scheibe Wir digitalen Chauvies


Letztens war es wieder einmal so weit. Ich bekam von der Frauen-Front eins übergebraten. Meine Wortwahl sei gedankenlos und meine Rezensionen seien dadurch sexistisch. Nicht wirklich schlimm, aber so dezent unter der Oberfläche. Ständig sei da nur vom Benutzer die Rede, die Mausklickerin fehle aber völlig. »/ANRISS«

Letztens war es wieder einmal so weit. Ich bekam von der Frauen-Front eins übergebraten. Meine Wortwahl sei gedankenlos und meine Rezensionen seien dadurch sexistisch. Nicht wirklich schlimm, aber so dezent unter der Oberfläche. Ständig sei da nur vom Anwender und vom Benutzer die Rede, die Mausklickerin fehle aber völlig. Noch schlimmer: Muss jemand in der Familie auf einen Rechner zurückgreifen, so ist dies in meinen Texten immer »Papas Rechner«. Hat denn Mama gar keinen eigenen Computer? Und wenn ich dann schreibe, dass sich eines der Kinder vor dem Rechner breit macht, dann ist das garantiert der Filius, also der Sohn. Programme über Kochrezepte adressiere ich an die Damenwelt, während Fußballverwaltungen unisono den Männern angepriesen werden.

Bin ich wirklich so ein mieser Macho? Kein wahrer »Frauenversteher«? Es scheint so. Tatsächlich sehe ich beim Schreiben meiner Texte immer den technikgeilen Mann vor meinem inneren Auge, wie er da am Rechner sitzt. Und die Frau wartet genervt, dass seine »nur noch fünf Minuten« endlich vorbei sind und er die Kiste ausschaltet.

Die amtlichen Zahlen sprechen gegen diesen Chauvinismus. Immer mehr Frauen entdecken den Computer für sich, im jugendlichen Internet-Bereich geben die Girlies gar selbstbewusst den Ton an. Auch im Fachhandel ist die Frauenpower inzwischen zu bemerken. Erste Mädchen-CDs erscheinen im Kinderbereich. Und im Erwachsenen-Sortiment machen sich virtuelle Frisurenstudios breit.

Himmel bewahre: Das soll nicht heißen, dass Frauen am Computer sich nur für Barbie-Spiele und den elektronischen Coiffeur interessieren. Umgekehrt wird eher ein Schuh daraus. Es kann fast ausgeschlossen werden, dass Männer sich einen solchen Titel für den Eigengebrauch kaufen. Schließlich haben Frauen in der Regel auch kein Interesse an CD-ROMs über elektronische Schaltpläne oder über Hacker-Protokolle.

Keine Frage: Frauen sind in der PC-Welt genau so heimisch wie die Männer. Sie verdienen es demnach auch nicht, in meinen (unseren!) Texten abklassifiziert und übergangen zu werden. Deswegen gelobe ich Besserung. Ich werde in meinen Textbeispielen nun auch einmal die Tochter an Mamas Rechner schicken oder die Großmutter im Internet nach neuen Einkaufsmöglichkeiten Ausschau halten lassen.

Und hier noch eine Feststellung: Frauen nutzen den Computer immer häufiger. Und sie nutzen ihn cleverer. Sie verwenden E-Mail, gehen im Internet einkaufen und setzen Programme wie Excel und Access ganz selbstverständlich ein. Zumindest im meinem Bekanntenkreis haben Frauen aber kein Faible für Experimente. Sie frickeln nicht ewig an den Rechnereinstellungen herum, suchen nicht nach neuen Desktop-Themen und Tapeten, surfen nicht stundenlang planlos durchs Internet und können auch nicht unbedingt etwas mit Shareware anfangen.Sie haben bereits ihre wichtigsten Programme und haben in der Folge wenig Interesse daran, noch zehn weitere Adressverwaltungen [hier gibt es noch eine Anm. d. Red.], Tools oder Spiele auszuprobieren. Wozu auch? Wie sehen Sie das? Ihre Meinung im

Computerforum von stern.de

Auch unter den Programmierern müssen Frauen mit der Lupe gesucht werden. Und von den wenigen, die in den Programmtexten genannt werden, sind viele nur von ihren Männern vorgeschoben, um keinen Ärger mit dem Personalchef des eigentlichen Jobs zu bekommen. Schade. Aber die Frauen, die ich kenne, nutzen ihre Freizeit lieber für andere Dinge. Spannendere Dinge. Oder sehen Sie das anders?

Ich kann leider nicht auf Ihre Antwort warten. Denn gerade tapert meine einjährige Tochter Alisa ins Büro. Mit findigen Fingern tastet sie einmal mehr nach dem Aus-Knopf des Computers. Sie weiß ganz genau, dass ihr Papa dann wieder so komische Verrenkungen macht und sich dabei die Haare rauft. Und dann Zeit hat, um mit ihr im Garten zu spielen....

Carsten Scheibe

Typemania@compuserve.com


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