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Interview mit Rapper Prinz Pi: "Der Krieg kommt nach Hause"

Revolution in Ägypten, Krieg in Afghanistan: Rapper Prinz Pi scheut auch politische Themen nicht. Sein Album "Rebell ohne Grund" ist auf Platz neun der Charts eingestiegen. Ein Interview.

Prinz Pi, Ihr neues Album heißt "Rebell ohne Grund". Was heißt das? Ist Rebellion in Deutschland nichts weiter als Pose?
Ich bin in gesicherten Verhältnissen aufgewachsen - es gab immer Wohnung, Essen, Heizung. Insofern gibt es vordergründig keinen Anlass, in Deutschland zu rebellieren.

In Ihrem Song "Krieg@Home" entfalten Sie eine Horrorvision: Deutschland als Schauplatz einer Gewaltorgie. Wie kommt die zustande?
Wir rebellieren nicht. Aber vielleicht schon - gegen uns. Der Song beschreibt Deutschland nach einem großen Anschlag, nach einer "homeland attack". Feinde hat Deutschland genug. Wir verbarrikadieren uns in der Festung Europa und halten uns die weltweite Armut vom Leib. Um Rohstoffquellen zu sichern, führt der Westen sogar Krieg. Dieser Krieg könnte nach Hause kommen - wird es hoffentlich aber nie.

Die jüngste Rebellion fand in Ägypten statt - und richtete sich nicht gegen Deutschland.
Ist das so? Der Westen hat den Sicherheitsapparat in Ägypten jahrelang mit Milliardenbeträgen gefüttert. Hohe Funktionäre im Militär, im Geheimdienst und bei der Polizei haben sich so massiv bereichern können. Das Volk rebellierte nicht nur gegen Husni Mubarak. Sondern gegen diese vom Westen gestützte Kleptokratie.

Der deutsche Kulturhistoriker Johannes Scherr sagte: "Die Rebellen von heute sind die Despoten von morgen."
Schwer zu sagen, wohin die Entwicklung führt. In Tunesien und Ägypten ist das Militär immer noch stark. Und der Analphabetismus groß. Keine guten Grundlagen für eine Demokratie.

In Ihrem Track "3 Kreuze für Deutschland" rappen Sie über den Afghanistankrieg. Was war der Anlass?
Ich war schon immer gegen diesen Krieg. Junge Soldaten in meinem Alter, ich kenne einige, sind in Afghanistan im Einsatz. Manche kommen traumatisiert oder verstümmelt nach Deutschland zurück. Manche gar nicht. Und wofür all das Leid?

In "3 Kreuze" heißt es: "Keiner hat Verantwortung, kann ihr sagen / wo sie starben, niemand hat sie umgebracht."
Das ist so ein deutsches Ding: Befehl ist Befehl. So sterben deutsche Soldaten. Aber ich erinnere in dem Song auch an die afghanischen Opfer. An die vielen Menschen zum Beispiel, die in der Kundus-Affäre umgekommen sind - niemand hat dafür Verantwortung übernommen. Für die Toten an der deutschen Mauer gilt übrigens dasselbe.

Bruce Springsteen, Neil Young, Eminem - in den USA gibt es viele Musiker, die sich immer wieder kritisch zu Kriegseinsätzen äußern. In Deutschland nicht. Warum?
Es gibt nur wenige deutsche Künstler, die politisch sind. Entweder stehen sie am ganz linken oder am ganz rechten Rand. Der musikalische Mainstream hat gar keine politische Aussage. Besonders erfolgreich ist Musik, die mich an Wagner erinnert, schwermütig, pathetisch, manchmal auch dunkel. "Unheilig" ist so ein Fall, Xavier Naidoo und, mit Einschränkungen, Herbert Grönemeyer. Ansonsten dominiert Schlager, Gute-Laune-Musik.

Rap zielt auf die junge Generation der unter 30-Jährigen. Hören die Ihren politischen Songs zu?
Ich habe das Gefühl, dass Politik und Nachrichten meine Generation kaum tangieren. Das betrifft Studenten wie Realschüler - viele sind politikverdrossen. Das Volk der Dichter und Denker hat sich gewandelt. Heutzutage schreiben unsere sogenannten Dichter über Feuchtgebiete und Selbstfindung in der Luxusgesellschaft. Das sind ichbezogene Texte, oft reiner Schwachsinn. Die Gesellschaft belohnt das auch noch mit horrenden Verkaufszahlen oder hohen Einschaltquoten wie beim "Dschungelcamp". Das ist das Tragische an der Demokratie: Wenn der Bürger Spiele will, bekommt er sie. Ich bin kein Politiker - aber ich möchte Missstände aufzeigen und glaube, mir hören wenigstens ein paar junge Leute zu.

Immerhin ist Ihr Album auf Platz neun der Charts eingestiegen, die Jugend scheint den Rap-Lehrer zu mögen.
[lacht] Nein, ich bin kein Lehrer. Ich will auch nicht nur über ernste Themen reden. Ich sehe meine Songs als eine Art Satire, eine moderne Form der Schriftstellerei. Früher hätte ich wahrscheinlich wie Erich Kästner Gedichte und Bücher geschrieben. Heute nehme ich das Format von Rapsongs, weil ich damit die Menschen erreiche - das ist für mich die zeitgenössische Textform.

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Konzerte Prinz Pi: 3. März Innsbruck (PMK), 4. März München (Backstage), 5. März Leipzig (Distillery)

David Bedürftig