VG-Wort Pixel

Meinungsforscher zur Wahl Die geliehene Größe der FDP


Geht die Union wirklich geschwächt aus der Wahl hervor? Die führenden Demoskopen sehen im Zugewinn der FDP vor allem eine taktische Meisterleistung bürgerlicher Wähler. Die Erstwähler hingegen werden immer unberechenbarer.
Von Johannes Schneider

Auch sie sind Gewinner dieser Wahl: Nachdem die Demoskopen 2005 mit ihrer Prognose von 40 Prozent plus X für die CDU/CSU gründlich daneben lagen, zeigten sie bei dieser Wahl erstaunliche Genauigkeit. Beim Auftritt der vier führenden Meinungsforschungsinstitute im Bundespressezentrum triumphierte heute vor allem Forsa-Chef Manfred Güllner: Seine letzte Umfrage nahm am Freitag vor der Wahl das Ergebnis fast exakt vorweg - bis auf eine um zwei Prozent zu optimistische Prognose für die SPD.

Einig waren sich die Wahlforscher auch in der vorsichtigen Bewertung des Wählertransfers von der CDU/CSU zur FDP: "Die Wähler wissen das Wahlsystem immer besser taktisch zu nutzen", bescheinigte Richard Hilmer von infratest dimap den Wählern strategische Intelligenz. "Das bedeutet noch keine langfristige Bindung. Gerade die FDP muss jetzt Flagge zeigen." Ähnlich zurückhaltend bewertete Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen das Traumergebnis der Liberalen: "Die Wahl 2005 war dadurch charakterisiert, dass sich CDU und FDP zu ähnlich waren." Indem Angela Merkel die CDU durch zunehmende Besetzung sozialer Themen wieder zur Mitte hin geöffnet habe, sei neben der Union eine Profilierungsfläche freigeworden. "Stimmen wirtschaftlich interessierter Menschen an die FDP zu verlieren, ist da der Blutzoll."

CDU konstant, Schwächen bei SPD und CSU

Überraschend positiv bewerteten die Meinungsforscher auch den Wahlkampf der CDU: "Unterm Strich hat die CDU mit ihrem Nicht-Wahlkampf Recht gehabt", betonte Manfred Güllner: "Sie hat die Abwanderung zur FDP durch Zuwanderung von der SPD und deren Demobilisierung neutralisiert." Die Etablierung der volkstribunhaften, nicht-konfrontativen "Kanzlerpräsidentin" Merkel sei in der Krisenstimmung genau das Richtige gewesen. Ein Eindruck, den Matthias Jung bestätigte: Gerade in einer Krisensituation entspreche eine "weichgespülte" Position eventuell eher einer modernen Wähler-Sichtweise, als das klassische Wahlversprechen: "Ein großer Teil der Bevölkerung interessiert sich nicht für politische Details, für die ist Glaubwürdigkeit entscheidend. Mit Versprechungen, die jeder mit einem einfachen Dreisatz dechiffrieren kann, kommt man da nicht mehr weiter."

Die Stärkung der Steuersenkungspartei FDP erklärt das freilich nicht, die sei - neben der taktischen Dimension - vor allem den verbesserten Sympathiewerten geschuldet, wie Renate Köcher vom Allensbach-Institut bestätigte. Die Zweifelhaftigkeit überzogener Wahlversprechen habe dagegen neben der SPD vor allem die CSU getroffen, hauptverantwortlich für die Stimmenverluste der Union: Die CSU sei "unglaubwürdig in ihrer Radikalität", so Matthias Jung. Eine Schwäche, die sie mit der "ausgezehrten" (Köcher) Regierungspartei SPD ebenso teilt wie die drastische Entwurzelung bei ihrer Stammwählerschaft: "Die CSU ist die ehemals modernste Volkspartei Europas", so Manfred Güllner. Durch die Vernachlässigung des Lokalen habe sie aber nun eine Lücke für Freie Wähler und FDP geschaffen. "Die CSU kann nicht mehr binden wie früher, und das wird lange Zeit so bleiben", bestätigte der Bayer Richard Hilmer.

"Hirnrissige Kampagnen" und "Ego-Trips"

Uneins waren sich die Meinungsforscher indes über jene Ursachen für das Scheitern der SPD, die über ihre inhaltliche Entkernung unter Schröder und in der Großen Koalition hinausgehen: So nannte Manfred Güllner neben den Ego-Trips der Kandidatinnen Ypsilanti und Schwan auch handwerklich schlecht gemachte, wenn nicht gar "hirnrissige" Kampagnen: "Die Fokussierung auf ein Thema reicht für eine Volkspartei nicht. Mit 'Arbeit' allein zeigt man keine Generalkompetenz." 2005 habe das noch durch die Person Schröder kompensiert werden können. Dem widersprach Richard Hilmer: Am Personal habe es auch diesmal nicht gelegen, lediglich hätten die Wähler programmatisch nicht eingestellt werden können. Die fehlende Machtoption und das Werben mit der Ampel seien hier entscheidend gewesen.

Annähernd zwei Millionen Stimmen habe die SPD an die Nichtwählerschaft verloren, rechnete Hilmer, der auch die geringe Wahlbeteiligung für die Auszehrung der Volksparteien verantwortlich machte. Ein weiteres Phänomen: Gewohnheitsmäßiges Wahlverhalten werde gerade in der jüngeren Generation durch bewegliches abgelöst - das führe zur Stärkung kleiner Parteien. Speziell die jungen Wähler hätten, unter anderem mit ihrem großzügigen Votum für die Piratenpartei, deutlich gemacht, dass sie neben Konstellationen vor allem Themen wählen und keine klassischen Wahl-Milieus. Die Demokratie stehe damit vor einer großen Aufgabe: "In manchen Großstädten haben wir in der Gruppe der Jungwähler nahezu eine Patt-Situation zwischen sechs Parteien."

Wechselvolle Zeiten für die Demokratie

Wie genau es nun im Parteiensystem weitergeht - das konnten dann auch die Demoskopen nicht sagen: Während Renate Köcher eine Erholung der SPD in einer "scharfkantigen" Oppositionsrolle erwartete, zeigten sich andere skeptisch: "Gerade in den Volksparteien haben sich die Parteiführer von ihren Wählern entfernt", so Matthias Jung. Einer pragmatischen Wählerschaft stehe eine nur allzu oft noch ideologisch geprägte Parteispitze gegenüber.

Der Demokratie selbst sagten die Forscher wechselvolle Zeiten voraus: In Zukunft werde die Mobilisierung zunehmend vom Drohpotential der zu verhindernden Alternative abhängen, glaubt Renate Köcher. Genau dieses Drohpotential habe die gestrige Wahl nach einem Jahr der pragmatischen Krisenbewältigung durch die Große Koalition offenbar vermissen lassen: "Es war keine Wahl der ideologischen Kontroversen." Die könnte nun aber nach vier Jahren Schwarz-Gelb folgen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker