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SCHEIBE: Den Cent zweimal umdrehen

Die Computer-Branche leidet. Wer nicht von der Pleite bedroht ist, merkt: Täglich kommen weniger Cent herein. In der Folge wird gespart wie verrückt. Kolumnist Scheibe über Not, die erfinderisch macht.

Gleich am frühen Morgen schauen wir uns alle im Büro die Todesanzeigen an. Natürlich nicht in echt, sondern nur per Mail im Internet. Mein Web-Designer Stefan mailt mir, dass das Software-Haus X gerade Konkurs angemeldet hat. Auf einer Branchenseite ist zu lesen, dass der IT-Verlag Y gerade 25 Redakteure entlassen musste. Ein Redaktionsbüro wie unseres hat auch über Nacht den Löffel abgegeben. Und das sind nur die Nachrichten eines frühen Morgens. Ich gerate prompt ein wenig in Panik und maile einem Ex-Auftraggeber, der mir noch ein paar tausend Euro schuldet. Doch da ist vorerst nix zu holen, wie die Rückantwort zeigt: Völlige Ebbe in der Kasse.

Doppeltes für die Hälfte

Keine Frage: Zur Zeit geht es allen schlecht, der Kunde kauft nix. Also heißt es oft auch beim Verkaufen von Artikeln und Büchern: »Können Sie das Doppelte an Arbeit nicht für die Hälfte des Geldes machen?« Das ist etwas, was man als Selbstständiger nicht so gerne hört.

In der Folge wird inhäusig gespart, um auf diese Weise zwar nicht den Umsatz, aber das Netto im Lot zu halten. Kreativ stellen auch wir im Büro uns dieser Problematik. Frau Junge geht im Privaten gleich mit gutem Beispiel voran. Anstatt eine Stunde pro Tag im eigenen Auto zu verbringen, kommt sie ab sofort nur noch mit der Bahn. Das spart ordentlich Geld. Leider nur auf ihrem Konto und nicht auf dem des Redaktionsbüros. Und was ist mit unserer Post, wer bringt die jetzt weg? Ein Ausweg ist schnell gefunden. Die normale Tagespost nimmt der Paketbote mit. Und um die Pakete kümmert sich ein neuer Lieferant, der sie direkt vor unserer Tür abholt.

Peanuts sind auch Geld

Aporopos gelb. Wir sparen Porto und steigen beim Versenden unserer Beleghefte vom normalen Briefporto auf billigere Büchersendungen um. Das sind zwar nur Peanuts, aber immerhin. Außerdem haben wir schon seit Ewigkeiten keine Leerpakete mehr angeschafft. Wir benutzen alle Verpackungen, die uns zugeschickt werden, gleich für die eigenen Zwecke noch einmal neu. Dann wird auch unsere gewerblich abgesetzte Papiertonne nicht so voll. Am besten wäre es, wenn ich das Fax abstellen und die Postannahme verweigern würde. Dann blieben uns Tonnen von stinklangweiligen Pressemitteilungen erspart, die wir nie bestellt haben und die uns dennoch täglich neu ins Haus geschickt werden. Vielleicht könnten wir dann auch die Abholung der Papiertonne von wöchentlich auf 14-täglich verlagern.

Frickeln, drosseln, sparen

Weiter geht es mit dem Sparen. Durch den Einsatz von noch günstigeren Call-by-Call-Providern senken wir die Telefonrechnung des Büros tatsächlich um unglaubliche 200 Euro im Monat. Nachbar Torsten frickelt aber schon daran, uns von ISDN auf DSL umzustellen. Dann könnten wir schneller Shareware aus dem Internet saugen und zugleich unsere Monatsrechnung auf mickrige 100 Euro drosseln. Das wär's.

Apropos Internet: Ich kündige meinem alten Provider und nutze auf Anraten meines Webmasters das Sonderangebot einer großen Firma, die meine Homepage hosten möchte. Das bringt mir ein halbes Jahr ohne Gebühren ein. Selbst bei der anschließenden normalen Bezahlung spare ich satte 60 Euro im Monat. Das lohnt sich.

Ist es eigentlich korrekt, wenn ich mein STERN-Abo mit Journalistenrabatt buche und dabei gleich noch ein paar Euro spare? Oder rückt mich das in eine Reihe mit Politikern, die Freiflugmeilen für private Zwecke nutzen? Ich beschließe, den STERN nur geschäftlich zu lesen. Außerdem: Als Kolumnist müssten die mich eh auf ein Freiabo setzen!

Rauhpapier muss genügen

Herr Franz winkt: Es gibt ein neues Software-Programm, das den Tintenverbrauch eines Tintenstrahldruckers drastisch senken soll. So würden die teuren Patronen doppelt so lange halten. Ich ordere an, ein kostenloses Rezensionsexemplar zu bestellen. Das teure Glossy-Papier für den Farbstrahler habe ich schon lange gegen billiges Rauhpapier für den Kopierer eingetauscht: Das spart locker noch einmal 100 Euro im Monat. Frau Junge zeige ich außerdem, wie man den Toner im Kopierer durch Schütteln noch um gut 50 Kopien strecken kann. Himmel: Der Toner ist ja fast genauso teuer wie der Kopierer selbst.

Wenn die Arbeit überhand nimmt...

Auch privat muss ich bluten. Meine geliebte Comicsammlung wird zum Teil aufgelöst. Gut 1500 US-Comics werden aussortiert und per Paket nach Stuttgart zu einem Comicladen geschickt. Der kauft mir die Altbestände zu einem guten Preis ab. Keine Bange: So nötig brauche ich das Geld noch nicht. Obwohl das Finanzamt fröhlich weiter Geld abbucht, als wollten die Beamten einmal feststellen, wie weit sich mein Konto überziehen lässt, bevor die Bank Amok läuft.

...müssen die Comics gehen

Stattdessen brauche ich den Platz im Büro. Da ich vor lauter Arbeit ohnehin nicht mehr zum Lesen komme, reduziere ich mein Abo beim Online-Shop meines Vertrauens in Bangor, Maine auf nurmehr vier Serien. Keine Frage: Spiderman, Wolverine und die X-Men lese ich als Fan auch weiterhin. Der Verzicht auf weitere Serien aber spart Bares.

Wo ich mich gerade mit den Comics beschäftige: Flattert mir doch glatt eine Rechnung eines Paketdienstes ins Haus, der plötzlich Einfuhr-Umsatzsteuer von mir haben möchte. Für die jüngst zugestellten Comics. Das geht schon in Ordnung, das hat die gelbe Post auch gemacht. Aber »Bearbeitungsgebühren« von 17 Euro aufzuschlagen - das ist wirklich frech. Vor allem, wenn die Comics im Paket nur 50 Euro wert sind. Also maile ich Jeff nach Bangor, dass er meine Pakete fortan nicht mehr monatlich, sondern nur noch quartalsweise schicken soll. Ha, die Jungs vom Paketdienst habe ich aber ausgetrickst.

Da kommt meine Frau in den Keller und eröffnet mir, dass sie dringend schon jetzt die Wintersachen für die Kinder kaufen muss, obwohl doch gerade erst Sommer ist. Schade. Da ist die ganze Ersparnis auch schon wieder ausgegeben. Na, dann auf ein Neues...

Carsten Scheibe

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