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Scheibes Kolumne: Hoppla, jetzt kommen die Rentner

Heute wachsen die Kinder bereits mit dem Computer auf. Den Knirpsen fehlt allerdings das Geld, um sich mit neuer Soft- und Hardware einzudecken. Und so entdeckt die Computerindustrie zunehmend den rüstigen Rentner als neue Zielgruppe. Mit Recht: Die Oldtimer haben sich längst mit Notebook und Digitalkamera eingedeckt.

Beim Fernsehen grassiert der Jugendwahn. Eine Sendung mit acht Millionen Zuschauern ist gar nichts wert, wenn die meisten der gezählten Zuschauer bereits ihre Haare verlieren und abends das Gebiss ins Wasserglas packen. Ganz so arrogant ist die Computerbranche zum Glück nicht. Wer in diesen maroden Zeiten überhaupt noch mit barem Geld bezahlen kann, wird liebevoll und mit offenen Armen empfangen.

Überraschende Umfrageergebnisse

Lange Zeit versuchten die PC-Zeitschriften, hip und trendy zu sein. Sie richteten sich mit ihren flapsig geschriebenen Artikeln an Teenager und Twens, die den PC wie die Luft zum Atmen brauchen und Anleitungen suchen, die sie im frisch gestarteten Berufsleben gleich umsetzen können. Komisch: Bei allen Umfragen beteiligen sich aber fast ausschließlich nur Anwender, die auf den Fragebögen die Zeile "50 Jahre und älter" ankreuzten. Werden die Magazine inzwischen nur noch von Rentnern gelesen? Oder sind Frühpensionierte, Ruheständler und einsame Hausfrauen nach dem Auszug der Kinder die einzigen, die sich noch dazu herablassen, Fragebögen auszufüllen? Wie die PC-Magazine den Fall bewerten, ist offensichtlich. Die ersten haben bereits die Schriftgröße in den Magazinen drastisch erhöht: "Damit die das auch noch lesen können, die sehen ja nicht mehr so gut." Auch sind Themen wie MP3-Musik und Online-Radios auf einmal out: "Die spielen auch nicht mehr so gerne."

Alte Spielkinder

Ein Trugschluss. Bei unserem in kleiner Schriftgröße gesetzten Spielemagazin "SharePlay" rufen sehr viele Rentner mit Fragen an. Eine Hausfrau, die mit 50 den Computer für sich entdeckt hat, meint: "Ich spiele so wahnsinnig gerne Patiencen und Mahjongg." Und ein bekennender Opa teilt uns am Telefon mit: "Die Knobelspiele spiele ich immer mit meinem Enkel."

Erfolgsfaktoren: Zeit und Kohle

Keine Frage: Opa hat Zeit. Und Opa hat Kohle. Immer mehr Großväter fallen mit ihrer frisch angeschafften Digitalkamera auf, die auf dem Kindergeburtstag gezückt wird. Um die Fotos nachzubearbeiten, benötigt der computerbegeisterte Großvater natürlich auch einen nagelneuen PC und die dazu passende Software. Oma schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, während ihr tattriger Macker die Vobis- und Mediamarkt-Prospekte auswendig lernt: Das schöne Geld, da bleibt ja nichts mehr zum Vererben übrig.

Urlaubslektüre: 1000 Seiten "Windows von A bis Z

Es ist faszinierend mit anzusehen, wie die älteste Generation im Land jede Technikbarriere cool mit dem Gehstock beiseite schlägt und sich verbissen auf das Abenteuer Computer einlässt. Mein Schwiegervater etwa hat sich sein ganzes Leben lang nur der Politik gewidmet und in Sachen Technik höchstens einmal den Videorekorder neu programmiert. Kaum im Ruhestand, zog er los, um sich einen Computer anzuschaffen. Mit Scanner, Drucker, großem Monitor und dem passenden Möbelstück. Auch eine Digitalkamera durfte nicht fehlen. Dann besorgte er sich einen 1000-Seiten-Schinken "Windows von A bis Z" und las ihn komplett im Urlaub auf den Kanaren durch. Inzwischen schickt er uns die neuesten Schnappschüsse vom Weihnachtsfest per E-Mail, recherchiert im Internet und erklärt mir, wie man Einträge im Startmenü per Drag and Drop neu anordnen kann. Seine Frau meckert schon: "Der sagt immer, er muss noch arbeiten, und dann spielt er wieder den ganzen Abend nur Solitaire."

Werden die Alten bald zu Hackern und Crackern?

Die Software-Häuser klagen: Alle Verkäufe gehen in den Keller. Die ganzen Jugendwahn-CDs ziehen nicht mehr. Dafür gehen Tipptrainer, Bildbearbeitungen und Clipart-Sammlungen gut. Klar, hier schlagen die Großväter und -mütter zu, die Stoff für ihren PC suchen und genug Geld besitzen, um nicht auf den Cent zu achten. Doch auf Dauer ist auch mit den Grauhaarigen kein Umsatz zu machen. Längst hat der eine Großvater den neuen "Photoshop" auf einer Warez-Seite gefunden. Und der andere ist in den Tauschbörsen unterwegs, um für die Enkelin nach alten Hui-Buh-Hörspielen zu suchen, die dann auf eine MP3-CD gebrannt werden. Die Angst erfasst auch die Magazin-Hersteller: Wenn die Oldtimer erst einmal alle Workshops gelesen haben, brauchen sie vielleicht gar keinen Lesestoff mehr.

PS: Data Becker hat mit der Serie "Reif für..." bereits eine eigene Buchreihe speziell für die PC-Rentner auf den Markt gebracht. Es liegen bereits die beiden Titel "Reif für Internet & E-Mail" und "Reif für Computer" vor.

Carsten Scheibe
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