Die letzte Auflage des Ironman Hawaii endete für Timo Bracht in einem Drama. 2009 kehrt der 34-Jährige als Top-Favorit zum schwersten Triathlon-Rennen der Welt zurück. Mit stern.de sprach der 34-Jährige über seine Siegchancen, Zivilcourage unter Sportlern und den Mythos Hawaii.
Zum Wettkampf baut sich ein gewisses Spannungsgefühl auf. Drei Wochen vorher denke ich bei Hawaii eher an schönes Wetter, tolles Wasser und Urlaubsatmosphäre als an ein brutales Rennen, bei dem ich an meine Grenzen gehen muss. Eine gewisse Lockerheit ist notwendig. Wenn ich mir Wochen vorher schon ausmale, wie hart das Rennen wird, fehlt mir am Renntag dann die Energie, um voll da zu sein.
Bei ganz großen Rennen ändert sich die Stimmung schlagartig. Oftmals läuft das im Unterbewusstsein ab. Man kann gegen diese gewisse Nervosität und Vorstart-Spannung nichts machen. Das ist notwendig, um über sich hinauswachsen zu können. Richtung Wettkampf geht es in eine Art Tunnel, der immer enger wird. Anspannung und Nervosität kommen erst ganz kurz vor dem Rennen. Der Körper ist darauf trainiert und vorbereitet, dass an diesem einen Tag sehr viel von ihm verlangt wird.
Ich gehe sehr offensiv damit um und habe gezeigt, dass ich jeden auf der Welt schlagen kann. Vom Potential her kann ich Hawaii gewinnen, das weiß ich. Am Renntag spielen natürlich viele Faktoren eine Rolle. Der Ironman auf Hawaii ist das unberechenbarste Triathlon-Rennen der Welt. Planung und Voraussagen sind schwer. Ich schwäche die Erwartung deshalb ein bisschen ab und sage: Eine Top-Drei-Platzierung auf dem Podium ist mein Ziel, damit wäre ich zufrieden. Meine Hausaufgaben, sprich mein Training, habe ich gemacht und bin sehr gut vorbereitet. Ich möchte über mich hinauswachsen.
Ich brauche den perfekten Tag. So einen Tag hatte ich in diesem Jahr beim Ironman in Frankfurt, wo ich mit Streckenrekord und Weltjahresbestzeit in einem harten und engen Rennen die besten der Welt geschlagen habe. Das war ein Tag, an dem von 100 Prozent wirklich 100 Prozent abzurufen waren. Schon damals habe ich gesagt, dass ich noch nicht am Zenit meiner Karriere bin. Ich bin voll in der Spur. Das gibt mir die Sicherheit, auf Hawaii wieder einen Top-Tag erwischen zu können.
Es gab letztes Jahr diesen tragischen Moment. Ich wurde eine Stunde nach meinem Zieleinlauf disqualifiziert. Am grünen Tisch wurde damals an mir ein Exempel statuiert. Es war ein Kommunikationsproblem vom Kampfgericht zum Sportler. Die Platzierung wurde mir aberkannt, ich durfte nicht zur Siegerehrung, ich habe kein Preisgeld bekommen und die Qualifikation für dieses Jahr war auch weg - ich bin also sehr hart bestraft worden. Trotzdem habe ich kurz danach gesagt: Regeln im Sport sind wichtig und müssen auch eingehalten werden. Für mich war wichtig, mit der Situation einigermaßen gefasst umzugehen. Mittlerweile habe ich meinen Frieden mit dieser Geschichte und vor allem mit dem Kampfrichter geschlossen. Auch wenn ich benachteiligt wurde, habe ich die Strafe akzeptiert und dafür nicht nur aus der Sportszene viel positives Feedback bekommen. Ich sehe das für mich als Psychospiel: Letztes Jahr wurde mir etwas weggenommen und das hole ich mir jetzt wieder!
Für mich ist das ein Rennen der Gegensätze. Auf einer Insel, die eigentlich so weit weg ist von der Triathlon-Szene treffen sich die Besten der Welt, fallen wie die Heuschrecken ein und feiern ihren Sport. Im Rennen herrscht eine unheimliche Einsamkeit. Als Sportler hat man in dieser Landschaft eigentlich nichts verloren. Es ist viel zu heiß, zu windig, zu einsam und an der Strecke stehen kaum Zuschauer. Auf der anderen Seite ist da dieses große, weltweite Interesse. Außerdem verkörpert das Rennen den Slogan: "Every finisher is a winner", wie kein anderes. Es geht nicht gegeneinander, sondern jeder kämpft für sich selbst. Das macht den Mythos Hawaii aus.
Sicherlich ist der Ironman Hawaii das schwierigste und brutalste Rennen auf der Welt. Dennoch gibt es auf Hawaii die weltweit niedrigste Quote an Aussteigern, weil sich die meisten Athelten sehr gut vorbereiten. Die zwei größten Risiken sind Überhitzung und Dehydrierung, das heißt, dass dem Körper zu wenig Flüssigkeit zugeführt wird. Das ist wie beim Autofahren: Je schneller ich bin, desto heißer läuft mein Motor. Ich muss immer schauen, dass er nicht überhitzt und für Kühlung sorgen. Auf Hawaii hat man dann noch das Problem: Schüttet man sich kaltes Wasser über den Kopf, sind die Haare eine Minute später schon wieder trocken.
Es gibt einen ständigen Wechsel zwischen Trainieren und Erholen. Grob gesagt trainiere ich dreimal am Tag; Schwimmen, Laufen und Radfahren. Perioden mit mehr Training und weniger Training stehen in ständigem Wechsel. Zum Wettkampf hin wird Belastung und Beanspruchung reduziert. Dann kann sich der Körper ausruhen, um am Tag X topfit zu sein. In Zahlen bdeutet das: In den Hauptvorbereitungswochen trainiere ich neun Stunden pro Tag. In der Woche schwimme ich 20 Kilometer, fahre 1.700 Kilometer mit dem Rad und laufe um die 100 Kilometer.
Ich bringe mich durchs Training auf ein Level, auf dem ich die Leistung ohne große Qual abrufen kann. Ein perfekter Wettkampf, was ja immer mein Ziel ist, geht fast von allein. Zur Qual wird es, wenn es nicht läuft. Solange du vorne bist und deine Leistung bringst, ist das Gefühl positiv. Gerade auf Hawaii kann ich mir natürlich auch Schöneres vorstellen, als in dieser Hitze einen Marathon zu laufen. Aber wenn ich Spaß haben will, gehe ich mit meinen Kindern auf den Jahrmarkt oder schaue mir "Wicki und die starken Männer" im Kino an. Unsere Motive sind andere. Auf Hawaii geht es darum, wie weit ich komme und wie weit ich gehen kann, um Weltmeister zu werden. Das sind Fragen, die wenig mit Spaß zu tun haben.
Auf jeden Fall meinen Teamkollegen Norman Stadler. Außerdem gibt es noch eine ganze Armee von australischen Top-Triathleten, angeführt von Chris McCormack. Ich glaube, dass auf Hawaii mehr als eine Handvoll Siegaspiranten am Start sind.
Ich kann nicht für andere sprechen. Ich persönlich habe zu fast allen Athleten ein tolles Verhältnis. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich glaube, dass der Respekt gegenüber der Leistung des Anderen beim Triathlon so groß ist, gerade weil es ein so harter Sport ist und man es ehrlich anerkennt, wenn ein jemand besser ist. Was Fairness anbetrifft, hat der Sport insgesamt meiner Meinung nach einen zu schlechten Ruf. Das sind Szenen, die wichtig sind und auch transportiert werden müssen. Es gehört zur Zivilcourage, auch bei einer Niederlage den Mut zu besitzen, dem Besseren alles Gute zu wünschen.