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"Sensible Soccer": Demontage eines Klassikers

Nostalgiker werden sich an schlaflose Heimcomputer-Nächte erinnern und denken: Früher war alles besser. Nicht nur bei der WM 1974, sondern auch 1992, als "Sensible Soccer" noch Spaß machte ...

Ausgefeilte Taktiken und virtuose Ball-Akrobatik sucht man hier vergebens. Ebenso grafische Meisterleistungen, Stadionatmosphäre und kompetente Kommentatoren. Statt fotorealistischen Porträts aktueller Profi-Spieler bietet "Sensible Soccer" lediglich simple Comicfiguren. Frei nach dem Motto "Der Ball ist rund, die Köpfe auch" scheinen sie allesamt dem Lehrbuch für Karikaturmaler entstiegen zu sein. Aber der Oldschool-Look und das minimalistische Gameplay sind durchaus beabsichtigt. "Retro" ist das Zauberwort, denn "Sensible Soccer" ist die Neuauflage eines Fußball-Klassikers, der die Herzen von Pixel-Liberos vor über 14 Jahren im Sturm gewann. Lange bevor die Soccer-Evolution auf Spielekonsolen begann, gaben die stolzen Besitzer von Amiga- und Atari-ST-Heimcomputern ihrem Lieblingsspiel den liebevollen Kosenamen "Sensi".

Doch was 1992 noch State-of-the-Art war, ist heute unfreiwillig komisch. Und obwohl "Sensible Soccer" Reloaded im Vergleich zum Original aufgepeppt wurde, ermüdet es schnell jeden, der virtuellen Fußball so real wie möglich erleben will. Das aber ist auch nicht das Ziel der Programmierer gewesen. John Hare, Mastermind hinter dem ursprünglichen Spiel und verantwortlich für die neue Version, betont, dass "Sensible Soccer" nicht um die Gunst der Simulations-Fans buhlen will, sondern bewusst auf hohen Action- und Spaß-Faktor setzt. In Zahlen ausgedrückt klingt es zwar beeindruckend, dass mehr als 350 Vereinsmannschaften zur Wahl stehen, doch angesichts der mangelnden Rechte und ähnlich aussehender Comic-Eierköpfe ist dies für echte Fußballfans weniger reizvoll als bei lizenzierten Spielern, die ihren realen Vorbildern aufs Haar gleichen.

Die horizontal scrollende Vogelperspektive ist eine Umstellung, an die sich "FIFA"-verwöhnte Augen erst gewöhnen müssen. Diese distanzierte Sicht steht zwar dem Gefühl im Weg, mittendrin statt nur dabei zu sein, bietet dafür aber immerhin eine gewisse Übersichtlichkeit. Ob das wirklich ein Vorteil ist, bleibt genau so Geschmackssache wie die Frage, ob intuitive Steuerung, hektisches Spieltempo und viele Tormöglichkeiten eine spaßbringende Alternative zur Authentizität moderner Fußballsimulationen sind. Torschuss, Pass und Sprint sind in der rasanten Bolzerei die drei wichtigsten Optionen. Mit dem Steuerkreuz lassen sich Zielgenauigkeit, Effet, Höhe und Speed beeinflussen.

Der Trend geht seit Jahren eindeutig in Richtung Realismus. Aber nicht nur deshalb hat es ein Retro-Titel wie "Sensible Soccer" schwer. Selbst nach mehreren Partien wirkt der gesamte Spielaufbau immer noch planlos. Darüber hinaus ärgern Kleinigkeiten wie ein fehlender Online-Modus oder ein Radar.

Sensible Soccer

Hersteller/Vertrieb

Kuju Entertainment/Codemasters

Genre

Sport

Plattform

PlayStation2, PC, XBox

Preis

ca. 40 Euro

Altersfreigabe

o.A.

PC-, Xbox- und PS2-Zocker erleben hier die Demontage eines Klassikers zur WM. Allenfalls Zocker, die nicht in die Tiefe von detailverliebten Fußballsimulationen einsteigen wollen, sondern Fußball-Fastfood suchen, dürfen bei "Sensible Soccer" den schnellen Kick suchen ...

Michael Eichhammer/Teleschau / TELESCHAU
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