Landser-Hefte, Nazi-Mucke, antisemitische Literatur - alles mit drei, vier Klicks bestellt. Bei Amazon gibt es fast alles, was das braune Herz begehrt. Was tut der Versandhändler dagegen? Wenig. Von Jochen Siemens

In wie vielen der zig brauen Pakete, die Amazon jeden Tag verschickt, befindet sich auch braune Literatur? In mehr als man denkt.© Rick Wilking/Reuters
Man muss sich einmal vorstellen, es gäbe in der Nachbarschaft so ein großes Buchkaufhaus wie Thalia in Hamburg oder Hugendubel in München. Es ist ein sehr großer Laden, mehrere Etagen, aufgeräumt, mit einer CD und DVD-Abteilung, Zeitschriften und Sonderangeboten. Es kommt einem zwar seltsam vor, dass die Angestellten oft kaum Deutsch sprechen und immer übermüdet aussehen aber sie bringen einem die Bücher, die man sucht, sofort. Auch seltsam ist, dass vor der Tür kräftige Jungs mit rasierten Schädeln und den bei Nazis so beliebten Thor-Steinar-Jacken aufpassen, dass niemand etwas klaut. Und ein paar der Jungs sind auch im Laden und singen, oder besser gröhlen in der CD-Abteilung Lieder wie "Nur die besten sterben jung" von den Böhsen Onkelz, einer angeblich geläuterten Nazi-Rock-Band.
Und weiter hinten bei den Geschichtsbüchern hocken sie und andere, meist ältere zwischen den Regalen und blättern in Büchern wie "Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum" vom Antisemitismus-Erfinder Wilhelm Marr oder in "Antisemitismus-Katechismus" des Judenhassers Theodor Fritsch. Das Exemplar "Immer wieder Nahkampf" des Landsers und Nahkampfspangen-Trägers in Gold, Ingo Möbius, ist schon abgegriffen, und die Werke des Holocaust-Leugners David Irving gibt es hier gebraucht. Man trifft auch ein paar uralte Männer weiter hinten in der Sammlerabteilung, die mit großen Lupen die Hakenkreuz-Briefmarken untersuchen, die man hier tauschen kann. Aus der DVD-Abteilung lärmt es, weil jemand einen "Landser, Panzer, Sturmhaubhitzen"-Film mit voller Lautstärke abspielt, und bei den Zeitschriften stapeln sich die neuen Landser-Hefte. So, würden sie in so einen Laden gehen? Nein?
Der Laden heißt Amazon. Im vergangenen Jahr verbuchte der Versandriese in Deutschland einen Umsatz von 8,73 Milliarden Dollar, erwirtschaftet mit billigen Leiharbeitern in den Versandzentralen, knebelharten Rabatt-Verträgen mit den Verlagen und millionen Kunden, die heute bestellen und morgen bekommen. Das neue Buch von Tom Wolfe, Lillifee-Spiele, das neue Album von Rihanna als Download, Amazon ist der Kulturversorger Deutschlands. Aber mit Amazon ist es wie mit Google – was einst als nettes, symphatisches Start-up begann, gehört heute zu den Weltmächten des Internet- und Informationshandels.
Für Amazon, das sieht man am Gründer Jeff Bezos, sind Bücher und Musik eine Ware, nichts weiter und ganz egal, was sie transportiert. Und so kommt es, dass Amazon unbemerkt auch zu einem der größten Versandhändler auch für Nazi- und Antisemitismus-Werke geworden ist. Dumpfes und hetzendes Nazi-Denken an den Stammtischen der NPD oder in den Gangs der Hakenkreuz-Skinheads findet hier sein theoretisches Futter. Bücher, die oft auch in Bibliotheken nur unter Vorbehalt einzusehen sind, können – drei, vier Klicks – bestellt werden.