BMW 1er-Coupe Wadenbeißer de Luxe


Ausgerechnet der Allerkleinste von BMW macht am meisten her. Das 135i genannte 1er-Coupe mag nicht jedermanns Geschmack sein, aber wenn man drin sitzt, sieht man ihn von außen nicht, und dann macht er richtig Spaß.
Von Helmut Werb

Olala, der französische Kollege flog schon mal von der Strecke. Das muss man erst mal können, denn das neue 1er-Coupe, das BMW auf dem neuen Gotland Ring auf der gleichnamigen schwedischen Insel vorstellte, ist selbst auf regennasser Fahrbahn schwer aus der Bahn zu bringen. Doch der forsche Gallier hatte offensichtlich das DTC des 135i ausgeschaltet, um den 306 Pferdestärken des sportlichen Einsers freien Lauf zu lassen, und den nahmen sie sich denn auch.

Warum die Bayern darauf kamen, ihr neues Geschöpf auf skandinavischen Auslaufzonen zu präsentieren, sei damit zumindest teilweise erklärt, ein rechter Spass freilich war es schon, denn das 1er-Coupe, offiziell der Kleinste der Weissblauen (der Mini läuft ja unter anderer Flagge), ausgestattet mit dem heute schon legendären Sechszylinder Twin-Turbo, ist ein gar mächtiges Fahrgerät. Mit dem im Vergleich zu den bisherigen 1er-Modellen etwas leichteren Coupe lässt’s sich sowohl gemütlich in den hohen Gängen cruisen, denn schon ab runden 1300 Umdrehungen steht ein Drehmoment von 300 Newtonmetern zur Verfügung.

Zwei gekoppelte Turbolader

Und bei etwas mehr Gas gibt’s dann die 400, eine Kraft die durchaus ausreicht, einen gestandenen Möbelwagen auf der Überholspur über den Brenner zu bringen. Wer es denn etwas unterhaltsamer mag - wie unser französischer Kollege - darf im hervorragend abgestuften Sechsganggetriebe schalten und walten, und dann geht es gar mächtig zur Sache. Die 306 PS kommen ohne Verzögerung aus den drei Litern Hubraum, gedopt von zwei gekoppelten Turboladern, und das erklärt wohl auch die BMW-Vorstellung des neuen Kleinen auf einer veritablen Rennstrecke, denn bei der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h auf schwedischen Landstrassen wären die Budgets der herbeigekarrten Journaille wohl von den radar-überwachenden Schweden ziemlich zusammengestrichen worden.

Selbst skandinavischer Dauerregen kann der Spurtreue nichts anhaben

In etwas über fünf Sekunden ist der 135i auf Hundert - und damit in der roten Strafzettel-Zone -, Messbereiche, die vor zwei Jahren noch für extreme Zweisitzer aus Italien und Zuffenhausen reserviert waren. VMax ist wie üblich abgeriegelt, aber wenn der 135i die 250 erreicht, hört man fast das "Ööha!" der BMW Elektronik, die den Kleinen gehörig einzügelt. Die eineinhalb Tonnen Lebendgewicht liegen - man entschuldige die Platitüde - wie das allseits bekannte Brett auf der Straße, und selbst der skandinavische Dauerregen konnte der Spurtreue aber auch gar nix anhaben. Erfreulicherweise haben die elektronischen Kontrollprogramme heutzutage einen Standard erreicht, der selbst den Sportlichsten unter den Fahrern genügend Fahrspass, sprich Schräglage, erlaubt, und den 1er trotzdem dem Kies fernhält.

Adequates Raumangebot

Am schönsten ist das Coupe halt schon, wenn man es fährt, dann sieht man nur die Straße vor sich, und auch die nur kurz, ganz kurz, denn Chris Bangles Design-Konzeptionen sind bekanntermaßen nicht jedermanns Sache, der eine mag die Blechfalterei, der andere nicht, und ob das Coupe stilistisch ein Meisterstück geworden ist, sei einfach mal dahingestellt. Das Raumangebot im Innenraum jedenfalls ist adequat für ein Coupe, der Kofferraum ist Golfbag-tauglich, die Skier können zielgruppenkonform zusammen mit dem Snowboard und zwei begleitenden Freundinnen (inkl. Schlittschuhe) ins Wochenendvergnügen transportiert werden. Für die Umweltbewussten und Kostendenkenden bieten die Bayern zwei moderne Dieselversionen an - den 120d, der mit einem Verbrauch von 4,8 Litern und einem CO2-Ausstoss von beeindruckenden 128g/100km tatsächlich Massstäbe setzen könnte, und den 123d mit (ebenfalls) 400 Nm und einer sieben Sekunden-Zeit für den 100er-Spurt.

Dass BMW mit dem neuen 1er-Coupe wirklich alle Nischen besetzt, die sich die Marketingabteilung in stillen Stunden vorstellen kann, hat auch gute Exportgründe. Die Einführung der 1er-Serie steht in den USA dringlichst an, denn die Konkurrenz (u.a. Audi mit dem A3 Sportsback) erzielt stattliche Verkaufserfolge in der Klasse der Premium-Kleinen und droht somit, wichtige Marktsegmente dauerhaft zu besetzen. Jeder Marketingstratege jedoch, der von sich behauptet, etwas vom US-Markt zu verstehen, bläut hiesigen Kfz-Planern ein, dass Amis keine Hatchbacks - wie den regulären Einser - lieben, sondern auf einem anständigen Kofferraum bestehen und sei er nur schnöde draufgeklebt.

Kein Risiko bei der Markteinführung

Das mag stimmen oder auch nicht, BMW ging schon mal auf Nummer Sicher und wird den 1er in den USA zuerst als Coupe vorstellen - und als Cabrio, als "Sunny Baby Bimmer" sozusagen! Das in Deutschland noch nicht vorgestellte 1er-Faltdach wird zeitgleich mit dem Coupe im Frühjahr 2008 in den USA verkauft werden, und zwar mit einem Motor, den es bei uns erst viel später geben wird - dem Dreiliter-Sechzylinder mit rund 230 PS, unerklärlicherweise 128i genannt. Die teutonische Kundschaft darf mit dem erst im nächsten Sommer spielen, dafür kriegen die Amis den Doppelbläser erst im Herbst. Ätsch.


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