Dumm und faul

16. Oktober 2012, 16:25 Uhr

Vorurteile gegenüber Arbeitslosen sind in Deutschland weit verbreitet. Laut einer Umfrage glaubt mehr als die Hälfte der Befragten, Jobsuchende seien zu wählerisch. Die Realität sieht anders aus.

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Die Arbeitsagenturen haben in diesem Jahr mehr Sanktionen verhängt als sonst üblich©

Die Mehrheit der Deutschen glaubt laut einer Umfrage, dass Hartz-IV-Empfänger faul, schlecht ausgebildet und bei der Arbeitssuche zu wählerisch sind. "Meist sind diese Vorurteile Irrtümer", sagte Heinrich Alt vom Vorstand der Bundesagentur für Arbeit (BA) am Dienstag in Berlin. Zum ersten Mal hat eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Arbeitsagentur die Vorurteile über Empfänger der Grundsicherung untersucht.

Demzufolge glauben 55 Prozent der Deutschen, dass Hartz-IV-Empfänger nicht selbst aktiv nach Arbeit suchen. Tatsächlich klopften aber 62 Prozent von ihnen bei Arbeitgebern an. Entgegen der Annahme von 57 Prozent der Deutschen, Langzeitarbeitslose seien zu anspruchsvoll bei der Arbeitssuche, sagen 71 Prozent der Betroffenen, sie würden auch Arbeit annehmen für die sie überqualifiziert sind. Für die Studie hat das Institut für Demoskopie Allensbach im Auftrag der Arbeitsagentur 1558 Menschen ab 16 Jahren zu ihren Vorurteilen über Hartz-IV-Empfänger befragt.

Hartz-IV-Sanktionen steuern auf Millionengrenze zu

Unterdessen könnte die Zahl der Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger erstmals die Millionenmarke überschreiten. Allein in der ersten Jahreshälfte 2012 strafte die BA 520.792 Empfänger von Arbeitslosengeld II ab, in 67 Prozent der Fälle wegen Versäumnissen bei der fristgemäßen Antwort auf Anschreiben. Im Vorjahr hatte die Zahl der verhängten Sanktionen insgesamt etwas unter einer Million bei 912.000 gelegen. Die Nürnberger Behörde bestätigte einen Bericht der "Bild"-Zeitung.

Ein BA-Sprecher sagte, dank der guten Lage auf dem Arbeitsmarkt habe man den Leistungsempfängern im ersten Halbjahr mehr Stellen als sonst anbieten können. Würden diese abgelehnt, griffen die Sanktionen. Über Gründe für die Ablehnungen wolle man nicht spekulieren, ergänzte der Sprecher. Allein im Februar wurden 93.931 Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger ausgesprochen - so viele wie in keinem anderen Monat seit Einführung der Hartz-Reformen. Die Zahl der Sanktionen, die wegen Verstößen gegen Eingliederungsvereinbarungen oder wegen der Weigerung einer Arbeitsaufnahme verhängt worden seien, sei allerdings gesunken, betonte der Sprecher.

Die Linken-Vorsitzende Katja Kipping bezeichnete die Sanktionen als verfassungswidrig und "eine Schande für Deutschland". "Jede Leistungskürzung verletzt das Grundrecht der Betroffenen auf Existenzsicherung und gesellschaftliche Teilhabe", erklärte sie in Berlin. Das Erwerbslosen Forum teilte in Bonn mit, die wachsende Zahl der Sanktionen zeige, "dass sich durch Hartz IV ein System etabliert hat, in dem das Individuum nicht mehr zählt". Strafen würden rücksichtslos verhängt.

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