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Die unfassbaren Schmuggeleien in Deutschlands größtem Männerknast

Drogen und Alkohol rein, Edelstahlgrills und Möbel raus: In Deutschlands größtem Männerknast soll es einen regen Handel mit gestohlenen Waren gegeben haben. Mittendrin: Beamte der JVA.

Von Veronika Wulf

JVA Tegel

Die JVA Tegel ist Mittelpunkt eines Schmuggelskandals

Er ruft aus dem Knast an, spricht schnell und druckreif. Dass ihn Mitgefangene und Wärter hören können, stört ihn nicht. "Ich bin hier sowieso der Verräter", sagt Timo F. Er erzählt von Beamten, die klauen, berichtet detailreich von Schmuggelaktionen, die er erlebt haben will, nennt Namen und Orte. Das Gleiche schilderte er dem LKA auf rund 45 Seiten, die dem stern vorliegen. Seit mehr als sechs Jahren sitzt der Diplom-Sozialwissenschaftler wegen Kreditbetrugs in der Justizvollzugsanstalt Tegel, einer der größten Männerhaftanstalten , die mit Sportplatz, Schule, Bibliothek und eigenen Betrieben wie eine kleine Stadt funktioniert. Für Timo F. ist sie vor allem "ein großer, korrupter Selbstbedienungsladen".

Laut F. begann alles im März 2014, als er auf den Fahrer der Knastbetriebe traf, einen Beamten, der unter Häftlingen "der Korruptus" genannt wird. Der lieferte Edelstahlgrills, Einbauküchen, Polstermöbel, Taschen und Baustoffe aus den JVA-Werkstätten an die Kunden, meist Berliner Behörden. Timo F. fuhr neun Monate als Beifahrer mit. "Das ist der beste Gefängnisjob", sagt er. Nicht nur, weil er einen halben Tag rauskam, der Beamte erlaubte ihm auch, einzukaufen und die Familie zu besuchen. Vor allem aber sei der Fahrdienst eine "Schmuggelmöglichkeit" gewesen. Für 70 Euro habe ein Häftling beim Beifahrer alles bestellen können, berichten mehrere Tegel-Insassen. Süßigkeiten, Handys, Alkohol, Drogen, Kinderpornos. Demnach übergab ein Angehöriger des Häftlings draußen Ware und Geld dem Beifahrer. In einer Plastiktüte schleuste der sie nach drinnen, den Wärtern am Tor brachte der Fahrer ab und an ein Eis oder eine Currywurst mit. Die 70 Euro teilten sich der Beamte am Steuer und der Häftling auf dem Beifahrersitz.

50 Grills, 300 Möbel und 50 Paletten Steine

"Was weniger bekannt ist, ist der Schmuggel in die andere Richtung", sagt Benjamin L., ein langjähriger Tegel-Insasse. "Es gibt Beamte, die nehmen hier mal ein paar Medikamente aus einer Arztgeschäftsstelle mit, andere lassen sich dort kostenlos die Schuhe flicken." Rund 100 Beamte aus Verwaltung und Betrieben seien Teil dieser Selbstbedienung, schätzt er. Und der Klau soll System gehabt haben. "Etwa dreimal in der Woche haben wir Waren ohne Rechnung oder Lieferschein ausgefahren", sagt F., "manche direkt zu Beamten oder ihren Angehörigen." Mehr als 50 Grills, 300 Möbel und 50 Paletten Steine hätten die Bediensteten so zur Seite geschafft. 35 bis 40 Beamte habe er beliefert.

Zunächst war ein anderer Beifahrer dabei. "Als der ausschied, sollte ich den Handlanger spielen" , sagt Timo F. Er weigerte sich, weil er Familie hat und auf den offenen Vollzug hoffte. Der Fahrer akzeptierte das zunächst. "Aber er ist ein leicht reizbarer Mann, der stets nach seinen eigenen Vorteilen schaut." Wenige Tage später verlangte er einen Ausgleich für den "Verdienstausfall" von 500 Euro im Monat. Timo F. willigte ein. So erzählt er es. "Retrospektiv war das falsch." Aber der Fahrer habe ihm deutlich gemacht, dass er jederzeit behaupten könne, F. habe versucht zu fliehen. "Wem würde man wohl glauben, dem Knacki oder dem Beamten?"

Knastware landet bei Ebay

Weil im Knast Bargeld verboten ist, soll der Fahrer die 500 Euro regelmäßig bei Lisa S., der Verlobten von Timo F., abgeholt haben. "Das war immer sehr unangenehm", sagt sie. War er allein, habe er anzügliche Bemerkungen gemacht. Manchmal kam F. mit, dann hatten sie etwas Familienzeit. Der Fahrer saß in der Küche und spielte am Computer oder fuhr zur Thai-Massage "mit Happy End". Das habe er Timo F. und seiner Verlobten erzählt. Man duzte sich.

Auch ihre Freundin Silvia P. war zweimal zu Besuch, als der Fahrer kam. "Er schaute mich durchdringend an und sprach kein Wort mit mir" , sagt sie. Außerdem sah sie fünf Edelstahlgrills aus der JVA in Lisa S.' Keller, die der Beamte dort abgestellt hatte. "Wir waren für ihn ein praktisches Zwischenlager", sagt Lisa S. Die Grills hat er angeblich an seine Fußballmannschaft und bei Ebay-Kleinanzeigen verkauft.

Häftlinge mussten antike Stühle reparieren

Ein anderer Beamter, Spitzname: "der Schieber", soll ein Geschäft mit Flechtstühlen betrieben haben. Der Bedienstete aus der Polsterei kaufte kaputte antike Stühle, ließ sie kostenlos in der JVA reparieren und verkaufte sie für 150 bis 200 Euro über Ebay weiter. Das berichten Timo F., der mehrmals Stühle zur Mutter des Beamten fuhr, und ein Ex-Häftling, der elf Jahre in der Polsterei arbeitete. "Der Bedienstete hat einen Insassen angestellt, der ausschließlich für sein Privatgeschäft Stühle reparierte", sagt der ehemalige Gefangene, "angeblich zu Ausbildungszwecken." Die Häftlinge hielten dicht, weil sie mit Lebensmitteln belohnt wurden oder fürchteten, schikaniert zu werden. Der Bedienstete selbst bezeichnet die Vorwürfe gegenüber dem stern als "Gerüchte unter Insassen" . Mehr dürfe er "als Beamter" dazu nicht sagen. Da die Sonderlieferungen im Fahrtenbuch nicht auffallen durften, habe der Fahrer das Schmuggelgut nur dann ausgefahren, wenn er für eine reguläre Lieferung ohnehin in die Gegend musste. Lisa S.' Wohnung liegt in der Nähe der JVA, deshalb landeten auch mal drei Flechtstühle in ihrem Keller.

Im Dezember 2014 verließ Timo F. den Fahrdienst. Der Fahrer habe ihn aus dem Job gedrängt, weil er einen "bequemeren" Beifahrer gefunden habe. F. wechselte in die Setzerei. Auch dort kam er mit dem Tegeler Tauschring in Berührung: Er sollte ein Kochbuch layouten, über 200 Seiten, mehr als 1000 Fotos. Der Mann der Auftraggeberin gehörte zur Leitung des Arbeitswesens. "Bezahlt hat sie nur den Bruchteil des üblichen Preises", sagt F. Das habe ihm der Werkmeister erzählt.

Ein halbes Jahr später sollte Timo F. wieder in den Fahrdienst versetzt werden. Der Fahrer fing ihn ab und gab ihm zu verstehen, er müsse mitmachen. Noch am selben Tag, dem 31. Juli 2015, kehrte Timo F. abends vom sogenannten Ausgang nicht in die JVA zurück. Obwohl er Aussicht hatte, wegen guter Führung zwei Jahre früher freizukommen. "Das zeigt, dass er nicht grundlos geflohen ist", sagt sein Anwalt Carsten Hoenig, den F. während der Flucht kontaktierte. Ein ehemaliger Häftling kann sein Untertauchen verstehen. "Man kann auch in seiner eigenen Toilette ertrinken" , sagt er und spielt auf den Druck durch andere Insassen an, wenn einer die Schmuggelkette unterbreche. Erst rund fünf Monate später konnte die Polizei F. wieder aufstöbern. Sein neuer Knastjob: Flure, Klos und Duschen putzen.

Timo F. packt aus

Am 18. Januar dieses Jahres informierte Anwalt Hoenig die Anstaltsleitung und Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) über den Schmuggel, die Erpressung und Drohungen und bat darum, Timo F. zu verlegen. "Zunächst wollte er keinen Verrat begehen, sondern nur seine Flucht erklären", sagt Hoenig. Es sei nichts passiert. "Die Angaben haben sich als nicht überprüfbar beziehungsweise zu allgemein herausgestellt", sagt Claudia Engfeld, Sprecherin der Senatsverwaltung für Justiz. Also wurde F. konkreter, schilderte der JVA einzelne Schmuggelvorgänge, gab Hinweise auf Beamte. Dann fiel ihm ein, dass er eine Software auf seinem heimischen Computer installiert hatte: Wenn sich etwas im Raum bewegte, filmte die Kamera automatisch. Er bat seine Verlobte, alle Clips zu durchsuchen. Auf einem ist Lisa S. zu sehen, wie sie vor dem Fahrer 50-Euro-Scheine auf den Tisch legt. Dass der das Geld nimmt, zeigt das Video nicht. Die Kamera gehe nach einigen Sekunden wieder aus, erklärt Timo F. Am 13. Mai zeigte er die Clips Sicherheitsleuten der JVA, die Anstalt informierte die Polizei, gab dem Fahrer eine andere Aufgabe und stellte den Fahrdienst ein. Ermittler des LKA besuchten Timo F. im Knast, "mit großem Brimborium", wie er sagt, nicht mit der gebotenen Diskretion. Er nannte Namen, Daten und Orte. Vor allem Leiter der Werkstätten hätten sich gegenseitig Gefallen erwiesen.

Inzwischen war es Juli, Timo F. wurde noch immer nicht verlegt. Er wandte sich an die Redaktion des ZDF-Magazins "Frontal 21". Weitere Häftlinge meldeten sich bei F.s Anwalt Hoenig, die bestätigen, was F. berichtet, oder von ähnlichen Beamtendiebstählen aus ihren Bereichen erzählten. Der Häftling Benjamin L. zeigte an, dass Beamte rezeptpflichtige Medikamente aus der Arztgeschäftsstelle 6 mitnahmen. Mehrere Häftlinge scheinen ihre Chance zu sehen, endlich auszupacken. "Allerdings waren auch viele in den Schmuggel involviert", sagt Hoenig. "Das muss das LKA bewerten." Erst Anfang September, kurz vor der Ausstrahlung des ZDF-Beitrags, nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf, jedoch nur gegen einen Beamten, den Fahrer. "Dabei wusste die JVA spätestens seit Januar, dass viel mehr beteiligt waren", glaubt Timo F.

Weil er und Benjamin L. dem ZDF ein Handyvideo mit ihren Aussagen zukommen ließen, wurden ihre Zellen durchsucht. Handys sind in der Anstalt verboten. F. musste sich ausziehen und in den After schauen lassen, erzählt er. Eine vorzeitige Entlassung oder Haftlockerungen könne er vergessen, habe ein Beamter gesagt. "So reagiert die Justiz, wenn sie angegriffen wird", sagt Timo F. Zwei Wochen später, am 27. September, legte die Anstalt ihm und Benjamin L. wegen des Videos eine Disziplinarstrafe auf: mindestens vier Wochen Freizeitsperre, kein Fernseher, keine zusätzlichen Besuche. Außerdem wurde er abgemahnt, weil er während der Arbeitszeit telefoniert hatte, unter anderem mit dem stern.

Die Gefängnisleitung schweigt

Am selben Tag noch hatte Lisa S. zusammen mit dem gemeinsamen siebenjährigen Sohn Timo F. im Knast besucht. Sie war danach sichtbar aufgewühlt. "Zum ersten Mal haben die Beamten bei der Kontrolle meinen BH begutachtet, sogar die Einlegesohlen mussten wir aus den Schuhen nehmen. Auch der Ton ist rauer geworden." Sie hat nun Angst, ihren Sohn allein draußen spielen zu lassen, und sorgt sich um ihren Verlobten, wenn der nicht anruft.

Die JVA-Leitung will sich zu den Vorwürfen wegen der laufenden Ermittlungen nicht äußern. Der Justizsenat spricht nach wie vor von einem Einzelfall. Dem hält Oliver Rast, Sprecher der Gefangenengewerkschaft, entgegen: "Für einen Einzelnen ist ein Schmuggel dieses Ausmaßes ein Ding der Unmöglichkeit." Er saß selbst anderthalb Jahre in Tegel. "Die interne Korruption ist strukturell angelegt", sagt er. Die Gefangenengewerkschaft gehe von einem Beamten-Netz aus, das nicht nur in Tegel existiere. Sie prangert schon länger Lohndumping in deutschen Haftanstalten an. Durch die Machenschaften der Beamten werde die Arbeitsleistung der Häftlinge vollends ausgenutzt. Auch Thomas Galli, der 15 Jahre im Strafvollzug tätig war, zuletzt als JVA-Leiter in Sachsen, hält die Berichte aus Tegel nach seinen Erfahrungen für "durchaus plausibel".

"Ich wollte eigentlich nicht zum Kronzeugen werden", sagt Timo F. Aber sonst sei der Skandal nie herausgekommen. Hätte er auch ausgepackt, wenn er nicht von dem Fahrer erpresst worden wäre? Timo F. überlegt, bevor er antwortet. Dann sagt er: "Vermutlich hätte ich den Mund gehalten."

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