Die dreiste Erpressung der Stromkonzerne

16. Juli 2013, 20:06 Uhr

Energieversorger drohen damit, Kraftwerke abzuschalten. Das bedeutet nichts Gutes für die Energiewende: Die Konzerne führen Verbraucher und Politik an der Nase herum, um sich mehr Geld zu sichern. Ein Kommentar von Lutz Meier

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Der Wind steht still. Wenn die Windkraftanlagen einmal nicht liefern, müssen Gas- oder Kohlekraftwerke ran. Doch die Stromkonzerne wollen viel Geld dafür, dass sie ihre Anlagen weiter bereit halten, um die Versorgungslücken der Öko-Energien auszufüllen.©

Es hört sich an, als sei der Traum der Energiewende wahr geworden: Große Stromkonzerne kündigen an, sie wollten Kohle- und Gaskraftwerke schließen. Der Grund: Es kommt so viel aus Wind, Sonne und Wasserkraft produzierter Strom zu günstigen Preisen ins Netz, dass sich der Weiterbetrieb der mit fossilen Brennstoffen betriebenen Kraftwerke nicht mehr rechnet. Ein Fünftel der konventionellen Kraftwerke könnte davon betroffen sein, hat ein Topmanager der Branche der "Süddeutschen Zeitung" erzählt.

Die alte Angst vor dem drohenden Blackout

Was für Aussichten! Wenn es so weit kommt, kann die Regierung sich beglückwünschen, das Klima aufatmen und die Bürger können sich auf endlich sinkende Strompreise einstellen. Leider wird es nicht so kommen. Denn nichts von dem, was Strommanager derzeit über das Thema erzählen muss man für bare Münze nehmen. Es ist Taktik, Kalkül und Berechnung. Man kann es auch anders formulieren. Die Energieversorger versuchen derzeit in der Kraftwerksfrage, Bürger und Politik erst an der Nase herumzuführen und dann zu erpressen. Der Wahlkampf ist dazu eine prima Gelegenheit, da können nämlich die Stromlieferanten besonders wirkungsvoll den Gedanken verbreiten, dass demnächst der Strom ausgeht. Die Geschichte mit der Kraftwerksabschaltung soll hauptsächlich dazu dienen, die alte Angst vor dem drohenden Blackout wiederzubeleben.

Denn die erwähnten Kraftwerke werden in Wahrheit trotz des Booms mit erneuerbaren Energien weiter gebraucht. Das ist schon deshalb so, weil der Ökostrom nicht immer dann fließt, wenn Strom gebraucht wird, seine Stärke ist davon abhängig, dass der Wind weht, die Sonne scheint, die Talsperren voll sind. Deshalb braucht es eine Reserve, wofür sich am besten Gaskraftwerke eignen, die man anders als Kohle und Atomkraftwerke kurzfristig ein und ausknipsen kann und überdies auch noch recht effizient. Aus Sicht eines Stromkonzerns aber ist ein Kraftwerk, das nicht läuft, totes Kapital, schon gar ein effizientes Gaskraftwerk. Deshalb gefällt der Gedanke den Konzernen nicht, dass sie für die Reserve sorgen sollen. Interessanterweise drohen die Konzerne jetzt nicht damit, ihre besonders alten und schmutzigen Kohlemeiler vom Netz zu nehmen, sondern eher die moderneren und saubereren Kraftwerke.

So leicht wäre das gar nicht

Längst haben die Versorger signalisiert, dass es ein Zaubermittel gäbe, mit dem man sie doch dazu bewegen könnte, die Anlagen weiter bereitzuhalten: Geld. Ihr Argument: Sie würden gerne dafür bezahlt werden, dass sie die Kraftwerke zur Verfügung halten, nicht mehr nur, dass sie Strom liefern. Um Druck auszuüben, dass sie dieses Geld bekommen, drohen sie - obwohl sie wissen, dass sie so leicht kein Kraftwerk stilllegen können, weil auch dazu einer Genehmigung nötig ist.

Auf der Hut sein

Am Ende könnte dennoch das Gegenteil von dem herauskommen, was bei der Energiewende beabsichtigt ist. Schon jetzt produzieren die großen deutschen Versorger mehr klimaschädlichen Kohlestrom als vorher, selbst wenn Wind und Sonne genug Strom liefern - die Produzenten exportieren ihren Schmutzstrom dann einfach. Ihnen geht es auch um die Machtverteilung bei der Energiewende: Der Ökostrom-Boom hat viele Klein- und Kleinstproduzenten ins Spiel gebracht, die vier in Deutschland dominierenden Konzerne Eon, RWE, Vattenfall und EnBW, wollen sich diese Dominanz sichern. Verbraucher und Politik müssen also auf der Hut sein: Sie müssen fürchten, dass sie am Ende noch mehr für die Energiewende zahlen.

Lutz Meier
 
 
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