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Album "Kompass ohne Norden": Prinz Pi rappt über die Orientierungslosigkeit

Jugendwahn in der Gesellschaft, eigene psychische Probleme, die Suche nach dem Sinn - schon die Themen seines neuen Albums grenzen Prinz Pi vom deutschen Rap-Kosmos ab.

Bei der Frage nach dem Fortschritt seiner Doktorarbeit lacht Friedrich Kautz kurz auf. "Da komme ich nicht so richtig mit aus dem Knick", meint der 33 Jahre alte Rapper aus Berlin. Musikalisch legt er als Prinz Pi mit dem neuen Album "Kompass ohne Norden" hingegen seine endgültige Reifeprüfung ab - und thematisiert unter anderem wie in seiner geplanten Dissertation die Veränderung von menschlichen Verbindungen und Kommunikation in modernen Zeiten. "Vor 20 oder 30 Jahren hätte man manche Dinge erst nach einigen Treffen erzählt, heute öffnest du über dein Facebookprofil extrem viele intime Sachen sofort."

Auch mit seinen Texten lässt Pi auf melancholisch-ernste Weise tiefe Einblicke zu. Nicht nur durch die akademische Laufbahn oder sein Äußeres grenzt sich der Hornbrillenträger aus der Mittelschicht von Hip-Hop-Klischees ab. Auf seiner 15. Soloplatte rappt er über Jugendwahn, Sinnsuche oder psychische Probleme. "Musik wie ich sie mache ist zum großen Teil auch immer seelischer Striptease oder Selbsttherapie", erklärt er seinen Ansatz. "Songs über eigene Depressionen wären vor zehn Jahren nicht möglich gewesen, ohne als Rapper Selbstmord zu begehen. Das Bild der meisten Rapper war das eines unnahbaren Machos. Mittlerweile gilt es immer noch nicht als cool, aber man rennt nicht mehr ins offene Messer."

Beatles als frühe Inspiration

Eine Außenseiterrolle beeinflusste bereits seine musikalische Sozialisation. Um das blinde linke Auge zu trainieren, trug der junge Kautz' ein Pflaster über dem rechten und tauchte gehänselt von seinen Altersgenossen in den Klang der Plattensammlung seines Vaters ab. Noch heute nennt er die Beatles, Led Zeppelin oder Jimi Hendrix als frühe Inspiration. "Bob Dylan gab mir einst einen Kompass ohne Norden, so treibe ich verloren in ein unbekanntes Morgen", heißt es im Titelsong des Albums.

Diese Ziellosigkeit auf dem Weg zum Erwachsenwerden als zentraler Aspekt des Entwicklungsromans in Reimform - "es geht darum, dass man immer auf den Punkt wartet, wann der Hauptfilm beginnt", sagt Pi. Trotz aller Einschnitte im Leben mit Abitur, Zivildienst, Kommunikationsdesign-Studium, der Geburt seiner Tochter sieht er selbst diese Wendemarke für sich noch nicht endgültig gekommen.

Alben in Eigenregie

Eine Zäsur bedeutete ebenfalls der enttäuschende Ausflug zu einer großen Plattenfirma im Jahr 2008, der ihn erkennen ließ, "dass die Leute da auch nur mit Wasser kochen und den Kochtopf meist nicht richtig anmachen." Seitdem bringt der Künstler seine Alben wieder in Eigenregie heraus, schaffte mit "Rebell ohne Grund" vor zwei Jahren erstmals den Sprung in die Top Ten. Begeistert erzählt er in seinem Kreuzberger Aufnahmestudio, wie er Einzelteile für die analogen Geräte aus der halben Welt zusammengesucht hat. Ergebnis ist ein Sound, der melodisch mit reichlich Pathos versehen häufig an der Schwelle zum Pop daherkommt.

"So ehrlich wie möglich, so altklug wie nötig", umschreibt die Branchen-Zeitung "Juice" sein "wahrscheinlich bestes" Album. "Eigen, ambitioniert, irgendwie erhaben, aber auch irgendwie nachvollziehbar." Nach dieser musikalischen Doktorarbeit mit allem Promo- und Tour-Stress soll für Prinz Pi aber irgendwann auch wieder die universitäre im Mittelpunkt stehen: "Der Plan dafür steht immer noch", sagt Kautz.

Florian Lütticke, DPA / DPA