Komfortfrei, saubillig - und eiskaltes Design: Cube-Hotels sind die Skihütten der MTV-Generation. Von Stéphanie Souron

Stahl und Glasstatt Schindelholzromantik: die funktionalen Hotel-Würfel von Nassfeld© Mirco Taliercio
Olivers Aufenthalt in der Zelle beginnt an einem klaren Tag im Februar. Draußen versinkt die Nachmittagssonne hinter dem Trogkofel und taucht die Pisten der Skiarena im österreichischen Nassfeld in warmes Licht. Die letzten Boarder rutschen über vereisten Schnee, in den Hütten machen sie jetzt das große Apres-Ski-Geschäft mit Schlagern und Jagertee. Im Innern des "Cube" bekommt Oliver davon nicht viel mit. Nur spärlich dringt Sonne durch die Fenster, im ganzen Gebäude gaukelt buntes Neonlicht Gemütlichkeit vor. Von der 24-Stunden-Bar weht ein Hauch von Tiefkühlpizzaduft herüber. Oliver wirft seine Tasche auf den Betonboden und reiht sich in die Warteschlange ein. Als er dran ist, schiebt ihm eine Frau mit schwarzem T-Shirt eine Plastikkarte zu. Darauf sind seine Daten gespeichert: wie lange er bleibt, auf welcher Etage seine Box liegt und mit wem er sie teilt. Für die Mahlzeiten bekommt er ein Extra-Kärtchen. Bei jedem Essen werden sie ihm ein Loch in die Pappe stanzen. "Das Check-in ins Cube war skurriler als alles, was ich bisher erlebt habe", sagt Oliver.
Der Klempner aus Hamburg fühlte sich bei seinem Einzug ins Cube Nassfeld eher an einen Knasturlaub erinnert als an Ferien im Skigebiet. "Es war ein Schock", sagt er. Ursprünglich wollte Oliver, 31, zusammen mit seinen Freunden Thorsten, 34, und Victor, 29, in einer netten Pension in Ischgl Urlaub machen. Doch weil sie mit der Hotelreservierung getrödelt hatten, war die Zimmerkategorie "erschwinglich" längst ausgebucht. Dann stieß Oliver im Internet auf Cube.
Das Hotelkonzept Cube, so werben die Veranstalter, soll Entertainment, Sport und Design vereinen. Optisch hält der Würfel, was der Prospekt verspricht: Von der Gondel aus erinnern die beiden dreistöckigen Hotelklötze eher an ein Parkhaus, aber aus der Nähe verwandelt sich das Zusammenspiel von Holz, Beton und Glas in ein Kunstwerk. In den Zimmern reduziert das "Design ohne Kompromisse" die Bedürfnisse der Urlauber aufs Wesentliche. Auf der einen Zimmerseite verkleiden Pressspanplatten die Wände. Gegenüber, wo die Metallpritschen im Doppelstock stehen, schmiegen sich Oliver und seine Freunde an den blanken Beton. Schränke gibt es keine, für die Klamotten ist Platz unterm Bett. Und zum Lesen spendet eine Baustellenlampe Licht. "Ein bißchen sehr funktional", lästert Oliver. Das beengte Wohnen hat auch einen Vorteil. Was in den Zimmern an Platz gespart wurde, verleiht dem Treppenhaus Weite. Obwohl, was heißt Treppenhaus? Stufen sind nur für Notfälle eingebaut, zu den Zimmern führen Rampen im Quadrat nach oben. Auf dem Weg zur eigenen Box läuft man an zahlreichen anderen Zellen vorbei. Jede hat als Vorbau einen fast transparenten "Showroom", in dem Boards abtropfen und Skischuhe trocknen.

Innen geht's nüchtern weiter. Rampenaufgänge führen zu den einzelnen Zimmern© Mirco Taliercio
"Die Bauweise gibt die Begegnung vor", sagt Architekt Jesko Hutter. "Wir haben uns überlegt, was junge Leute von ihrem Skiurlaub erwarten, und daraus sind die Cubes entstanden." Oberste Priorität haben trockene Klamotten: Im Showroom bläst eine unsichtbare Heizung Wärme in nasse Anoraks und Skisocken. Und weil jeder von außen sieht, was in den Showrooms trocknet, fördert die Transparenz auch die Kommunikation. "Du schaust, was hat der Nachbar für ein Board? Wie hat der die Bindung eingestellt? Und schon bist du im Gespräch", sagt Hutter. "Auch die Etagendusche ist eine Begegnungsstätte."
Aber nur mit einem Handtuch um den Bauch wollten die drei Hamburger Jungs lieber niemanden antreffen, deshalb haben sich Oliver, Thorsten und Victor ein Vierbettzimmer mit eigener Dusche gegönnt - und damit sie unter sich bleiben, haben sie das vierte Bett gleich mitgemietet. Weil die Boxen mit eigener Dusche und WC besser gebucht werden als die Basic-Version mit Etagenhygiene, wird es im neuen Cube-Hotel, das im Juni in Biberwier/Lermoos an der Zugspitze eröffnet wird, ausschließlich Zwei- und Vierbettzellen mit wandschrankintegrierter Brause geben. Die Zimmerbelegung funktioniert aber auch dort nach dem Zufallsprinzip: Wer nicht die komplette Box bucht, bekommt die Mitbewohner zugewiesen - das Geschlecht spielt dabei keine Rolle.
Für solche Spässe sei er eigentlich zu alt, sagt Oliver. Dennoch hat ihn Cube überzeugt: Übernachtung und Frühstück kosten ihn pro Tag in der Hochsaison im Vierbettzimmer 63 Euro - inklusive Liftpass. "So viel hätte in Ischgl wahrscheinlich allein der Skipass gekostet", vermutet der Hamburger. Und außerdem sind gestern drei nette Mädels aus Deutschland nebenan eingezogen. Die muss man unbedingt nachher in der Disco ansprechen.