SCHEIBES KOLUMNE Alles Hypochonder!


Bei Peter fing es an. »Ah, tut das weh«, jammerte er und hielt sich sein Handgelenk. »Kommt vom Computern, wisst ihr. Da kann man sich ja Krankheiten holen ohne Ende.« Seine Frau Katja verdrehte die Augen: »Alles Hypochonder, diese Mäuseschubser.«

Bei Peter fing es an. Er stöhnte mitten beim Essen auf und ließ die Gabel fallen. »Ah, tut das weh«, jammerte er und hielt sich sein Handgelenk. »Kommt vom Computern, wisst ihr. Da kann man sich ja Krankheiten holen ohne Ende.« Seine Frau Katja verdrehte die Augen: »Alles Hypochonder, diese Mäuseschubser.« Nach dem Essen setzten sich die Männer im Raucherzimmer zusammen und steckten eine Cohiba an. Peter massierte noch immer sein Handgelenk. »Das kommt vom vielen Tippen. Manchmal tut mir dann am Abend das Handgelenk so weh, dass ich keinen Handgriff mehr machen kann. Das ist so, als hätte ich Glas im Gelenk. Katja meint, ich erfinde das, damit ich nicht Kochen, Abwaschen oder die Kinder ins Bett bringen muss. Alles Quatsch. Das tut manchmal so weh, dass ich bereits mit Eis kühle.« Robert nippte an seinem Glas mit Rotwein. »Warste schon beim Arzt?« Peter nickte. »Aber klar doch. Man will sich ja nichts Chronisches holen. Der Arzt meinte, das kommt wirklich vom Computern. Es gibt inzwischen zig Dutzend anerkannte Computer-Krankheiten. Er hat mir eine Salbe verschrieben, die nichts hilft, und meinte, ich solle ein paar Wochen nicht mehr am PC arbeiten. So ein unglaublicher Blödmann. Wie soll das denn gehen? Ich muss doch am PC arbeiten. Ich kann doch nicht zum Chef gehen und mir einen Rechenschieber ausborgen.« »Lass dir doch einfach eine süße Sekretärin verschreiben. Die setzt sich dann auf deinen Schoß und tippt, während du ihr die Worte ins Ohr flüsterst.« Jörgi klatschte sich begeistert auf die Schenkel. »Blödmann. Mein Chef ist eine Frau. Wenn ich der sage, dass ich PC-Invalide bin, tauscht die mich gegen so ein Sixpack-Leckerli aus dem Fitness-Center aus. Sie ist der Meinung, die Zeit der verwickelten Computer-Nerds ist vorbei. Jetzt erwartet sie auch mal was fürs Auge in ihrem Laden. Eine Sexistin ist das.« Die Männer zogen alle ihren Bauchansatz ein und strichen sich über die kahlen Stellen am Kopf. Aus ihren Augen sprach Empörung. Robert pustete eine dicke Rauchwolke in die Luft. »Wir sind auf dem absteigenden Ast, Jungs. Früher hieß es immer, dass diese Zigarren hier auf den prallen Schenkeln kubanischer Jungfrauen gerollt werden. Und was ist jetzt los? Jetzt werden in der Werbung schon nackte Männer gezeigt. Und meine Frau leckt sich die Lippen, wenn der Cola-Light-Mann kommt.« Er räusperte sich. »Wo wir schon einmal beim Thema sind. Wenn ich den ganzen Tag am Computer arbeite, dann wird immer die Haut auf meinem rechten Arm so hypersensibel. Ich könnte dann mit einer Feder über den Arm streichen und muss schreien vor Schmerz. Erst dachte ich, es ist eine Sehnenscheidenentzündung, aber es ist wirklich nur oberflächlich. Mein Neurologe hat eine Ableitung der Nerven gemacht, ist aber alles in Ordnung. Alles nur eine Reaktion auf übermäßiges Tippen am PC. Er meinte, ich solle öfters mal Pause machen und mich entspannen. Am besten mit so einem Pausenmacher wie FitAtWork. Da meldet sich dann alle halbe Stunde ein virtuelles Cybergirl, um mit mir Turnübungen zu machen.« Jörgi winkte ab. »Ist doch alles Kinderkram. Ich hatte die letzten Monate was ganz Komisches. Mir haben immer die Achseln wehgetan. So, als hätte ich einen Tischtennisball in die Achsel geklemmt. Ich dachte natürlich gleich an einen Lymphdrüsentumor und bin zum Arzt gerannt. Der meinte aber, die Lymphknoten wären in Ordnung, und ich würde das wohl vom Tippen haben, wegen der unnatürlichen Haltung der Arme beim Schreiben. Dann wurden beim Schreiben immer meine Fingerspitzen taub. Da fing richtig ein Summen und Klirren in den Fingern an, als ob man einen Kuhzaun anfasst. Dann war das Gefühl weg und ich hatte gar kein Feeling mehr in den Spitzen.« Jörgi ließ die Finger knacken. Robert schaute bedenklich auf das Weinglas in Jörgis Fingern und dann auf sein anfälliges Parkett, das alle nur auf Socken betreten durften. Die Tür schwang auf. Die Mädels kamen hinein und fächerten hustend den Rauch beiseite. Juschi machte die Fenster auf und ließ eiskalte Winterluft ins Zimmer. »Na, seid ihr wieder am hypochondern?« Jörgi machte ein wichtiges Gesicht. »Wir sprachen gerade über die Bedeutung der Komplett-Sequenzierung der menschlichen DNA in Bezugnahme auf die Bekämpfung von Erbkrankheiten in Hinsicht auf ....« Tini winkte ab und fasste Jörgi an der Hüfte. »Letztens hatte mein Kleiner eine Grippe. Da lag er dann im Bett und winkte mit letzter Kraft seine Kinder heran, um sich von ihnen zu verabschieden. Fast hätte ich den Priester wegen der letzten Ölung oder so holen müssen.« Die Mädels kicherten. Juschi nickte: »Meiner ist letztens gegen einen Türpfosten gerannt. Hatte eine blutige Strieme quer übers Gesicht. Das musste ich jeden Abend gaaaanz vorsichtig eincremen. Und dann suchte er im Internet auch schon nach einem Schönheitschirurgen, der die Narbe beseitigen könne.«

Katja machte auch mit: »Meiner hat immer Angst, impotent zu werden. Und dann muss ich immer schauen, ob?s doch noch klappt.«

Robert und Jörgi machten große Augen und starrten Peter an: »Und das funktioniert?«

Peter grinste. »Aber mein Handgelenk tut wirklich weh.« Carsten Scheibe


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