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Michel Abdollahi im Interview: "Teheran ist eine Mischung aus Moskau und New York"

Wunderbar aufregend findet der TV-Reporter Michel Abdollahi seine Geburtsstadt Teheran. Ein Gespräch über das neue Trendziel Iran, USA-Reisen und kulturelle Missverständnisse.

Michel Abdollahi

Michel Abdollahi: Mit seiner charmant-ironischen Art bewegt sich der 1981 in Teheran geborene Künstler zwischen Unterhaltung und Journalismus. Abdollahi lebt seit 30 Jahren in Hamburg. Er etablierte Poetry-Slams im In- und Ausland, arbeitet als Conférencier, Performance-Künstler sowie als TV-Reporter für den NDR. Für seine Fernseh-Reportage "Im Nazidorf" erhielt er 2016 den Deutschen Fernsehpreis. Der bunt angestrahlte und 45 Meter hohe Freiheitsturm ist das Wahrzeichen Teherans.

Weil Sie neben Ihrem deutschen auch den iranischen Pass besitzen, will Ihnen US-Präsident Donald Trump per Dekret die Einreise in die verweigern…

… wobei die Einreise schon vorher problematisch für Iraner war. Aber völlig ausgegrenzt zu werden aus einem Land, das so offen und frei sein will, seine Grundwerte daraus ableitet und eine große Immigrationsgeschichte hat, das macht mich einfach nur traurig.

Nicht wütend?

Wütend wäre ich, hätte ich eine teure Reise gebucht, die nun ins Wasser fällt. Aber Gefühle reichen nicht. Ich mache den Mund auf, mache auf diese Ungerechtigkeit aufmerksam. Es sind viele Iraner in die USA ausgewandert, darunter Künstler und Forscher. Sie bilden einen Teil der . Der Ausschluss richtet viel Schaden an.

Der Bann traf sieben Länder und löste weltweit große Empörung aus. Würden Sie sich wünschen, dass Touristen die USA boykottieren?

Ich denke, die meisten Reisenden sehen das pragmatisch und schauen eher auf die Preise und auf attraktive Ziele. Es wäre schon spannend, würden die Leute aus politischen Gründen Reiseziele boykottieren. Das wird aber nicht passieren. Und man darf nicht vergessen: Trump ist nicht die USA! Nur ein Teil der Amerikaner teilt seine Gesinnung, kein Grund, das ganze Land zu verurteilen. Mit einem Boykott schadet man eher den Falschen, etwa denen, die vom leben.

Der wird derweil als Reiseziel immer beliebter, Sie selbst fahren ja auch mehrmals im Jahr dorthin. Wie sehr hat sich Ihr Heimatland verändert, seit Sie es vor 30 Jahren verließen?

Der junge Iraner trinkt jetzt Kaffee statt Tee. Sehr hip. Ansonsten sind die Leute so gastfreundlich wie immer. Das Land war schon immer eine Reise wert. Jetzt öffnet es sich nur verstärkt dem Markt, und begeisterte Reisende aus dem Westen tragen ihre Erfahrungen weiter. Viele sind verwundert, wie wenig exotisch das Land eigentlich ist.

Die Autorin Tina Uebel sagte uns nach einer Weltreise im Interview, sie habe nirgendwo freundlichere Menschen getroffen. Der verklärte Blick einer Touristin?

Nein, es stimmt, wir werden zu einer sehr herzlichen Auffassung von Gastfreundschaft erzogen. Das überwältigt jeden Europäer.

Wohin würden Sie Iran-Einsteiger schicken?

Teheran ist natürlich ein Muss, eine aufregende Mischung aus Moskau und New York. Das gebirgige Umland mit Skigebieten ist schnell mit einer Seilbahn direkt aus der Stadt erreichbar. Dank der tollen Infrastruktur lässt es sich im Iran prima  umherreisen. Im Süden lohnen die wunderschönen Gartenstädte Isfahan und Schiras, der Persische Golf. Womit man sich arrangieren muss: Es gibt noch nicht so viele Hotels.

Was ist das größte kulturelle Missverständnis, dem Deutsche gegenüber dem Iran aufsitzen?

Dass viele glauben, es gehe im Iran zu wie in Saudi-Arabien, wo die Frauen unmündig sind und voll verschleiert herumlaufen müssen. Im Iran studieren mehr Frauen als Männer, und sie tragen allenfalls ein Kopftuch.

Gibt es auch Gemeinsamkeiten? Die Liebe zur Literatur, zur Sprache. Auch der Iran ist ein Land der Dichter und Denker, hat eine lange Lyrik- und Wissenschaftstradition von Weltruhm. Beispielsweise Goethe hat das schon früh erkannt.

Sie kamen im Alter von fünf Jahren von Teheran nach Hamburg. Wo ist Ihre Heimat?

Zwei Herzen in der Brust zu haben, ist etwas sehr Schönes. Was als Jugendlicher zu inneren Identitätsproblemen führte, ist heute eine Bereicherung. Ich fühle mich oft überall schnell zu Hause und habe es abgelegt, in Nationen zu denken. Verschiedene Kulturen zu kennen, führt dazu, dass sich die Menschen besser verstehen. Davon bin ich überzeugt. Viele möchten aber nichts anderes kennenlernen. Das ist schade, denn Reisen würde garantiert helfen.

Was ist deutsch an Ihnen, was iranisch?

Das müssen andere beurteilen. Ich sehe mich als aus Hamburg, der mal aus dem Iran hierhergezogen ist. Diese Erfahrungen bringe ich in meine Arbeit ein, um zu zeigen, wie gut zwei Kulturen miteinander harmonieren können. Kann sein, dass ich die Sängerin Googoosh höre, wenn ich Grünkohl koche, oder Udo Jürgens, wenn ich Tschelo Kabab grille, die persischen Fleischspieße. Beide Kulturen sind untrennbar verwoben, ich will gar nicht mehr zwischen ihnen unterscheiden.

Wo verbringen Sie Ihren Urlaub?

Viele suchen immer das ganz große Abenteuer. Ich finde, das bekommt man auch, wenn man das Abenteuer schon in sich trägt. Beim Reisen bin ich altbacken und pragmatisch: Am besten, ich kann die Sprache, kenne die Währung, komme mit dem Essen zurecht. Ich liebe Städtetrips: London, Paris, San Francisco, New York. Oder ich reise in meine Heimatstadt Teheran.

Interview: Thomas Merten

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