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Alter Flughafen - neue Turbulenzen

Der BER ist noch nicht fertig, da droht der Hauptstadt neuer Ärger. In einem Volksentscheid stimmen die Berliner jetzt ab, ob Tegel offen bleiben soll - obwohl die Schließung längst beschlossen ist.

Das Schlechte an Tegel: 300.000 Berliner sind vom Lärm betroffen

Das Schlechte an Tegel: 300.000 Berliner sind vom Lärm betroffen

Langsam wird Sebastian Czaja doch nervös. Samstagabend vergangener Woche, noch eine Woche bis zur Bundestagswahl. Die FDP trifft sich in ihrem Genscher-Haus in Mitte, einmal noch zusammen kommen und quatschen vor dem Wahlkampf-Endspurt. Um mögliche Bündnisse geht es hier, um Jamaika, Schwarz-Gelb, wird es reichen?

Aber nicht nur um die große Politik geht es, es ist nicht nur Bundestagswahlendspurt. Es geht auch um ein Thema, das die Berliner umtreibt, ganz lokal: Es ist Tegelreferendumendspurt. Lange lag die FDP mit ihrer Initiative in den Umfragen weit vorne. Aber der Vorsprung schmilzt. Langsam wird Sebastian Czaja doch nervös.

Am 24. September, parallel zur Bundestagswahl, stimmt Berlin in einem über die Offenhaltung des Flughafens Tegel ab. Ziemlich genau die Hälfte der Berliner ist laut Umfragen dafür, knapp 40 Prozent dagegen. Der Vorsprung war schon mal viel, viel größer.

Das Gute an Tegel: seine sechseckige Form. Dadurch sind die Wege extrem kurz

Das Gute an Tegel: seine sechseckige Form. Dadurch sind die Wege extrem kurz

Die Geschichte der Berliner und ihrer ist eine sehr lange, eine sehr komplizierte, eine, die an Lächerlichkeiten kaum zu überbieten ist.

An Lächerlichkeiten kaum zu überbieten

Was bisher geschah: Eigentlich sollte 2011 ein neuer Flughafen eröffnet werden, inzwischen bekannt als Pannenflughafen . Es stand immer fest, dass spätestens in diesem Moment alle anderen Flughäfen der Stadt geschlossen werden würden. Der Eröffnungstermin des BER wurde aber gefühlt tausend Mal verschoben, ein neuer Termin ist nicht in Sicht. Falls er doch mal öffnet, soll er schon wieder zu klein sein. Jetzt ist auch noch die Fluggesellschaft Air Berlin pleite gegangen, der wichtigste Kunde des BER. Was das wiederum für die Baustelle heißt – wer weiß das schon. Das nächste Kapitel dieser peinlichen Geschichte lautet nun: Volksentscheid. 

Der Mann, der daran schreibt, ist Sebastian Czaja. Er steht an einem bullig heißen Nachmittag vor dem Eingang B von Tegel. Czaja ist der Initiator der Volksabstimmung, er hat zum Rundgang durch das Sechseck geladen. Er sieht aus, wie FDP-Politiker gern aussehen: messerscharf geschnittener Anzug, smartes Gewinnerlächeln. Czaja sitzt im Berliner Abgeordnetenhaus und ist außerdem Generalsekretär seiner Partei.

Mit großen Gesten läuft Czaja durch TXL, deutet mal hier hin, mal dort hin, seine Augen leuchten vor Begeisterung, wobei nicht ganz klar ist, ob sie leuchten, weil er Tegel so toll findet, oder weil er es toll findet, dass ihm womöglich ein politischer Triumph bevorsteht. „Wir werden dieses Referendum tausendprozentig gewinnen“, sagt er. 

Czaja ist ein Ein-Themen-Politiker

Bei der Abgeordnetenhauswahl im letzten Jahr hat er einen großen Teil seiner Stimmen nur damit geholt, dass er für die Offenhaltung Tegels warb. Im kleinen Kreis gibt er mit dieser Zahl gern an. Veröffentlicht sehen möchte er sie allerdings nicht. Wenn es Ein-Themen-Parteien gibt, dann ist Czaja ein Ein-Themen-Politiker. Tegel. Und Punkt.

Für den Erfolg seiner Initiative ist Czaja bemerkenswerte Allianzen eingegangen. Im Abgeordnetenhaus wurde sie von genau einer anderen Partei mitgetragen: der AfD. Querfinanziert wird seine Kampagne von Ryanair. Die Billigairline will aus Tegel einen Flughafen für Schnäppchentouristen machen und hat die Stadt mit Pro-Tegel-Slogans vollplakatiert. 

Anwohnerin und Lärmbetroffene Martina Scherf

Anwohnerin und Lärmbetroffene Martina Scherf

Als Czaja in ein paar Minuten ein Mal um das Sechseck herum gelaufen ist, setzt er sich vor der Tür in die Sonne und sagt: „Die Architektur ist doch genial!“

Tolle Architektur, tolle Bilanz

Durch die sechseckige Form sind die Wege vom Eingang über die Sicherheitskontrolle bis zum Gate extrem kurz. Keine Schlangen, keine nervigen Shopping-Läden, durch die der Reisende zwangsweise laufen muss. Für seine Architektur muss man diesen Flughafen tatsächlich lieben. 

Czaja sagt: „Nebenbei verdient der Flughafen auch noch Geld ohne Ende. Es gibt keinen Grund, ihn zu schließen.“ 

Das mit dem Geld ist allerdings so eine Sache. Zwar verdiente der TXL im letzten Jahr einen Überschuss von 119 Millionen Euro. Aber seit Jahren wurde in diesen Flughafen kein Geld mehr investiert. Er sollte ja geschlossen werden. Die Flughafengesellschaft beziffert den Investitionsstau auf über eine Milliarde Euro. Praktisch alles müsste repariert oder gleich ganz neu gebaut werden.

BER-Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup

BER-Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup

Dabei ist nicht klar, ob es dazu überhaupt kommen darf. Die Baugenehmigung für den BER ist nämlich an die Bedingung geknüpft, dass alle anderen Berliner Flughäfen geschlossen werden. Ob es rechtlich überhaupt möglich wäre, Tegel offen zu halten, ist deshalb umstritten. Es gibt Gutachten, die sagen: ja, andere Gutachten sagen: nein. Deswegen ist die Frage der Volksabstimmung auch so offen wie möglich formuliert  – als ein Appell an den Berliner Senat, entsprechend zu handeln. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) hat angekündigt, das Ergebnis ernst zu nehmen. Für Martina Scherf wäre das eine Katastrophe.

Laut wie ein Rasenmäher

Scherf sitzt in ihrem Wohnzimmer in Berlin Pankow vor einem Glas Wasser, Zitronenscheiben schwimmen darin, sie sagt: „Das hält hier kein Mensch aus. Keiner.” 

Martina Scherf wohnt in der Einflugschneise des TXL. Eine sympathische Frau von knapp über 60 mit einem schönen Berliner Dialekt. Vor 15 Jahren hat sie diese Wohnung gekauft. Stellt man sich bei Scherf auf den Balkon und misst den Lärm, kommt man in regelmäßigen Abständen auf bis zu 85 Dezibel. Das ist, einfach ausgedrückt: sehr, sehr laut. Als würde jemand eine Kettensäge laufen lassen. Und das alle paar Minuten, den ganzen Tag über, ab sechs Uhr morgens, bis zwölf Uhr abends, nachts auch noch ein paar Mal.

Tegel-Befürworter Sebastian Czaja

Tegel-Befürworter Sebastian Czaja

Das Gute am Flughafen Tegel ist seine Architektur, das Schlechte ist, dass er mitten in der Stadt liegt: 300.000 Berliner sind von seinem Lärm betroffen. Über einem Gebiet von der Größe Mannheims kreisen also permanent Flugzeuge. 

"Ich werde hier krank"

Es gibt auch andere Städte, deren Flughäfen nah an ihren Wohnvierteln liegen: London, Miami, Genf etwa. Aber würde sich irgendeine dieser Städte heute noch einen Flughafen mitten in die Stadt bauen? Und würde nicht jede Stadt die Möglichkeit wahrnehmen, einen Flughafen mitten in der Stadt zu schließen? 

Es gibt Leute, die sagen, Martina Scherf habe auf die Schließung Tegels spekuliert, diese Spekulation ist schief gegangen, selbst Schuld. Es gibt andere, die sagen, Martina Scherf habe sich auf eine politische Entscheidung verlassen, und worauf könne man sich denn im Leben überhaupt noch verlassen wenn nicht auf einen deutschen Planfeststellungsbeschluss? 

Martina Scherf sagt: „Wenn die Berliner für Tegel stimmen, muss ich hier wegziehen. Sonst werde ich krank.“

Wenn ein Flugzeug über Martina Scherfs Haus fliegt, dann hat Jonas Burz längst Funkkontakt zu dem Piloten. Burz ist 27, seit sechs Jahren ist er Fluglotse am Flughafen Tegel. An einem Tag im Juli steht er im Tower und blickt über das Flughafengelände. Unten stehen Flugzeuge neben Flugzeugen neben Flugzeugen. Man muss kein Profi sein, um zu erkennen, dass das Gelände proppevoll ist. Burz sagt: „Tegel schafft extrem viele Flugbewegungen für das, wofür der Flughafen eigentlich ausgelegt ist.“ Zu Spitzenzeiten startet oder landet alle zwei Minuten ein Flugzeug an diesem Flughafen. Regelmäßig befinden sich aber auch Flieger in einer Art Warteschleife, weil keine Stellplätze frei sind.

In Berlin glaubt niemand mehr an den BER

Lotsen müssen für jeden Flughafen, an dem sie arbeiten, eine spezielle Schulung machen. Burz und seine Kollegen haben vor Jahren schon die Schulung für den BER gemacht. Sie saßen praktisch auf gepackten Koffern. Jetzt sitzen sie immer noch in Tegel. „Wir haben uns natürlich auf den BER gefreut. Jetzt nervt das Hin und Her nur noch. Seit Monaten sind wir in der Wartestellung. Ich sage mal vorsichtig: Das dämpft die Freude.“

Womit man bei einem Kern des Problems wäre. In Berlin glaubt praktisch niemand mehr daran, dass der BER überhaupt noch irgendwann fertig wird.

Der Mann, der dafür sorgen soll, dass die Stadt den TXL möglichst schnell überhaupt nicht mehr braucht, heißt Engelbert Lütke Daldrup und kommt zu spät. Das Erste, was er sagt, ist: „So, ich habe nicht ewig Zeit, los geht’s.” Lütke Daldrup ist genervt, er stand im Stau. Dafür könne er aber nichts, das liege daran, dass der TXL nicht mal eine U-Bahn-Anbindung habe.

Tegel ist kaputt

Lütke Daldrup ist der Chef der Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg (FBB) und im Moment vor allem damit beschäftigt, den BER endlich fertig zu bauen. Eigentlich wollte er diesen Sommer einen Eröffnungstermin nennen. Das hat er inzwischen auf „nicht vor Weihnachten“ korrigiert. Es sind die ersten Deadlines, die er reißt. Weitere werden vermutlich folgen. Es wird gemunkelt, der BER könnte 2019 so weit sein. Aber...

Lütke Daldrup führt hinter die Kulissen des Sechsecks, in die Technik-Leitwarte, ins Heizwerk, zu den Lüftungsanlagen. Seine Gestik, seine Mimik, alles an ihm strahlt aus: Tegel ist kaputt, es macht keinen Sinn, diesen Flughafen offen zu halten. Hier steht Wasser. Dort fällt eine Verkleidung ab. Die Pointe seiner Tour ist ein Telefon mit Wählscheibe, das im Raum der Sprinkleranlage steht und offenbar immer noch in Benutzung ist. Mit Wählscheibe! Das müsse man sich mal vorstellen.

Die Sanierung von all dem würde sechs bis zehn Jahre dauern. „Wir müssten praktisch bis auf die Grundmauern renovieren“, sagt er. Unabhängig von der einen Milliarde Sanierungskosten würde es 250 Millionen Euro im Jahr kosten, zwei Flughäfen zu betreiben. Weder der eine noch der andere könnten dann wirtschaftlich arbeiten.

Eine Debatte auf Grundlage von gefühlten Wahrheiten 

Der Flughafenchef wirft gerne mit Zahlen um sich, genau wie es Czaja, sein Gegner, tut. Genau diese Zahlen machen die  Debatte so kompliziert. Wie kommt Lütke Daldrup auf 1,1 Milliarden Euro für die Sanierung? Ist der BER nun von Anfang an zu klein oder nicht? Wie viel würde der Schallschutz kosten, auf den die Menschen in der Einflugschneise ab 2021 ein Recht hätten? 

In der „Amtlichen Information zum Volksentscheid“, die zusammen mit den Wahlunterlagen zur Bundestagswahl an alle Berliner Wahlberechtigten verschickt wurde, widersprechen sich die Initiatoren und die Gegner des Entscheids in praktisch allen Punkten. Entsprechend emotional wird die Debatte geführt: auf Grundlage von Wahrheiten, die einem selbst eben persönlich gerade in den Kram passen.

Der Plan des Senats und der Flughafengesellschaft sieht vor, aus Tegel einen Campus zu machen, auf dem sich Wirtschaft und Wissenschaft treffen. Die Beuth-Hochschule möchte mit ihren Räumen hierherziehen, es soll Gewerbeflächen geben, Wohnungen. Platz also fürs explodierende Berlin. Eigentlich ein schöner Plan.

Am Ende gewinnen die Bonzen

Nur glaubt in der Stadt nicht nur niemand mehr daran, dass der BER jemals fertig wird, es glaubt auch niemand, dass Berlin in der Lage wäre, einen Campus zu bauen, von dem alle profitieren. Viele denken: Am Ende gewinnen irgendwelche Bonzen! Und dafür haben die uns auch noch unseren guten, alten TXL weggenommen! So klingen die Ängste in dieser Stadt.

Am Ende seines Rundgangs steht der Flughafenchef Lütke Daldrup auf einer Plattform des Towers und blickt über das Gelände. Ihn interessiere eigentlich ziemlich wenig, ob die Berliner jetzt für oder gegen Tegel seien, sagt er. Er kann verstehen, dass man den TXL gut findet, er mag ihn ja auch.

„Aber die Stadt hat sich nun mal für den BER entschieden“, sagt er. Für ihn ist damit alles gesagt. „Wir sind dann fertig, oder?“

Lütke Daldrup will zurück zu seiner Baustelle.

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