Scheibes Kolumne Kein Anschluss unter dieser E-Mail-Adresse


Stern.de-Kolumnist Scheibe kann ohne E-Mails nicht mehr leben. Gerade deswegen ist er schwer deprimiert. Die meisten Onliner antworten nicht auf seine Mails. Vielleicht liegt es daran, dass seine Mails oft als Spam "erkannt" und dann automatisch gelöscht werden.

Kein Wunder, dass die Wirtschaft in Deutschland vor die Hunde geht. Es gibt einfach keine richtige Kommunikation mehr. Wenn ich eine Geschäfts-Mail versende, dann warte ich mindestens in der Hälfte aller Fälle völlig vergeblich auf eine wie auch immer geartete Antwort. Die angeschriebenen Firmen, Verlage oder Privatpersonen ignorieren meine Mails einfach und schreiben nicht zurück. Gut, ich will nicht ungerecht sein: Oft kommt dann doch noch eine Antwort, Wochen oder Monate später. Tenor: "Habe gerade Ihre Mail gefunden. Ist das noch aktuell?" Wenn ich dann Sekundenbruchteile später verzweifelt maile "Jaaaaa. Unbedingt", dann weiß ich schon genau, dass es wieder Wochen dauern wird, bis eine neue Antwort in meinem Postfach einschlägt. Klarer Fall: So lange die meisten Deutschen der Meinung sind, man könne eine Mail geflissentlich ignorieren, wenn sie einem gerade nicht in den Kram passt, so lange werden neue Geschäfte gar nicht erst begonnen, weil die dafür nötige Kommunikation nicht zustande kommt.

Manche antworten sofort - automatisch

Gestern haben wir ein Mailing verfasst und es an eintausend Programmierer geschickt. Die Hälfte der Mails ging an deutsche Entwickler, der Rest verteilte sich an die ganze Welt. Der Erfolg des Mailings war durchschlagend. 50 Antworten trafen bereits innerhalb der ersten Stunde ein. Aber was waren das für Antworten? Da stand dann etwa: "Wir haben Ihre Mail erhalten. Man wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen." Muss ich das wissen? Auf diese Mail hätte ich eigentlich auch verzichten können. Ebenso auf diese: "Unser Büro ist geschlossen. Wir sind bis zum 10. August verreist". Denn der 10. August ist ja seit anderthalb Monaten vorbei. Oder meint der Absender vielleicht das nächste Jahr? Gut ist auch diese Mail: "Sie brauchen uns keine Mails senden. Die Antworten auf alle Ihre Fragen finden Sie in der FAQ-Liste auf unserer Homepage." Wetten, dass dem nicht so ist?

75 Prozent aller Sofortantworten lassen sich aber auf diesen einen Nenner reduzieren: "Ihre Mail wurde automatisch gelöscht, weil sie als Spam erkannt wurde."

Wenn der Spam-Wachhund losschlägt

Mein Mailing - Spam? Aber es kommen doch weder die Wörter "Sex", "Viagra", "Penisverlängerung" oder "Lotto" darin vor. Liegt es vielleicht daran, dass wir die Mails nicht einzeln verschickt haben, sondern immer an 200 Leute auf einmal, die im BCC im Mail-Header angegeben waren? Mitnichten. In einer automatisch generierten Mail steht die Antwort: Wir hätten das Wort "Marketing" in der Mail verwendet. Das habe sofort den Spam-Wachhund von der Leine gelassen, der dann die Mail gefressen habe. Ob wir wohl deswegen so selten Antwort auf unsere Mails bekommen, weil wir die falschen Wörter in ihnen verwenden?

E-Mail wechsele dich

Wir lesen auch: "Da wir so viel Spam bekommen haben, mussten wir leider unsere E-Mail-Adresse ändern. Anbei die neue." Das ist natürlich ein guter Service. Aber können wir es schaffen, alle Adressen immer wieder manuell auf den neuesten Stand zu bringen? Und bekommen wir das überhaupt immer mit, wenn jemand seine alte E-Mail-Adresse abschaltet, weil er nur noch zum Viagra-Kauf genötigt wird oder alle fünf Minuten ein paar Millionen Dollar bei einem Online-Lotto gewinnt, an dem er nie teilgenommen hat? Mein Mitarbeiter Gregor meint, dass kriegen wir sehr wohl mit. Er hat nämlich eben gerade 200 von unseren 1000 Mails zurückbekommen, weil sie nicht mehr zustellbar sind.

Lästig ist für uns, dass die meisten Programmierer und Firmen, die im Netz vertreten sind, ihre E-Mail-Adresse überhaupt nicht mehr im Web veröffentlichen. Bei ihnen ist dann nur noch ein Online-Formular zu finden, das eine Mail direkt entgegennimmt und sie per Knopfdruck direkt an den Papierkorb weiterleitet. Anders kann es nicht sein. Denn auf eine Mail, die ich in ein solches Formular eingetragen habe, habe ich noch nie eine Antwort erhalten. Noch nie.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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