftuchtragens befreie, nicht akzeptiert.

Models wegen "unislamischer" Fotos festgenommen

Dass die iranische Justiz in moralischen Fragen keine Gnade kennt, hat sie gerade erst bewiesen: Vor wenigen Tagen verkündete das Gericht für Cyberkriminalität die Festnahme mehrerer Models. Die Frauen hätten sich der "Verbreitung unmoralischer Inhalte und einer antiislamischen Kultur" schuldig gemacht, weil sie im Internet Modefotos von sich veröffentlicht hätten, auf denen ihre Haare zu sehen seien, hieß es.

Und im Mai 2014 nahm die Polizei drei junge Männer und drei junge Frauen fest, weil sie - wie viele andere Menschen auf der Welt - zu Pharrell Williams Superhit "Happy" getanzt, sich dabei gefilmt und das Video auf YouTube hochgeladen hatten. Die Strafe für so viel unerlaubtes Glück: sechs Monate Gefängnis und 91 Peitschenhiebe auf Bewährung.


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