Die hippen Menschenschinder

20. Februar 2013, 20:55 Uhr

Bei Amazon wird der Mensch zur Ware, daran ändert das Austauschen eines Subunternehmers nichts. Unternehmen, die weder Steuern zahlen noch minimale soziale Standards einhalten, brauchen wir nicht. Ein Kommentar von Gernot Kramper

Amazon, Leiharbeiter-Skandal, Versanhändler, Internetkonzern, Subunternehmer, Doku

Die Arbeitsbedingungen in den Versandzentren von Amazon werden seit Jahren kritisiert.©

Ein Lehrstück der kritischen Öffentlichkeit: Medien decken den Leiharbeiter-Skandal auf - die Öffentlichkeit ist empört - der Internetgigant Amazon räumt auf.

Ist damit alles gut? Nein. Der Skandal um ausgenutzte und schikanierte Leiharbeiter ist kein Einzelfall - er liegt in der DNA des Handelsgiganten. Dass Amazon die belasteten Partnerfirmen sofort fallen lässt, zeugt nicht von Anstand, sondern gehört zum System der ausgelagerten Verantwortung. Das ist immer gleich: Finde einen skrupellosen Subunternehmer und schaue selbst nicht so genau hin. Der macht die Drecksarbeit. Wenn es schief geht, wird die Zusammenarbeit beendet und mit dem nächsten Handlanger weitergeführt.

Super Image trotz der Skandale

Erstaunlicherweise schaffen es Internet- und Technikfirmen, mit ihrer Vorgehensweise beim Kunden durchzukommen. Etwa Apple. Die Kultfirma schämt sich nicht, die schicken Arbeitsplätze ihrer Erste-Klasse-Angestellten im hippen Silicon Valley bewundern zu lassen. Und die Öffentlichkeit macht mit, obwohl alle wissen, dass die meisten Menschen, die die Kultprodukte von Apple montieren, nicht in einer poppigen Lounge relaxen, sondern hinter vergitterten Fenstern arbeiten oder schlafen. Eine hoch soziale Vorsichtsmaßnahme, damit sich die Arbeiterinnen in China nicht aus Verzweiflung zu Tode stürzen.

Apple ist angeblich nicht selbst verantwortlich, sondern die taiwanesische Firma Foxconn, die die Fabriken in China betreibt. Dort werden auch die teuren Apple-Alternativen von Samsung, und den Kindle von Amazon produziert. Und natürlich hat Amazon selbst keine Arbeitslosen in Portugal oder Griechenland erst mit falschen Versprechungen angeworben, dann mit Billiglöhnen abgespeist und obendrein noch eingeschüchtert. Dafür sind sich die Amazonmanager viel zu fein.

Und wer ist schuld an den Verhältnissen? Angeblich wieder der Verbraucher, weil er so geizig ist. Nicht Strukturen, sondern ein Charaktermangel soll die Missstände erklären. Einen besseren Persilschein für das Versagen von Politik und Unternehmen gibt es nicht.

Es ist nicht der Geiz

Zutreffend ist das Geizargument ohnehin nicht. Zur Erinnerung: Groß geworden ist Amazon mit Büchern. Einem Produkt mit fester Preisbindung. Mit rechtlosen Billigarbeitern statt tarifiertem Fachpersonal und ohne Ladenmieten bieten Bücher eine üppige Handelsspanne für den Konzern. Auch bei anderen Produkten ist Amazon immer preiswert, aber beileibe nicht der billige Jakob der Republik. Amazon ist für den Kunden vor allem bequem. Vom eigenen Sessel aus kann man auch an entlegenen Orten alle denkbaren Waren bestellen.

Wenn Amazon Kostenprobleme hat, dann sind es die günstigen Lieferkonditionen insbesondere bei "Amazon Prime". Zu einem Spottpreis im Jahr werden einem Kunden und seinen Angehörigen ein Jahr lang alle Bestellungen mit einem Sonderservice zugestellt. Dieser Service verusacht Kosten und gefällt den Kunden, aber soll er die Entschuldigung für moderne Sklavenarbeit sein? Wohl kaum.

Arbeit ist kein Ware

Vom Gesetzgeber spricht kaum jemand. Obwohl er die Tore für europaweite Niedriglohn- und Leiharbeit geöffnet hat, ohne irgendeinen Elan zu zeigen, später nur die minimalsten Standards für die betroffenen Menschen auch tatsächlich durchzusetzen. Arbeit wurde von unseren Politikern so zu einer Ware gemacht wie Billigfleisch. Und wie Billigfleisch wird es nun auch gehandelt. Europaweit eingekauft, weitervermittelt und verschoben. Die Vorbilder für diese Praxis kennen globale Konzerne aus anderen Märkten. Pate bei dem System stehen die Wanderarbeiter in China und Mexiko.

Fragt sich nur, ob wir als Kunden oder Bürger solche Verhältnisse bei uns in Europa dulden wollen. Eine Entschuldigung ist es nicht, dass andere unbekanntere Firmen nicht anders agieren. Gerade die Flaggschiffe der Branche müssen jetzt Druck bekommen. Menschenschinder dürfen nicht weiter als "in" gelten. Ins Bild passt, dass die hochgelobten Erfolgsfirmen keine oder kaum Steuern zahlen. Irgendetwas zu einem Gemeinwesen beizutragen gehört offenbar auch nicht zu ihrer DNA. Und auch daran ist die Politik und nicht etwa wieder der Verbraucher schuld.

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