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Scheibes Kolumne: Kauf mir mal Internet!

Stern.de-Mitarbeiter Scheibe macht Urlaub: Eine Woche auf Wangerooge muss auch mal wieder sein. Bei strahlendem Sonnenschein und kaltem Nordseewind kann er aber nicht nur an Krabben pulen, Scholle futtern und Muscheln suchen denken. Zwischendurch muss auch gearbeitet werden. Das bedeutet: Ein W-LAN muss her.

Einmal im Jahr zieht es uns an die Küste. Dann stopfen wir das Familienauto mit Koffern, den Kindern und dem Hund voll und düsen von Berlin nach Harlesiel an der Nordsee, um mit dem Inselhopper nach Wangerooge zu fliegen. Mitte Oktober ist die autolose Insel so gut wie leer, da die meisten Bundesländer noch keine Ferien haben oder sie bereits schon wieder zu Ende sind. Das ist gut so, denn der Strand ist leer, in den Restaurants bekommt man immer einen Platz und auch sonst ist das Leben schön.

Bei strahlender Sonne und Ich-brauch-gar-keine-Jacke-Wetter ist es einfach mal schön, für ein paar Tage zu entspannen, um im Puderzuckersand nach Muscheln zu suchen, um mit dem Hund den Wellen nachzujagen oder um in den steinernen Wellenbrechern nach Krebsen zu suchen. Da meine Familie Fisch und Meeresfrüchte in jeder Form in fast religiöser Abneigung ablehnt, ist der Nordseeurlaub für mich eine echte Offenbarung. Endlich kann ich Scholle und Krabben schlemmen, bis der Arzt kommt. Herrlich. Und nach einem langen Spaziergang am windigen Strand kommt der Hunger auch ganz von alleine.

Das Problem unserer modernen Zeit

Wenn dann im Appartement mein Notebook nicht belegt ist, weil die Kinder "Upps, die Pannenshow" direkt von DVD aus gucken möchten, kann ich auch einmal meiner Arbeit nachgehen, die sich im Urlaub leider nicht ganz abstellen lässt. Das Problem unserer modernen Zeit ist allerdings: Ohne Internet komme ich da nicht besonders weit. Ich kriege etwa 400 Mails am Tag (inklusive Spam), erhalte meine Aufträge auf diese Weise und muss meine frisch geschriebenen Texte versenden. Auch die ganze Recherchearbeit ist nur mit dem Internet möglich.

Im letzten Jahr habe ich mich in das Restaurant-Bistro W'ooge gesetzt, um hier für 3 Euro die Stunde das restauranteigene W-LAN zu nutzen. Dieses Mal hoffe ich, das auch direkt vom gebuchten Appartement aus erledigen zu können. Wir sind im Kaiserhof direkt an der Strandpromenade untergebracht. 50 Prozent der Leute vor Ort, mit denen wir telefonieren, sagen mir, dass es hier W-LAN gibt. Die anderen 50 Prozent haben genau davon noch nie gehört.

"W-Lan hatten wir noch nie"

Vor Ort angekommen frage ich gleich an der Rezeption nach meinem Internet-Zugang. Nein, sagt man mir, von W-LAN sei ihnen nichts bekannt. Im angeschlossenen Restaurant soll ich einmal nachfragen. Nein, sagt man mir da, im Restaurant sei ich völlig falsch. Im benachbarten Bistro soll ich einmal fragen. Im Bistro heißt es, nein, W-LAN hatten wir noch nie. Aber zwei Restaurants weiter die Promenade runter in Richtung Pudding, die hätten welches.

Resigniert gehe ich erst einmal zurück zur Rezeption, um die Koffer ins Appartement zu schleppen. Kaum stehen sie in der Ecke, habe ich auch schon mein Notebook aufgebaut und schalte ihn ein. Automatisch sucht das Gerät nach W-LAN-Netzen in der Umgebung. Zwei werden mir angezeigt. Ein geschütztes Netz namens MOTOGUZZI, in das ich nicht reinkomme, und ein offenes namens HausZumDamenpfad. Da klinke ich mich ein. Kaum öffne ich den Web-Browser, wird auch schon die Startseite des Netzes geladen. 8 Euro für 5 Stunden soll ich bezahlen, damit ich surfen kann, das klingt fair. Eine Telefonnummer wird auch mit angezeigt. Die rufe ich an, um zu erfahren, wie ich an meinen Zugang komme.

Die Überraschung: Die W-LAN-Vermieter sitzen genau im Haus vis-a-vis, nur einmal von meiner Terrasse über die Straße gehüpft. Eine ältere Frau und ihre Tochter öffnen mir die Tür und führen mich durch einen langen Gang zu einer Registriermaschine. Ich zahle 40 Euro für 5 x 5 Stunden und erhalte dafür kleine Papierquittungen mit ausgewiesenem Usernamen und einem Password. Die gebe ich in die Online-Seite ein - und schon bin ich richtig online.

Kauf' Papa mal Internet"

Das W-LAN ist dramatisch schneller als meins Zuhause. So kann ich in Windeseile surfen, selbst riesige Dateien herunterladen und vor allem meine Pressemailings versenden, die an bis zu 6.000 Empfänger gehen. Ich bin glücklich und vermisse jetzt nur noch meine gewohnte Arbeitsumgebung mit zwei Monitoren. Aber mein Samsung-Notebook, das bereits in einem anderen Wangerooge-Urlaub und zwei Florida-Ferien mit dabei war, leistet mir erneut beste Dienste.

Irgendwann sind meine 25 Stunden Online-Zeit alle und ich brauche Nachschub. Und so schicke ich meine Tochter ins Haus zum Damenpfad und sage ihr: "Kauf Papa mal Internet." Stolz zieht sie los und bringt mir fünf Minuten später mein schönstes Urlaubsgeschenk: 5 neue Stunden Internet, die auf einen kleinen Zettel passen. Dank der superben Verbindung habe ich meine Tagesarbeit schnell erledigt. Und so kann ich mich in Schal, Mütze und Jacke werfen, um beim inzwischen kälter gewordenen Wetter noch einen letzten Inselspaziergang zu machen, bevor wir langsam wieder ans Packen für die Heimreise denken müssen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

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