Bei jeder Tablette geht es nicht nur um Ihre Gesundheit, sondern auch um Geld: Ärzte werden mit Reisen und Schecks geködert, Patienten mit falschen Versprechungen gelockt. Der stern zeigt, wer sich mit welchen Tricks an unseren Krankheiten bereichert – und wie man den gierigen Helfern auf die Schliche kommt. Von Markus Grill

Unter den 21 neuen Arzneimitteln, die 2005 auf den Markt kamen, verfügen nur 10 über ein neues Wirkprinzip© Hans Hansen
Jeden Monat fließen 14 Prozent Ihres Gehalts an die Krankenkasse. Vielleicht denken Sie: Hohe Krankenkassenbeiträge sind in Ordnung, schließlich ist unser Gesundheitssystem besonders gut, und Qualität hat eben ihren Preis. Schön wär’s! Aber im internationalen Vergleich ist die Qualität nur mittelmäßig. Gemessen daran, wie lange jemand überlebt, der an Brustkrebs, Darmkrebs oder Gebärmutterhalskrebs erkrankt, landet Deutschland innerhalb der OECD-Staaten nur auf den hinteren Plätzen.
Spitzenmäßig wachsen dagegen die Einnahmen der Pharmaunternehmen. Vor zehn Jahren gaben die gesetzlichen Kassen noch 17 Milliarden Euro für Arzneimittel aus, im vergangenen Jahr waren es bereits 26 Milliarden - ein Plus von 48 Prozent. Fürs laufende Jahr zeichnet sich ein weiterer Kostenanstieg um 8,4 Prozent ab. Kein anderer Bereich im Gesundheitssystem ist so gefräßig wie "Big Pharma": Während jeder Krankenversicherte im vergangenen Jahr für Arzthonorare durchschnittlich 441 Euro zahlen musste, kosteten Arzneimittel jeden Versicherten satte 513 Euro. Eine Perversion des Systems: Seit 2001 geben wir für Pillen mehr Geld aus als für alle niedergelassenen Ärzte im Land. Nur Krankenhäuser kosten noch mehr als die Arzneimittel. Sie denken vielleicht: Arzneimittel sind so teuer, weil Forschung und Entwicklung neuer Medikamente so viel Geld verschlingen? Pharmalobbyisten erzählen diese Geschichte gern - aber es ist ein großer Schwindel.
Nach Berechnungen etwa von Marcia Angell, Harvard-Professorin und ehemalige Herausgeberin der angesehensten Medizinzeitschrift der Welt, des "New England Journal of Medicine", gibt die Industrie für die Entwicklung eines neuen Medikaments nur ein Achtel dessen aus, was sie behauptet. Also statt 600 Millionen Euro nur rund 80 Millionen. Doppelt so viel Geld wie in Forschung stecken die Konzerne in Marketing und Verwaltung. Trickreich rechnen aber manche Unternehmen ihre Kosten für Anwendungsbeobachtungen, Pharmareferenten und Ärztereisen unter die Forschungsausgaben. Tatsächlich bringt die Industrie heute kaum noch Medikamente auf den Markt, die eine echte Verbesserung bedeuten. Viele angebliche Neuheiten sind lediglich Abwandlungen bestehender Medikamente, sogenannte Scheininnovationen oder "Me too"- Präparate (engl.: "ich auch").

Die "Me too"- Liste zeigt 82 Präparate, für die es ebenso wirksamere und günstigere Alternativen gibt© Joerg Koch/ DDP
So verfügten unter den 21 neuen Arzneimitteln, die 2005 auf den Markt kamen, nur 10 über ein neues Wirkprinzip, das für Patienten auch eine therapeutische Verbesserung bedeutete. Die Verfasser des "Arzneiverordnungsreports", eines Standardwerks mit den Verordnungsdaten der Krankenkassen, kommen nach Sichtung aller seit 1978 zugelassenen Wirkstoffe zu dem Ergebnis, dass nur knapp 28 Prozent "therapeutisch bedeutsame neue Wirkprinzipien" zeigen. Doch nichts hasst die Pharmaindustrie mehr als die Feststellung, sie sei forschungsfaul und drücke überwiegend Scheininnovationen in den Markt. Und wer es wagt, diese simple Wahrheit auszusprechen, wird mit Prozessen überzogen. Wie die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Nordrhein. Eigentlich gelten diese Vereinigungen, deren Aufgabe es ist, das Geld der Krankenkassen unter den Ärzten zu verteilen, als pharmafreundlich. Doch die KV Nordrhein fällt da ebenso wie die KV Bayern aus dem Rahmen.
Jedenfalls wagte es die KV Nordrhein, eine "Me too"- Liste zu veröffentlichen mit 82 Präparaten, für die es ebenso wirksame günstigere Alternativen gibt. Erstellt hat die Liste Professor Ulrich Schwabe von der Uni Heidelberg. 21 Pharmaunternehmen verklagten die KV Nordrhein daraufhin. Gleichzeitig versuchten Pharmabosse, den KV-Chef Leonhard Hansen unter Druck zu setzen. "Es ging der Industrie ums Prinzip", vermutet Hansen, "die Liste musste weg, weil sie den Firmen ins Geschäft hagelte." Hansen erinnert sich an die Besuche mehrerer Pharmageschäftsführer in seinem Büro in Düsseldorf. "Da fielen Sätze wie: "Wir machen Sie platt" oder "Wir klagen Sie in Grund und Boden" oder "Wir können uns auf die Ärzte verlassen‘."
Doch die Gerichte erlaubten Hansen, diese Übersicht zu erstellen (s. Seite 104). Wenn alle Ärzte solche Scheininnovationen meiden würden, hat Professor Schwabe errechnet, könnten die gesetzlichen Krankenkassen jedes Jahr rund 1,6 Milliarden Euro sparen. Wenn sie außerdem noch konsequent Generika verordnen würden, also preiswerte Kopien von Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist, würden die Kassen weitere 1,3 Milliarden Euro sparen. In Nordrhein entfaltet die Liste bereits Wirkung: Während die Arzneimittelausgaben im vergangenen Jahr bundesweit um 1,3 Prozent stiegen, fielen sie in Nordrhein um exakt 2 Prozent. Auf der Liste steht zum Beispiel Nexium, ein Mittel gegen Magengeschwüre und Sodbrennen. Hergestellt wird es vom Pharmakonzern Astra-Zeneca. Es kam 2001 auf den Markt, als der Patentschutz des Vorgängerprodukts Prilosec auslief, mit dem Astra-Zeneca weltweit sechs Milliarden Dollar Umsatz machte - ein echter "Blockbuster" für den Konzern. So werden in Anlehnung an Hollywood-Kassenschlager auch die Topmedikamente in der Pharmaindustrie genannt. Der Wirkstoff von Prilosec war Omeprazol. Die Firma änderte die Zusammensetzung ein wenig, nannte den Wirkstoff Esomeprazol, taufte das Medikament auf den Namen Nexium, startete einen gigantischen Werbefeldzug und drückte Nexium als verbesserte Form von Prilosec in den Markt.
Um Nexium gegenüber seinem Vorgängerprodukt besser aussehen zu lassen, griffen die Wissenschaftler von Astra- Zeneca sogar noch zu einem weiteren Trick, wie die Medizinexpertin Marcia Angell ausführt: "Statt die einander vermutlich entsprechenden Dosierungen zu vergleichen, setzten die Wissenschaftler des Unternehmens Nexium in höherer Dosierung ein. Sie verglichen 20 und 40 Milligramm Nexium mit 20 Milligramm Prilosec. Mit derart gezinkten Karten sah Nexium wie eine Verbesserung aus - die aber nur geringfügig war und sich nur in zwei der vier Studien zeigte." Man vergleicht also eine niedrige Dosierung des älteren Präparats mit einer teilweise höheren Dosierung des neuen Präparats und kann damit einen geringen Fortschritt zeigen – so dünn ist die wissenschaftliche Basis für Nexium. "Daraus hätte sich eigentlich die Schlussfolgerung ergeben müssen ... Nexium zu den Akten zu legen", urteilt Marcia Angell, "aber das wäre für Astra-Zeneca nicht hilfreich gewesen, sondern nur für die Menschen, die an Sodbrennen leiden."
Übernommen aus ...
Ausgabe 34/2007