Warum sollen nur Konzerne von der Globalisierung profitieren? Die neue Generation der Schnäppchenjäger kann das auch. Ganz einfach von zu Hause via Internet. Oder im Urlaub. Der starke Euro macht sie fast überall zum Gewinner. Von Silke Gronwald und Elke Schulze

Raus aus dem Bus, rein ins Geschäft. Die Shoppingtour nach Mailnad hat sich für Julia Baumann, 17, gelohnt. Das begehrte Nike-Tenniskleid zog die Schülerin gleich an© Thomas Rabsch
Klein und unscheinbar liegt es da, das Päckchen, das der Postbote gebracht hat. Kaum größer als ein Telefonbuch. Mariam Minasyan ist den Tränen nahe. Da drin soll ihr Hochzeitskleid sein? Die märchenhafte Robe, mit dem bauschigen Rock, so groß wie ein Wagenrad und mit Tausenden von Perlen bestickt?
Vor vier Wochen hatte die Studentin aus Pinneberg ihren Traum in Weiß in einem Brautmodenshop im Internet entdeckt. Eine Maßanfertigung für 24,99. In Worten: vierundzwanzig Euro und neunundneunzig Cent.
Bei dem Preis konnte die 22-Jährige einfach nicht anders und klickte auf den Bestell-Button. Dass der Verkäufer mit dem chinesischen Namen im mehr als 6000 Kilometer entfernten Kanada saß und die Versandkosten stolze 99 Euro betrugen, spielte in diesem Moment keine Rolle.
Doch jetzt, da die winzige Schachtel vor ihr liegt, kommen die Zweifel. War das wirklich ein echtes Online-Schnäppchen?
Vorsichtig öffnet Mariam den Karton, und langsam quillt der Stoff heraus. Mit jedem Streifen Verpackung, den sie löst, wächst der Berg aus Tüll und Taft. Und am Ende steht sie vor ihrem Traumkleid. Ein bisschen zerknittert ist es zwar, aber nach einer Intensivbehandlung mit dem Bügeleisen genau das Kleid, in das sich Mariam verliebt hatte. Der Stoff, die Farbe, der Schnitt, die Verzierungen, alles ist genau so wie auf dem Foto im Netz. "Es passte super, und das zu diesem sagenhaften Preis", staunt Mariam noch immer, "vergleichbare Brautkleider gibt es in Deutschland erst ab 800 Euro aufwärts."
Weltweit einkaufen. Das ist Abenteuer und Risiko, das ist aber auch Spaß am Sparen. So wie Mariam Minasyan gehen immer mehr Deutsche rund um den Globus auf Schnäppchenjagd. Ob im Urlaub, auf Geschäftsreisen oder zu Hause am Computer - shoppen ist zur globalen Angelegenheit geworden.
Radikal haben sich die Einkaufsgewohnheiten der Deutschen in den vergangenen fünf, sechs Jahren verändert - vor allem durch das Internet; zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der GfK, eines der weltweit größten Marktforschungsunternehmen. Für 17,2 Milliarden Euro kauften Bundesbürger im vergangenen Jahr mit Hilfe des Netzes ein. Deutlich mehr als im Vorjahr.
Kein Wunder: Über das World Wide Web kann heutzutage jeder von seinem Schreibtisch aus in den hintersten Winkeln der Erde forschen. Die Auswahl im virtuell-globalen Supermarkt ist gigantisch, kein reales Kaufhaus der Welt kann da mithalten. Wer möchte, kann sich Kängurusteak aus Australien bestellen, seinen Wein in Südafrika ordern, in den angesagtesten Plattenläden und Galerien Londons stöbern oder per E-Mail mit dem Schmuckhändler in Hongkong feilschen.
Und beim Blick über die Grenzen fällt schnell auf, dass anderswo Dinge um bis zu 50 Prozent günstiger sind als in Deutschland. Dem starken Euro sei Dank.
Hierzulande hingegen explodieren die Preise. Energie, Lebensmittel, alles wird teurer, das Geld immer knapper. "Freiwillig will keiner auf sein gewohntes Konsumniveau verzichten", sagt Bernd Krieger, Leiter des Europäischen Verbraucherzentrums in Kiel, "also versuchen die Leute günstiger einzukaufen, und das geht vor allem im Ausland. Natürlich nicht bei Milch und Butter, die werden weiter vor Ort gekauft, aber bei Hosen und Kameras ist der Erwerb in Übersee für viele kein Problem mehr. Hauptsache, der Geldbeutel wird geschont." Dafür nehmen die Shopper auch in Kauf, dass sie vielleicht ein paar Wochen auf die Bestellung warten müssen, die Gebrauchsanweisung nur auf Englisch verfügbar ist oder sich ein Umtausch schwierig gestalten kann.
Die Folge: In globalen Kaufhäusern wie dem virtuellen Auktionshaus Ebay geht es zu wie einst beim Sommerschlussverkauf. "Die Deutschen kaufen momentan wie verrückt im Dollar-Raum", sagt Deutschland- Chef Stefan Groß-Selbeck. Jeder fünfte Euro, den seine Kunden ausgeben, fließt in ein Dollar-Land. Im April schauten sich 8,7 Millionen deutsche Besucher auf der amerikanischen Seite um - das waren zwei Millionen mehr als im Februar und doppelt so viele wie noch vor einem Jahr.
Ein großer Renner, erzählt Groß-Selbeck, seien Klamotten. Etwa 20 Euro kostet beispielsweise ein Calvin-Klein-Hemd derzeit im Ebay-Shop USA. Selbst inklusive Versandkosten (10 Euro) sowie Zoll und Steuern (9 Euro) sind das noch immer 60 Euro weniger als die 99 Euro, die in Deutschland für das Hemd bezahlt werden müssen.
Bei anderen Produkten verleiht der billige Dollar den Käufern sogar Flügel. So ist etwa das flache Apple Macbook Air in den USA so günstig, dass sich mancher von der Preisdifferenz (564 Euro) ein billiges Flugticket nach New York leisten kann. Und die US-Rechner lassen sich leicht an deutsche Bedürfnisse anpassen. Mit ein paar Mausklicks ist die amerikanische Tastenbelegung auf eine deutsche umgestellt.
Übernommen aus ...
Ausgabe 31/2008