"Last Minute ohne Ende!"

15. Januar 2006, 09:00 Uhr

Spätbucher müssen nicht verzweifeln. Der Tourismusexperte Karl Born ist überzeugt, dass es auch in diesem Jahr wieder jede Menge Sonderangebote geben wird.

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Müssen Pauschaltouristen in diesem Jahr bluten? Teils, teils. Zwar haben die Reiseunternehmen ihre Preise nur um ein paar Prozent erhöht, aber das sind Durchschnittswerte. In Wahrheit sind manche Reisen kräftig teurer, andere deutlich billiger geworden. Die Spanne zwischen den höchsten und den niedrigsten Preisen wird 2006 noch größer. Was bezwecken die Anbieter damit? Sie schlagen in der Hochsaison zu, wenn die Kunden sowieso reisen. Aber in den Nebenzeiten wird es für sie schwieriger. Da müssen sie mehr Rabatte geben als jemals zuvor. Werden Urlaubsreisen demnach zeitweise unter Wert verkauft? Die Crux ist, dass in der Vergangenheit die Kapazitäten durch Zukäufe enorm zugenommen haben, ohne dass die Zahl der Kunden im gleichen Maße mit gewachsen wäre. In ihrer Not haben die Firmen nur noch über den Preis verkauft. "Noch billiger als im Vorjahr!", hießen die Werbesprüche. Das war ein klarer Fehler. Ich habe in meiner Zeit bei der Tui versucht, das zu ändern. Die Tui-Reise wurde als Qualitätsprodukt verkauft, das sich von dem der Konkurrenz abhob. In der Reiseflaute nach dem 11. September 2001 wurde das etwas vernachlässigt. Seit einem Jahr versucht Tui aber wieder, die Themen Qualität und Innovation in den Vordergrund zu stellen. Wie soll der Kunde einen Unterschied bei der Qualität von Pauschalreisen erkennen? Er fliegt ja oft mit derselben Gesellschaft wie Gäste anderer Veranstalter, wohnt manchmal sogar im selben Hotel wie diese. Die Reiseunternehmen versuchen, genau das zu verhindern. Zimmerkontingente in einem Hotel kaufen sie nur unter der Bedingung ein, dass der Erzrivale außen vor bleibt. Das gelingt gewöhnlich auch, außer bei sehr exklusiven Hotels, die sich nichts diktieren lassen. Sinn der Sache ist, dass die Kunden nicht den harten Preisvergleich machen können.

Das ist tödlich, oder?Es gibt einen Faktor, den ich das Kühlschrankgesetz nenne. Wer einen Kühlschrank kauft und das gleiche Modell ein halbes Jahr später irgendwo billiger entdeckt, den stört das nicht. Der sagt, ich hab ihn ja benutzt, den Kühlschrank. Wenn ich aber eine Reise antrete, die ich schon vor acht Wochen bezahlt habe, und kriege im Flugzeug mit, dass mein Sitznachbar dieselbe Reise billiger gekriegt hat, dann bin ich stinksauer. So entstand der Last-Minute-Boom. Was tun die Veranstalter dagegen? Sie locken mit Frühbucher-Rabatten. Bieten "Turbo-Abschläge" und so weiter an. Bloß kann man aus Last-Minute-Buchern keine Frühbucher machen. Nur aus den normalen Buchern, aber die entscheiden sich ohnehin oftmals früh. Den Rabatt nehmen sie gern mit, doch den Veranstaltern nutzt das wenig. Die verbrennen Geld? Nicht wirklich, weil die Frühbucher-Rabatte größtenteils von den Hotels finanziert werden. Das Problem für die Firmen ist: Wenn die Rabattfrist abgelaufen ist, bucht erst mal keiner mehr. Die einen haben ja schon, die anderen warten ab. Niemand muss nervös werden, wenn er sich nicht früh entscheiden will. Es wird dieses Jahr Last Minute ohne Ende geben! Viele müssen aber nun mal zum Volltarif buchen, wegen der Kinder. Am meisten zahlt immer der Kunde, der zum Beispiel an die Sommerferienter-mine gebunden ist. Da gibt's keine Schnäppchen - normalerweise. In diesem Jahr aber doch. Denn die spannendsten Spiele der Fußball-WM liegen für viele in den Sommerferien. Der Fußballfan ist überwiegend männlich und will die Spiele unbedingt zu Hause sehen. Und deshalb gehen bei solchen Events die Reisebuchungen regelmäßig zurück, jedenfalls so lange, wie Deutschland im Rennen ist. Einen Tag nach dem Ausscheiden der deutschen Mannschaft werden die Reisebüros dann voll bis unters Dach. Bis dahin gibt's mächtig Rabatt. Wer kann, sollte in dieser Zeit Urlaub machen, gleich zu Beginn der WM.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 2/2006

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