Chinas Angst vor Sommersprossen

16. Juni 2005, 17:32 Uhr

Der Wunsch nach makelloser weißer Haut lässt immer mehr Chinesinnen zu besonderen Pflegeprodukten greifen. Ein lukratives Geschäft für die Kosmetikindustrie. Von Marlies Uken

Sonnenschutz total: Handschuhe mit Gummizug in Ellenbogenlänge©

Der vergangene Sommer war schlimm für Huang Xiao. 35 Grad in Shanghai, die Sonne brannte - und die 21-jährige Chinesin saß im Auto und nahm Fahrstunden. "Ich hatte solche Angst, nur auf der linken Seite braun zu werden", erzählt die Studentin, "es war ein Horror." Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 30, langärmeliges Shirt, Sonnenhut: Huang Xiao fuhr alles auf, was das Bräunen verhindern konnte, das Stirnrunzeln des Fahrlehrers wurde konsequent ignoriert. Mit Erfolg. Die linke Schulter blieb weiß.

Makellose weiße Haut ist für Chinas Frauen schon seit Jahrhunderten der Inbegriff von Schönheit und Weiblichkeit. Die moderne Chinesin hilft diesem Schönheitsideal jetzt künstlich nach. Sie vertraut auf so genannte "Whitening"-Produkte. Das sind Feuchtigkeitscremes, Reinigungswässerchen und andere teuere Essenzen, die Aufheller enthalten, um die Haut noch heller erscheinen zu lassen. Mit ihrer Hilfe sollen selbst Sommersprossen verblassen. Nach Schätzungen von Marktforschungsinstituten machen diese Artikel mittlerweile rund 60 Prozent des Umsatzes von Gesichtspflege-Produkten in China aus. Allein Nivea Shanghai verzeichnete in der Sparte ein Wachstum von 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der gesamte chinesische Kosmetikmarkt setzt jährlich mehr als 1,7 Milliarden US-Dollar um. Tendenz steigend.

Wer Shanghaier Damen an einem Sonnenscheintag beobachtet, kann verstehen, warum die Kosmetikbranche mit einem Wachstum von mehr als dreißig Prozent in den nächsten Jahren rechnet. Denn dann legen junge Frauen ein für Westler wunderliches Verhalten an den Tag. Der weiße Sonnenschirm mit UV-Schutz wird eilig aufgespannt, die weißen Handschuhe mit Gummizug (Ellbogen-Länge) aus dem Täschchen gekramt und über die blanken, frisch rasierten Arme gezogen. Auf der Edel-Einkaufsmeile Huhai Lu ist die Schattenseite plötzlich heiß begehrt. Straßencafes in der Sonne werden nur von Ausländern bevölkert – Shanghaier Ladies schlürfen ihren grünen Tee im Plastikbecher lieber in dunklen U-Bahnschächten. Manche Frau stellt beim Gang über die Kreuzung gar ihre Handtasche auf die Schulter, um den gefährlichen Weltraumstrahlen im Gesicht zu entgehen. Weibliche Fahrradfahrer setzten riesige getönte Plastik-Schirmmützen auf, die sich bis zum Kinn herunterklappen lassen. Für weiße Haut wird kein Aufwand gescheut. Und jede Hässlichkeit in Kauf genommen.

Für weiße Haut wird kein Auwand gescheut©

"Weiße Haut überdeckt drei Makel im Gesicht", sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Tatsächlich scheint die Vorliebe für makellose Haut in der Vergangenheit zu liegen. Am chinesischen Hof zerrieben die Damen Perlen und puderten sich damit ihr Gesicht, um würdevoller und aristokratischer auszusehen. Manche schluckten das staubige Zeug sogar, um weißere Haut zu bekommen. Wer reine Haut besaß, galt und gilt als vermögend, denn er arbeitet offensichtlich nicht unter der Sonne auf dem Feld. "Weiße Haut ist in Asien schon immer ein Zeichen für einen höheren gesellschaftlichen Status gewesen", sagt Andrew Chang, Geschäftsführer von Nivea Shanghai. Vor allem junge, erfolgreiche Chinesinnen, die sich mehr an TV-Serien wie "Sex and the City" als an Konfuzius orientieren, legen Wert auf ein perfektes Äußeres. Aus ganz praktischen Gründen: "Mit weißer Haut hat man bessere Chancen im Beruf, vor allem bei westlichen Firmen", glaubt die 20jährige Jin Xiaoyun. Ganz zu schweigen von den Chancen bei chinesischen Jungs. Die bevorzugen natürlich auch weiße Haut.

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