SCHEIBE Schuld war nur der Ego-Shooter?


Nach dem Massaker von Erfurt fordern Politiker einmal mehr , dass bestimmte Computerspiele ein für allemal verboten werden müssen. Ein Akt der nationalen Beruhigung, denn: Diese Spiele lassen sich nicht verbieten.

Nach dem Schul-Massaker in Erfurt wurde einmal mehr die übliche Psychopathen-Liste abgehakt. Und na klar: Der brutale Killer aus dem Gymnasium hatte angeblich jede Menge 3D-Egoshooter auf seiner PC-Festplatte. Einmal mehr fordern die Politiker, dass diese Spiele ein für allemal verboten werden müssen. Ein Akt der nationalen Beruhigung, denn: Diese Spiele lassen sich nicht verbieten.

Die üblichen Verdächtigen

Nach jeder Gewalttat, an der Schüler und Heranwachsende beteiligt sind, wird die Liste der »Faktoren« hervorgeholt. Meist handele es sich bei den Tätern um sozial isolierte »Loser«, die sich ihr Mütchen so lange mit 3D-Metzelorgien am PC kühlten, bis das auf einmal nicht mehr ausreiche. Dann griffen sie zur richtigen Waffe und beglichen eine Rechnung, die sie vermeintlich mit Mitschülern und Lehrern noch offen hätten.

Am Pranger

Nach der Tat muss schleunigst ein Schuldiger gefunden werden. Das sind nur ganz kurz die fassungslosen Eltern der Täter, obwohl sie fast unisono kundgeben, kaum Kontakt zum eigenen Nachwuchs gehabt zu haben. Stattdessen landen immer wieder 3D-Ballerorgien à la »Doom«, »Duke Nukem« oder »Quake« am Pranger: Die PC-Spiele würden die Jugend auf das echte Töten vorbereiten und Hemmungen herabsetzen. Nach dem schwarzen Freitag von Erfurt dringt einmal mehr der Ruf ins Volk, diese Spiele ein für allemal zu verbieten.

Damals...

Die Idee ist eigentlich sehr gut. Ich kann mich noch bestens an meine eigene Jugend erinnern. Im Fernsehen liefen Serien wie »Lassie«, in denen es in ruhigen Bildern immer auch um echte Werte wie Ehrlichkeit, Freundschaft und mehr ging. Die Fantasie wurde von den tschechischen Märchenfilmen bedient, bei denen junge Hexen grimmige Lehrer in lustige Karnickel verwandeln durften. Austoben konnten wir uns dann bei Pipi Langstrumpf, die genug Unsinn für zwei machte. Später - in der Pubertät - ließen wir unsere Aggressionen mit Blasen an den Fingern an Konsolenspielen wie »Space Invadors« und »Phoenix« aus. Aber das war abstrakt und deswegen völlig okay.

Heute zappeln die Dragon-Balls hektisch durch das Fernsehbild. Es geht auf einmal nur noch darum, andere Leute zu verkloppen und der Stärkste zu sein. Wozu? Und wenn das noch nicht reicht, kommt eben ein 3D-Metzelspiel am Computer zum Einsatz, bei dem die tollsten Waffen Blei pusten und das Blut der Feinde meterweit an die Wände spritzt.

Ein Verbot würde nichts ändern

Also sollen diese Spiele jetzt so schnell wie möglich verboten werden, um das Töten am Bildschirm und demzufolge auch das Töten in der Realität zu verhindern. Ein netter Ansatz, der angesichts des Schulmassakers zur Zeit von Eltern, Politikern und Medienfachleuten gleichermaßen geritten wird. Leider wird ein Verbot nichts, aber auch gar nichts an den Zuständen ändern.

Die Eltern haben keine Ahnung

Fakt ist doch leider Gottes, dass 99 Prozent der Eltern überhaupt keine Ahnung davon haben, was ihre Kinder da eigentlich am Computer treiben. Die meisten Kinder sind ihren Eltern in Sachen Computer haushoch überlegen. Sie werfen mit Fachbegriffen um sich, die jedem technisch versierten Vater noch die Fragezeichen in die Augen treiben. Die zur Zeit angesagten Spiele wechseln außerdem schneller als der Bezug des Kinderbettchens.

Ratgeber interessieren offenbar niemanden

Sämtliche Versuche der Fachmedien, einen »Elternratgeber PC« am Kiosk zu platzieren, scheiterten in den letzten Jahren kläglich an den grottenschlechten Verkaufszahlen: Die Eltern interessieren sich anscheinend auch gar nicht dafür, was der Nachwuchs da eigentlich am Computer macht.

Indizierung als Qualitätsmerkmal

Also sollen Egoshooter verboten werden? Schon jetzt landen fast alle richtig realistischen 3D-Ballerspiele auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften, dürfen also gar nicht mehr an Jugendliche abgegeben werden. Die Software-Firmen, die das Geschäft mit den deutschen Anwendern nicht missen möchten, setzen dann in den lokalisierten Versionen grünes statt rotes Blut ein oder verwandeln menschliche Gegner in Roboter. Ein netter Versuch. Was tatsächlich passiert, ist folgendes: Die Indizierung eines Egoshooters gilt in den Jugendkreisen als ein besonderes Qualitätsmerkmal. Bevorzugt tauschen die Spieler dann untereinander Raubkopien der US-Originalversionen aus. Auf Netzwerktreffen, auf dem Schulhof oder per Mail werden die Spiele schnell kopiert und getauscht. Eine Beschaffungskriminalität muss niemand fürchten. Sämtliche indizierten Originale liegen in den großen Tauschbörsen im Internet zum schnellen Herunterladen aus. Über Nacht haben sich die Kids das neueste Spiel aus dem Internet heruntergesaugt - und dann geht das große Kopieren los. Ein, zwei Tage später hat jeder in der Schule das neue »Metzelmord 3D« - oder wie der aktuelle Knüller heißen mag. Ein ausgesprochenes Verbot der Egoshooter sorgt also nur dafür, dass die Kinder noch heißer auf die Spiele werden. Schon immer war das am interessantesten, was verboten war.

Um die nach (virtueller) Gewalt süchtigen Kids wieder ein bisschen auf Kurs zu bringen, müsste schon mehr passieren als ein kleines national gültiges Verbot. Die Egoshooter müssten international mit dem Bann belegt werden. Die Diskussion darüber verbietet sich aber von selbst, da die Amerikaner zwar einen Brass auf Computersex haben, sich aber die Gewalt niemals ausreden lassen. Solange harte Dollar mit den Spielen verdient werden, wird sich niemand groß darüber aufregen. Und selbst wenn die Amis am gleichen Strang zögen, so gäbe es immer noch irgendeinen »Schurkenstaat«, der weiterhin in die lukrativen Spiele investieren würde. Sind die Spiele dann einmal im Internet, sind sie überall auf der Welt abrufbereit.

Einfach mal selbst ausprobieren

Ein Ansatz wäre es immerhin, wenn sich die Eltern plötzlich mehr für den Computer der Kinder interessieren würden. Wenn sie damit anfangen würden, die Spiele auf der Festplatte einmal selbst anzuspielen. Wenn sie mit ihren Kindern über die Spiele reden würden. Ein Ansatz wäre es auch, das Kinderfernsehen wieder so zu gestalten, dass die Sendungen keine Alpträume mehr hervorrufen und keine Schlägereien auf dem Schulhof provozieren, bei denen es herauszufinden gilt, wer der »stärkste Meister der Galaxie« ist.

Man muss sich andere Fragen stellen

Angesichts der Tatsache, dass sich das Rad der Zeit nicht mehr zurückdrehen lässt und Spiele und Fernsehsendungen dieser Art nicht mehr freiwillig in das Füllhorn der Pandora zurückzutreiben sind, muss man sich andere Fragen stellen: Wie können Jugendliche in unserer Mitte so vereinsamen und verzweifeln, dass sie zu so extremen Mitteln greifen? Wenn ich da an meinen Sohn denke, der bald eingeschult wird, wird mir Angst und Bange. Zumal sich bereits im Kindergarten zeigt, dass die Kinder mit den meisten Problemen immer die sind, die von den gestressten Eltern am meisten »wegrationalisiert« werden.

Carsten Scheibe


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