Die Kurvendiskussion

12. Dezember 2012, 06:00 Uhr

Vereine und Liga haben das Konzept "Sicheres Stadionerlebnis" verabschiedet - gegen den Willen der Fans, die sich übergangen fühlen. Worum es bei dem Streit wirklich geht. Von Joel Stubert

Zwölf Minuten und zwölf Sekunden waren die Fankurven in den Bundesligastadien am vergangenen Wochenende größtenteils ruhig. Zum dritten Mal in Folge. Es war eine in der Bundesliga-Geschichte einzigartige Protestwelle, bei der sich Anhänger aller Vereine miteinander solidarisierten und gemeinsam gegen die geplante Verabschiedung des Konzepts "Sicheres Stadionerlebnis" protestierten. "12:12 - Ohne Stimme keine Stimmung" heißt die Bewegung, die mit Plakaten, Parolen, friedlichen Demonstrationen auf der Straße und dem rund zwölfminütigen Schweigen zu Beginn der Bundesligaspiele versuchte, das Konzept zu verhindern. Auch während der Vollversammlung in Frankfurt gab es Proteste von rund 600 Fans. stern.de gibt die Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um das Konzept "Sicheres Stadionerlebnis".

Was hat es mit dem DFL-Sicherheitspapier auf sich?

Am Mittwoch soll bei der Vollversammlung der Deutschen Fußball Liga (DFL) das Sicherheitskonzept "Sicheres Stadionerlebnis" verabschiedet werden. Das Papier umfasst 16 Anträge, die den deutschen Fußball besser gegen Randalierer schützen sollen. Beispielsweise sollen der Dialog zwischen Fans und Klubs verankert werden oder die Einlasskontrollen an den Stadioneingängen verschärft werden. Bei der Vollversammlung der 36 Profiklubs reicht eine einfache Mehrheit, um das Sicherheitskonzept zu beschließen.

Wieso muss das Konzept jetzt verabschiedet werden?

Vor dem Hintergrund sich (gefühlt) häufender Gewaltakte im Fußball sieht die Politik Handlungsbedarf und will von der DFL Maßnahmen sehen. Die Innenminister von Bund und Ländern haben die Vereine mit Nachdruck aufgefordert, das Konzept zu verabschieden und umgehend umzusetzen. Deswegen kommt Zeitdruck auf. Innenminister Hans-Peter Friedrich sieht die Vereine in der Verantwortung, für die Sicherheit im und ums Stadion zu sorgen: "Das Problem ist, dass einige Vereine das Thema nicht ernst nehmen. Sie haben eine Verantwortung, für die Sicherheit der Zuschauer im Stadion zu sorgen. Es kann nicht sein, dass einige Vereine sagen: Gewalt im Fußball? Nie gehört!"

Wie lauten die Kritikpunkte der Ultras?

Die Fans sehen ihre Wünsche im Konzept unzureichend berücksichtigt. Sie bemängeln, nicht ausreichend an der Ausarbeitung beteiligt gewesen zu sein, obwohl das Thema im Kern sie betrifft. Axel Hellmann, Vorstandsmitglied von Eintracht Frankfurt, räumte Fehler beim Vorgehen der DFL und des Ligaverbandes ein. "Wir hätten in der Kommission nach den ersten vorläufigen Ideenansätzen Fanvertreter mit einbinden sollen", sagte Hellmann. Den Ultras fehlt ein klares Bekenntnis zu den Stehplätzen, die ein elementarer Bestandteil ihres Stadionerlebnisses sind. Auch die Möglichkeit, dass Vereine durch die Ausrufung eines "Risikospiels" eine Reduzierung des Kartenkontingents für Gästevereine erreichen können, missfällt den Fans. So könnten die gastgebenden Vereine an mehr Tickets für ihre eigenen Zuschauer kommen. Die Möglichkeit, Ganzkörperkontrollen vor den Stadien durchzuführen, stößt ebenfalls auf wenig Verständnis. Alle Kritiker des Papiers halten den Erfolg eines Sicherheitskonzepts nur für möglich, wenn der Inhalt von den Fans mitgetragen wird. Sollten ihnen aber nur weitere Repressalien drohen, könnte sich die Situation dramatisch verschlechtern. Volker Goll von der Koordinationsstelle Fanprojekt sieht noch eine andere Dimension in der Entscheidung. Die Proteste gegen das Papier würden sich um eine andere, grundsätzlichere Frage drehen: "Wie werden wir als Fans gesehen und behandelt - als Zuschauer, als Konsumenten, als Gewalttäter oder wertschätzend als Unterstützer?"

Wie lauten die Gegenargumente der DFL und der Vereine?

Zur Reduktion der Gästetickets äußerte sich der Geschäftsführer von Borussia Mönchengladbach, Stephan Schippers in "11 Freunde": "Zunächst einmal war diese Reduktion bislang auch ohne DFL-Papier möglich, denn in Paragraph 32 der Richtlinien zur Verbesserung der Sicherheit bei Bundesligaspielen ist dieser Punkt bereits verankert." Zudem werde dieses Mittel nicht willkürlich von Vereinen und Verbänden eingesetzt. Eine Abschaffung der Stehplätze, betonte DFL-Präsident Reinhard Rauball mehrfach, sind gar nicht Gegenstand des Antragspakts. Zur Diskussion über die Ganzkörperkontrollen sagte Schippers: "Die Möglichkeit der intensiven Personenkontrolle besteht doch heute schon, je nach Einschätzung der Polizei und der Vereine. Das Konzept sieht doch keine Verschärfung vor, sondern nur eine Verbesserung der Rahmenbedingungen. Wir haben manchmal das Gefühl, dass dem einen oder anderen Vereins- oder Fanvertreter das bestehende Regelwerk und das überarbeitete Antragspaket gar nicht en detail bekannt sind."

Was passiert nach der Verabschiedung?

Die Proteste gehen wohl erst einmal weiter. Das sieht auch Hellmann so: "Es wird auch nach dem 12. Dezember eine Welle des Protestes geben. Da mache ich mir nichts vor. Aber diese Welle müssen wir aushalten", sagt das Vorstandsmitglied von Eintracht Frankfurt. Fan-Experten befürchten sogar eine Eskalation. "Wenn die Hardliner in den Kurven, die jetzt schon den Dialog ablehnen, die Meinungsführerschaft übernehmen, weil sich die Gemäßigten frustriert zurückziehen, wird sich die Situation weiter zuspitzen", sagt Sven Brux, der Sicherheitschef des FC St. Pauli. Das Worst-Case-Szenario könnte eine Spaltung des Ligaverbands sein. Vereine wie St. Pauli oder Union Berlin, die das Mitspracherecht der Fans nicht gewahrt sehen, auf der einen Seite und die einflussreichen Klubs, die das Konzept in der Form befürworten, auf der anderen Seite.

MEHR ZUM THEMA
Sport-Liveticker
Fußball-Bundesliga - live Fußball-Bundesliga - <i>live</i> Die Jagd nach der Schale Zum Liveticker
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (18/2014)
Die vegane Versuchung