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Hackerkunst: Mac OS X auf PC - Transplantation gelungen

Hacker wurmen den Computerhersteller Apple: Sie haben dessen exklusives Betriebssystem OS X gekidnappt und auf herkömmliche PCs übertragen.

Von Karsten Lemm

So hatte Apple sich die Sache nicht vorgestellt: Hackern ist gelungen, was nach Aussagen des kalifornischen Computerherstellers gar nicht funktionieren dürfte - sie haben das Apple-Betriebssystem OS X auf ganz normalen PCs zum Laufen gebracht. Dass so etwas theoretisch möglich sein müsste, wurde zwar schon seit Anfang Juni gemunkelt; da hatte der Computerpionier angekündigt, ab dem nächsten Jahr die gleiche Art von Rechenhirn einzusetzen wie alle anderen PC-Hersteller auch. Doch Apples Marketingchef Phil Schiller beteuerte damals sofort: "Wir werden nicht zulassen, dass OS X auf irgend etwas anderem läuft als einem Apple Macintosh."

Bisher gab es da ohnehin keine Wahl, denn traditionell setzt der elitäre kleine Computer-Fabrikant auf Prozessoren, die von Grund auf anders arbeiten - und völlig andere Software verlangen - als die Intel- und AMD-Chips, die in fast 98 Prozent aller PCs auf der Welt stecken. So dominiert Microsoft seit Jahren den PC-Markt mit Windows, während Apple auf sein eigenes Betriebssystem OS X setzt - ohne Gefahr, dass sich die beiden in die Quere kommen. Doch das änderte sich vor wenigen Wochen, als Apple-Chef Steve Jobs zur allgemeinen Verblüffung von Freund und Feind verkündete, sein Unternehmen werde nun ebenfalls auf Intel umsteigen. Die "PowerPC"-Prozessoren von IBM, die Apple bisher verwendet, könnten mit Intels Pentium, der auf der so genannten "x86"-Architektur basiert, schlicht nicht mehr mithalten.

Geheimes Doppelleben

"Wir können uns viele aufregende Produkte vorstellen, die mit PowerPCs nicht möglich wären", begründete Jobs den Wechsel und erklärte, OS X habe schon jahrelang "ein geheimes Doppelleben" geführt: Neben der offiziellen PowerPC-Version gab es von Anfang an eine x86-Variante, die unter Verschluss gehalten wurde. Bis jetzt. Damit Software-Entwickler ihre Programme an die künftigen "Macintel"-Rechner anpassen können, erlaubt Apple ihnen schon jetzt, die neue OS X-Version für x86-Chips zu testen. Auf diesem Weg gelangte das Apple-Betriebssystem in Hacker-Hände, und gleich mehrere digitale Panzerknacker erklärten Ende voriger Woche stolz, sie hätten die Macintosh-Software auf handelsüblichen PCs zum Laufen gebracht. Hacker-Seiten wie "Uneasysilence" zeigten Fotos, die OS X augenscheinlich auf einem Sony-Laptop zeigen, und das "OS X 86 Project" veröffentlichte sogleich eine Anleitung, die Schritt für Schritt erklärt, wie man PCs dazu bringt, sich für Macs zu halten.

Zug um Zug

Legal ist die Aktion nicht, und Apple schwieg sich über mögliche Gegenmaßnahmen vorerst aus. Experten sind sich aber einig, dass langfristig jeder Widerstand zwecklos ist: Sicherheitsmechanismen "lassen sich immer knacken", sagt Martin Reynolds vom Marktforscher Gartner Group. Und selbst wenn Apple sich bis zur Einführung der ersten "Macintel"-Rechner im nächsten Jahr noch einen neuen Schutz ausdenkt, wird die Firma mit der Hacker-Gefahr leben müssen, glaubt Roger Kay, PC-Experte bei der Unternehmensberatung Endpoint: "Es ist wie ein Schachspiel", erklärt er. Ein Zug ergibt den nächsten - "und sobald Apple die endgültige Version vorstellt, werden die Hacker alles daran setzen, auch die wieder zu knacken".

Desaster oder...

Für diesen Fall sieht Kay schwarz für den Computerpionier, der es sich bisher erlauben kann, seine Edel-Rechner zu höheren Preisen zu verkaufen - auch deshalb, weil OS X in den Augen vieler Experten als eleganter und sicherer gilt als das virengeplagte Windows. Die Kontrolle über OS X zu verlieren "wäre ein kommerzielles Desaster für das Unternehmen", sagt Kay. Denn bisher genieße Apple bei seinen Macintosh-Rechnern eine Gewinnspanne von weit über 20 Prozent - deutlich mehr, als andere Hersteller verdienen. Sollte OS X plötzlich auch auf Billig-PCs laufen, wäre niemand mehr gezwungen, Apples Aufpreis zu zahlen: "Viele Leute würden abspringen", sagt Kay.

... Vorteil?

Aber das sehen durchaus nicht alle so. Andere Apple-Beobachter spekulieren, dass es der Nischenhersteller, dessen Marktanteil auf unter drei Prozent gefallen ist, womöglich geradezu darauf anlegt, sein Betriebssystem zu entfesseln und auch anderen Herstellern anzubieten - schließlich könne größere Verbreitung "den Umsatz nur fördern", argumentiert das Fachblatt "PC Magazine" in einer aktuellen Kolumne. Und hat nicht das Beispiel iPod gezeigt, dass viele Menschen bereit sind, für Apple-Design ein paar Euro mehr auf den Tisch zu legen? "Apple hat sehr loyale Kunden", sagt Gartner-Analyst Reynolds. "Für die zählt das Gesamterlebnis." Das Risiko, Kunden zu verlieren, sei deshalb eher gering - viel eher dürfe Apple hoffen, das Geschäft mit dem Wechsel zu Intel kräftig auszubauen: "Ich glaube, dass es viele Leute geben wird, die dann Macintosh-Rechner kaufen, um darauf mit Windows zu arbeiten", sagt Reynolds.

Und das, immerhin, wäre nicht verboten. Ganz im Gegenteil. Falls jemand das Bedürfnis haben sollte, Windows auf einem "Macintel"-PC zu installieren - kein Problem, sagt Apple-Manager Schiller: "Wir werden niemanden davon abhalten."