"Sandys" gute Seite

31. Oktober 2012, 21:45 Uhr

Die Folgen des Wirbelsturms sind verheerend. Die US-Wirtschaft aber wird vom Wiederaufbau und Schutzmaßnahmen profitieren. Denn es wird zu neuen Investitionen, vielleicht sogar zu Innovationen führen. Von Thomas Straubhaar

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Hurrikan "Sandy" hat an der US-Ostküste große Verwüstungen hinterlassen. Die Wirtschaft wird der Sturm aber nicht nachhaltig schädigen.©

Wirbelsturm "Sandy" tobte und verwüstete alles, was ihm in die Quere kam. Millionen Haushalte sind ohne Strom, Tausende Menschen kamen zu Schaden, Dutzende starben. Die Wirtschaft stand für Stunden still, der Handel an der Wall Street war ausgesetzt. Erste Schätzungen gehen von Folgekosten von mehr als 20 Milliarden oder sogar 50 Milliarden Dollar, wenn die Gewinneinbußen der Unternehmen mit eingerechnet werden. Und was macht die Börse? Die Aktienkurse steigen. Nach der Wiedereröffnung am Mittwoch legte der Dow Jones zunächst einmal zu, bevor im Laufe des Tages der Zugewinn wieder abschmolz.

Was auf den ersten Blick wie eine weitere Perversion der Finanzmärkte wirkt, reflektiert die Erwartung der Spekulanten, dass Naturkatastrophen zwar zu dramatischem menschlichen Elend, nicht aber zu nachhaltigen makroökonomischen Folgekosten führen. Weil diese Erwartung durch empirische Erfahrungen nach Tsunamis, Erdbeben, Wasserfluten und Lawinen gut belegt ist, sind alle Hochrechnungen der Langzeitschäden übertrieben.

"Sandy" ruiniert keine Unternehmen

Kann momentan an der Ostküste Amerikas wegen der von "Sandy" bei Infrastruktur oder Firmen verursachten Schäden nicht produziert werden, füllen entweder Leistungen oder Lieferungen von anderen Orten die entstehenden Lücken. Dann werden Aktien und Wertpapiere eben in Tokio, London oder Chicago gehandelt. Soweit das nicht möglich ist, können durch den Hurrikan hervorgerufene Produktionsausfälle durch Lagerabbau und später durch Zusatzschichten oder Zusatzgeschäfte weitgehend ausgeglichen werden. Das war bereits nach 9/11 der Fall. Und selbst der GAU von Fukushima im März 2011 hat die Weltwirtschaft in keiner Weise getroffen und auch in Japan kaum ökonomische Langzeitfolgen verursacht.

Schon fast bizarr wirkt es, wenn Gewinneinbußen von Unternehmen als Folgeschäden von "Sandy" hochgehandelt werden. Als würde die Wall Street ihre Gewinne in Downtown Manhattan erzielen. Dort werden die Kurse gemacht, aber nicht die Gewinne. Die entstehen irgendwo in den Weiten des Finanzmarktes, meist völlig losgelöst von realen Gegebenheiten. Und da, wo es tatsächlich an der Ostküste um produzierendes Gewerbe geht, ist es naiv, so zu tun, als würde "Sandy" Unternehmen nun plötzlich von hochprofitablen Firmen zu kurz vor dem Konkurs stehenden Problemfällen machen.

Das mag in wenigen Einzelfällen so sein, beispielsweise, wenn ein Straßenhändler am Broadway seinen Hot-Dog-Stand an die Wasserfluten verloren hat, oder wenn ein kleiner Handelsladen überschwemmt und das Gebäude unbewohnbar wurde. Das sind dramatische Einzelschicksale. Aber die Masse der Betriebe wird ein paar Tage benötigen, um Büros und Verkaufsflächen zu reinigen, behelfsmäßig zu reparieren und dann zum "business as usual" zurückzukehren. Auch das war, bei allem Schrecken, der bis heute geblieben ist, in New York nach 9/11 nicht anders.

Steigende Börsenkurse durch Kobe-Effekt

Mehr noch: oft gibt es nach Katastrophen durch die entstandenen Schäden eine "Sonderkonjunktur". Sie wird durch staatliche Wiederaufbauprogramme ausgelöst. Die öffentlichen Ausgaben für Aufräumarbeiten, einen Neubau von Infrastrukturanlagen und Nothilfen an betroffene Menschen stimulieren die Binnenkonjunktur. Dadurch entstehen neue Arbeitsplätze. Für viele Haushalte bedeutet das, ein (höheres) Einkommen und mehr Kaufkraft, die dann wiederum für steigende Umsätze sorgen. Das war nach 9/11 gerade auch in New York und in Japan nach dem Erdbeben von Kobe 1995 der Fall. Es ist dieser Kobe-Effekt, der erklärt, wieso die Börsenkurse nach einer Naturkatastrophe wie "Sandy" steigen.

Nicht zuletzt wird "Sandy" dafür sorgen, dass sich die amerikanischen Küstenregionen künftig besser vor einer Wiederholung schützen werden. Deiche dürften gebaut oder erhöht werden. Windbrecher und Schutzwände werden errichtet oder verstärkt. Die Infrastruktur wird sturmfester gemacht werden. Und schließlich dürfte (endlich) auch in den USA die Diskussion ernsthafter geführt werden, inwieweit Intensität und Wucht der Wirbelstürme von menschlichem (Fehl-)Verhalten und der Klimaveränderung mit verantwortet werden. Das wird zu neuen Investitionen, vielleicht sogar zu Innovationen führen, die sich positiv auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken.

Die Ökonomie ist eben kein hydraulisches Gebilde, das von starren Mechanismen getrieben wird. Vielmehr findet in der Realität ein dynamisches Wechselspiel von Aktion und Reaktion, Veränderung und Anpassung statt. Das führt dann oft zu überraschenden, manchmal auch dem Bauchgefühl widersprechenden Ergebnissen. So auch beim Sturm "Sandy" und seinen Folgen.

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Thomas Straubhaar ...

… ist Leiter des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) und Professor der Universität Hamburg. Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1957, gehört zu den profiliertesten Volkswirten in Deutschland

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