HOME

Kommentar: Dankeschön, Bill Gates

Google, Open Source-Software und 300-Dollar-PCs - ohne die Monopolstrategie des Microsoft-Gründers wäre vieles, was Computer erst erträglich macht, gar nicht entstanden.

Von Martin Virtel

Wer noch nie auf Bill Gates geschimpft hat, der besitzt keinen Computer. Verworrene Funktionen, verschwundene Daten, verschwendete Lebenszeit vor dem Schirm - mit besser programmierter Ware von Microsoft hätten sich jahrelang viele Ärgernisse vermeiden lassen. Es schmerzt schon fast, darüber nachzudenken.

Trotzdem: Es ist überfällig, diesem Mann für seine bisherige Lebensleistung zu danken, und dieser Tage, da er nicht mehr so viel für Microsoft arbeiten will, ist ein guter Anlass dafür. Danke, lieber Bill Gates, für das Monopol, das Microsoft unter Ihrer Führung errichtet hat.

Monokultur mit Folgen

Denn segensreichen Folgen langer Jahre der Software-Monokultur wiegen schwerer als der Schaden durch schlampig programmierte, überfrachtete Programme und überhöhte Monopolpreise. Bevor es Microsoft gab, waren Computer so teuer wie ein Einfamilienhaus. Bevor es Microsoft gab, musste man Zubehör und Programme vom selben Konzern kaufen wie den Rechner selbst. Bevor es Microsoft gab, galt es als ausgemacht, dass nur ein riesiger Apparat mit tausenden von Mitarbeitern Innovationen der digitalen Technik produzieren kann.

Alles das ist überholt. Computer sind billiger als Fahrräder, auf ihnen läuft eine bunte Vielfalt von Programmen, viele davon kostenlos. Ein paar helle Köpfe mit guten Ideen und eiserner Disziplin können dank genau dieser Kombination - billige Rechner, kostenlose Software - in ein paar Jahren eine Weltmacht wie Google aus dem Boden stampfen.

Nicht, dass Bill Gates das so gewollt hätte. Aber die Strategie "Wer den PC baut, ist egal, Hauptsache, es ist Windows auf der Festplatte" hat den Herstellern wie Hewlett-Packard, Dell, Compaq oder IBM wenig Spielraum gelassen - und sie dazu gebracht, immer effizienter zu werden. Die Folge: Rechenleistung wurde spottbillig, ein wichtiger Faktor für die massenhafte Verbreitung von Computern. Ohne die Übermacht von Microsofts Monopol, und das daraus folgende jahrelange Leiden unter geringen Gewinnen im PC-Geschäft, wäre es Branchengiganten wie IBM oder Hewlett-Packard auch niemals in den Sinn gekommen, Milliarden in die Verbesserung kostenloser Open-Source-Software zu investieren. Es war Notwehr.

Und der Ärger über Microsofts Monopolgehabe und schlechte Software verleihem so manchem Open-Source-Programmierer einen weiteren Motivationsschub bei seiner Arbeit. Außerdem hat Open Source-Software noch auf einem weitern Weg zu ihrer heutigen Größe verholfen. Der Konzern hat geschlafen. Er hat sich (wie alle Monopolisten) jahrelang selbst systematisch überschätzt und den neuen Marktteilnehmer unterschätzt.

Open-Source muss effizient sein

Wer Milliarden verdient und einem Konzern mit tausenden von Mitarbeitern vorsteht, der kann nicht begreifen, wieso ein paar Hundert Programmierer, die sich nur per E-Mail kennen, in bestimmten Fällen die bessere Software schreiben. Die Antwort ist einfach: Sie müssen effizienter arbeiten, weil sie keine Monopolgewinne verprassen können. Sie müssen darauf bauen, dass ihre Produkte tatsächlich nützlich sind, weil sie keine Vertriebswege monopolisiert haben. Sie können schneller sein, weil es nichts bringt, Verbesserungen bis zur nächsten kostenpflichtigen Version aufzuheben.

Und so bleibt, unter dem Strich, die positive Bilanz eines Lebensabschnitts für Bill Gates, und die Hoffnung, dass seine Energie und Kreativität sich auch in den neuen Feldern, denen sich der Manager nun zuwendet, ebenso segensreich auswirken mögen. Und allen Nutzern von Windows, Word oder Outlook empfehlen wir: Vergessen Sie den Ärger! Seien sie ein wenig stolz darauf, Microsoft jahrelang unterstützt zu haben. Wir alle haben unser Scherflein dazu beigetragen, dass wir jetzt mit Google die Welt durchsuchen können. Ja, es ist wieder ein Monopol. Aber man ärgert sich nicht ganz so oft über schlechte Produkte.

FTD