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2. Mai 2007, 11:30 Uhr

Wann kommt Mann "zu früh"?

Die häufigste männliche Sexualstörung ist zugleich die unklarste: der vorzeitige Samenerguss. Wann ist hier "zu früh"? Und gibt es dafür objektive Kriterien? Eins ist jedenfalls klar: Die Stoppuhr ist hier nicht das Maß aller Dinge. Von Ulrich Clement

 
sex

Männer, die sich selbst für vorzeitige Samenergießer hielten, kamen bei einer Studie im Schnitt nur 30 Sekunden früher zum Orgasmus als "normale" Männer© Picture-Alliance

Die Sexualforschung hat versucht, die Zeitdauer zwischen Einführen des Penis und Samenerguss zu definieren: Weniger als eine Minute galt als frühzeitig, - aber wer benutzt schon eine Uhr beim Sex! Oder die Anzahl von Beckenbewegungen (zum Beispiel weniger als fünf) - manche Männer bewegen sich schneller, manche langsamer. Keine dieser Definitionen hat sich durchgesetzt. Auch nicht der pfiffige Versuch der Sexualtherapie-Klassiker Masters und Johnson, die Befriedigung der Partnerin zugrundezulegen: Vorzeitig ist demnach eine Ejakulation, wenn die Partnerin in weniger als 50 Prozent einen Orgasmus bekommt. Der offensichtliche Haken: Was ist, wenn die Frau eine Orgasmusstörung hat?

Die Koitus-Dauer wird überschätzt

Und weil die Experten das Messen nicht aufgeben wollen, kam eine holländische Forschergruppe auf die Idee, den Partnerinnen die Stoppuhr in die Hand zu geben. Schwer vorzustellen, dass diese Szene keinen Einfluß auf das Ergebnis haben soll. Immerhin: 90 Prozent der armen Männer, die mit einer chronischen Ejaculatio präcox diagnostiziert waren, "kamen" innerhalb einer Minute zum Orgasmus, 80 Prozent innerhalb von 30 Sekunden. Aber wer sagt, dass das "zu früh" ist? Für wen ist früh zu früh?

Viel interessanter als die objektive ist die "gefühlte" Zeit. Der Urologe Frank Sommer ging der Frage nach, wieweit die subjektiven Zeitschätzungen von der objektiv gestoppten Zeit abwichen. Ergebnis: Die Zeit wird weit überschätzt: Was tatsächlich zwei Minuten und 50 Sekunden dauerte, schätzten die Männer auf viereinhalb Minuten, ihre Partnerinnen sogar auf fünfeinhalb Minuten. Der Koitus fühlt sich also doppelt so lange an, als er tatsächlich dauert. Und ein Vergleich von Männern mit frühzeitigem Samenerguss mit einer symptomfreien Vergleichsgruppe zeigt nur einen kleinen Unterschied: Die Patienten wurden mit zweieinhalb Minuten gestoppt, die ungestörten Männer mit drei Minuten. Peanuts, diese Unterschiede!

Alles eine Frage der Wahrnehmung

Ein solches Ergebnis bestätigt Glücks- und Depressionsforscher gleichermaßen: Alles eine Frage der Wahrnehmung! Der unzufriedene Mann, der seinen Sex mit den Augen eines Verlierers betrachtet, nimmt auch seine Ejakulation als Beweis für sein Unglück. Und wer sexuell zufrieden ist, bewertet seine Ejakulationssdauer eher als "normal". Oder er macht sich keine Sorgen darum, wie lange sie objektiv sein mag.

Und so sind die Experten auch von begrenzten objektiven Maßstäben abgekommen. Eine frühzeitige Ejakulation wird erst dann diagnostiziert, wenn die sexuelle Befriedigung dadurch beeinträchtigt ist. Egal, was die Stoppuhr sagt.

Der Experte

Der Experte Prof. Dr. Ulrich Clement ist Paar- und Sexualtherapeut; Professor für medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg; Lehr- und Forschungstätigkeit an den Universitäten Hamburg, Freiburg im Breisgau und Heidelberg.

Clement war Präsident der International Academy of Sex Research und Research Associate an der Columbia University; zusammen mit Ulrike Brandenburg leitet er das Institut für Sexualtherapie Aachen/Heidelberg. Er ist einer der führenden deutschen und international renommierten Paar- und Sexualtherapeuten.

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Das Institut für Sexualtherapie

Von Ulrich Clement
 
 
Sex oder nie

Der Paar- und Sexualtherapeut Ulrich Clement ist Professor für Medizinische Psychologie an der Universität Heidelberg

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