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CES 2009: Microsoft macht's jetzt auch gratis

In seiner Eröffnungsrede zur Cosumer Electronics Show in Las Vegas wollte Microsoft-Chef Steve Ballmer Grenzen sprengen: Handy, Computer und Fernseher sollen eins werden und Microsoft habe dafür die passende Strategie. Außerdem hatte er noch ein paar Geschenke mitgebracht.

Von Dirk Liedtke, Las Vegas

Schade, er hat nicht seinen berühmten Monkey-Dance getanzt, der bärige, poltrige Microsoft-Boss Steve Ballmer. Aber mit seiner ständig leicht heiseren Brüllstimme hat er ein neues Mantra in den Saal gebellt: "Ich bin ein PC und ich bin stolz drauf!" Amerikaner kennen dieses Credo aus einer aufwändigen Werbekampagne, die als Reaktion auf eine provozierende Apple-Werbung entstand. Der rhetorische Höhepunkt der Eröffnungsrede der High-Tech-Messe CES in Las Vegas war damit bereits erreicht. Zunächst hatte der wie ein Eishockeyspieler wirkende Manager Kreide gefressen. Er erbat sich Applaus für das Engagement seines Vorgängers für die "Kinder in Afrika". Lobenswert, aber plump. Es konnte nur besser werden.

Bislang war es Bill Gates ehrenvolle Aufgabe am Vorabend der CES die traditionelle Eröffnungsrede zu halten. Diese war meistens aufwändig produziert wie eine Mischung aus Comedy-Show mit Promi-Gästen und Kaffeefahrt-Verkaufsschnack. Gemessen daran hatten Steve Ballmer und seine Helfer wenig unterhaltsame Highlights aufzufahren. Einen Knaller gab es aber doch.

Die erst fürs kommende Jahr angekündigte neue Windows-Version mit dem schlichten Namen "7" kann, als Betaversion, schon ab Freitag dieser Woche gratis getestet werden. Microsoft scheint mächtig auf die Tube zu drücken, um den Flop mit der aktuellen, schwer verkäuflichen Variante Vista vergessen zu machen. Bei seiner Rede in Las Vegas ließ Steve Ballmer einige Verbesserungen des Betriebssystems zeigen: so öffnet sich beim Klicken auf die rechte Maustaste auch beim Ansteuern von einzelnen Wörtern oder Dokumenten ein dynamisches, intelligentes Untermenü. Oder alle geöffneten Fenster auf dem Schreibtisch werden per Mausklick transparent, so dass man schneller das passende Fenster. Windows 7 soll zudem schneller hochfahren und die Batterien schonen. Alles nicht revolutionär, aber willkommen, um den Alltag am PC angenehmer zu gestalten.

Das Zentrum des digitalen Sonnensystems

Auch wenn noch so viele Experten orakeln, die Zukunft gehöre Gratis-Software aus dem Internet, die einfach im Web-Browser läuft, auf einen simplen Netbook, ohne Windows: Im Ballmerschen Universum soll auch in den nächsten Jahren Windows "im Zentrum des digitalen Sonnensystems" stehen. Ja, Windows soll sogar "ein Leben ohne Mauern" erlauben. Dabei wären viele User schon mit einem Leben ohne Warnmeldungen und fehlenden Treibern höchst zufrieden. Aber auch Microsoft setzt auf Gratis: Mit Windows Essentials "verschenkt" Microsoft ein Software-Paket nach dem Vorbild von Google. Auf Dell-Computern wird diese demnächst sogar vorinstalliert.

Die Microsoft-Strategie zielt darauf ab, immer mehr Handys mit Windows Mobile mit Windows Live-E-Mail und Foto-Diensten zu verknüpfen und so aus Bequemlichkeit loyale Kunden zu binden. Selbst Meldungen aus dem boomenden sozialen Netzwerk Facebook werden künftig mit Windows Live synchronisiert. Die Datenwolke, sprich das Internet per DSL, WLAN-Hotspot oder UMTS, soll Smartphone und Notebook stetig online und auf dem gleichen Stand halten. Das ist die Vision.

Ein Erfolg ist der Online-Spiele-Service der Microsoft-Spielkonsole Xbox. Auf über 17 Millionen Mitglieder ist "Xbox Live" im letzten Jahr angewachsen. Eine Steigerung um 40 Prozent. Das Computerspielen nicht zwangsläufig zur Isolierung der Spieler beitragen, ist keine neue Erkenntnis. Aber Microsoft schafft jetzt sogar eine Online-Gemeinschaft namens Primetime, die dem traditionellen Fernsehen direkt Konkurrenz macht. Zu bestimmten Zeiten an einem bestimmten Tag - wie bei der Lieblings-TV-Serie - treffen sich Dutzende Spieler zu einer Live-Gameshow im Netz, um wie bei Günter Jauch knifflige Fragen zu beantworten. Der Moderator ist zwar viertuell und die Mitspieler sind Avatare mit Spitznamen - aber abwechslungsreicher als viele Fernsehsendungen ist es trotzdem.

Mit Microsoft wird also noch lange zu rechnen sein im digitalen Alltag. Zwar zog Steve Ballmer nicht den erwarteten iPhone-Killer aus der Tasche. Aber wir Kunden werden Microsoft selbst dann noch benutzen, wenn wir keinen Windows-PC mehr haben - im Auto, auf dem Telefon oder beim Spielen. Irgendwie sind wir alle einen bißchen PC.