Jedes Spiel eine Spritze

19. September 2013, 18:51 Uhr

Warum dopen Sportler? Ex-Football-Profi Nate Jackson gibt in seiner Biographie eine ehrliche Antwort. Und ermöglicht gleichzeitig einen Einblick in das gnadenlose System der amerikanischen Profi-Liga. Von Alexandra Kraft, New York

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Nate Jackson im Jahr 2008 im Trikot der Denver Broncos©

Die Quarterbacks sind die umjubelten und hoch bezahlten Superstars in der amerikanischen Football Liga (NFL). Von den Fans werden sie als moderne Gladiatoren verehrt. Ihre Leistungen auf dem Platz zieren die Schlagzeilen. Aber sie sind nur die glänzende Seite der NFL. Der großen Mehrheit der Footballer ergeht es wie Nate Jackson.

Sechs Jahre spielte er für die San Franscisco 49ers und die Denver Broncos als sogenannter "Tight End". Blockte, rammte Gegenspieler aus dem Weg, hoffte, den perfekten Pass zu fangen - und im Team bleiben zu dürfen. Dabei brach er sich die Knochen, ruinierte seine Schulter und fürchtet heute, sein Gehirn könnte von den vielen Zusammenstößen Schäden davon getragen haben.

Nur wenige Fans kennen die Namen von Spielern wie Nate Jackson. Denn sie sind nicht wichtig, sie sind austauschbar. Kanonenfutter eben. Hinter ihnen warten schon zahllose, hungrige und jüngere Spieler, die jederzeit ihren Platz im Team übernehmen können. Nate Jackson musste, wie fast alle Profis in der NFL, jeden Tag damit rechnen, von seinem Team gefeuert zu werden. Denn Footballer wie er, erhalten keine langfristigen Verträge. Manche werden sogar nur auf Tages-Basis engagiert.

Joint gegen Schmerzen

Der Druck ist unglaublich. In jedem Training muss er beweisen, dass er es verdient, im Team zu stehen. Schwächen darf er keine zeigen, in einer Liga, in der Spieler wegen einer Verletzung gefeuert werden. Schmerzen sind in der NFL Alltag, Langzeitschäden werden in Kauf genommen, Schmerzmittel werden gerne und viel geschluckt. Jackson nennt seine Mitspieler "Meat Sacks", eine Herde Fleischsäcke, gegen die er kämpfen muss.

Um durchzuhalten, betäubt er sich regelmäßig mit Medikamenten, die ihm Ärzte verschreiben. "Jeden Tag eine Spritze", so sein Motto. Und halfen die nicht mehr gegen die Schmerzen, rauchte er einen Joint. Das ohenhin beste Schmerzmittel, wie er sagt.

Mit 30 Jahren ist dann trotzdem Schluss für Nate Jackson. Er hat eine langwierige Verletzung, wird zur Saison nicht richtig fit, da mustern die Denver Broncos ihn aus. Zu alt, zu schwach, zu oft verletzt, so ihre Begründung. Jackson muss seinen Spind im Trainingszentrum räumen. Ein traumatisches Erlebnis für den Mann, dessen Leben sich seit der Kindheit fast nur um Football gedreht hatte. Jackson sagt: "Meine Mitspieler waren meine Familie geworden. Der Club war meine Lebensader. Sie waren gut zu mir. Ich liebe sie."

Reisen mit der Kühlbox

Jackson fühlt sich als Versager. Soll es wirklich so enden, fragt er sich? Kann er seinen Traum, ein erfolgreicher NFL-Spieler zu sein, schon aufgeben? Nach einem Anruf bei seinem Agenten, der ihm noch einmal sagt, wie schlecht in seinem Alter die Chancen stehen, jemals wieder ein Team zu finden, entscheidet sich Jackson, seiner Karriere mit illegalen Mitteln auf die Sprünge zu helfen.

"Ich war noch nicht fertig. Ich hatte den Traum gelebt, wollte ihn nicht so sterben lassen. Ich wollte ihn wieder beleben, sodass ich mich davon verabschieden kann, wann ich will", schreibt er in seinem Buch "Slow Getting up", das gerade in den USA erschienen ist.

Über einen Freund besorgt er sich per Post das Wachstumshormon HGH. Reist fortan immer mit einer Kühlbox, in der er das illegale Medikament transportiert. Trainiert hart - und fürchtet jeden Tag erwischt zu werden. Hofft aber jeden Tag auf den Anruf eines Football-Teams, dass ihn engagieren will.

Schnell wird das Doping für Jackson zur psychischen Belastung. Als er einige Wochen bei einem Freund übernachtet, versteckt er sein Dopingmittel zwischen den Lebensmitteln im Kühlschrank. "Fass ja nicht meinen verdammten Truthahn an", befiehlt er seinem Kumpel. Ist es "shooting time", wie Jackson die Injektionen nennt, zieht er sich in sein Zimmer zurück und spritzt sich "das Gift".

Der Traum ist vorbei

Gleichzeitig redet er sich seinen Betrug schön. "Ich stelle mir das HGH als guter Ritter vor. Ich tue doch nur Gottes Werk. Da ist nichts Unehrliches dran. Ich bin gebrochen und nicht in der Lage, zu tun, was meine Aufgabe ist. Wenn ich jetzt aufgeben würde, wäre das, als würde ich Gott, der mir das Talent gegeben hat, ins Gesicht spucken", beschreibt er seine Gedanken.

Über Monate geht das so. Trotz der täglichen Dosen mutiert Jackson – entgegen seiner Hoffnungen - nicht zum neuen Wundersportler. Auch meldet sich kein NFL-Verein bei ihm. Und irgendwann beginnt er zu zweifeln, ob er das richtige tut. Irgendwann wird der tägliche Betrug, die Lüge zur mentalen Belastung für ihn. "Ich konnte nicht mehr herumlaufen und diese Geheimnis mit mir tragen, das machte mich schwach und ich glaube, nicht Gutes mehr im Leben verdient zu haben."

In einem Wutanfall schmeißt Jackson alle Medikamente in den Müll. Er will so nicht mehr leben. Sein Traum ist vorbei. "Wenn ich noch mal Football spiele, dann sauber", schreibt er. Jackson schafft es nie wieder in ein Profiteam. Heute arbeitet er als Autor.

 
 
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