Scheibes Kolumne Langeweile im Flugzeug


stern.de-Kolumnist Scheibe wagt sich in einen Urlaubsbomber - und ist schockiert vom miserablen Fernsehprogramm am Bord. Dabei könnte es doch so einfach sein, die gähnende Langeweile der Passagiere per Mausklick abzuschalten.

Nur die wenigsten Urlauber haben den nötigen Knispel, Schotter oder Zaster, um sich eine Flugreise in einer Privatmaschine leisten zu können. Die meisten müssen wie ich in der Holzklasse eines Touristenbombers Platz nehmen, um zum Urlaubsort zu fliegen - und dann auch wieder zurück. Als ich nach einem 14-tägigen Urlaub in der Türkei auf dem völlig überfüllten Flughafen von Antalya in das TUI-Flugzeug steige, fällt mir zunächst der stechende Benzingeruch in der Kabine auf. Derart sensibilisiert zähle ich prompt die Sitzreihen bis zum nächsten Notausgang. Das hätte ich mir aber schenken können. Das Flugzeug ist bis auf den allerletzten Sitz ausgebucht. Sämtliche Reisenden verklemmen sich so sehr mit dem eigenen Körper und den mitgebrachten Tüten und Taschen in ihren Sitzen, dass im Ernstfall wahrscheinlich niemand mehr ad hoc aufspringen könnte.

Gekotzt wird schon vor dem Start

Auch ich bin wieder erstaunt, wie eng es in einem solchen Flugzeug werden kann. Ich bin gerade mal einen Meter achtzig groß und habe bereits große Mühe, meine Füße im karg bemessenen Zwischenraum bis zur Rückenlehne meines Vordermannes unterzubekommen. Also muss ich einen Fuß in den Gang stellen. Mit dem Erfolg, dass mir jeder Passagier auf dem Weg zum Klo auf die Zehen steigt. Und die Stewardess fährt auch noch mit ihrem Getränkewägelein drüber. Drei Reihen vor mir füllt ein junger Mann seine Spucktüte. Wir sind noch nicht einmal abgehoben, und ich finde es schon absolut grauenhaft im Flugzeug. Wie man freiwillig Stewardess werden kann, ist mir in diesem Zusammenhang ein absolutes Rätsel.

Eine Unterhaltung zum Zeitvertreib ist mir an Bord leider nicht möglich. Gleich nach dem Takeoff gehen mir beide Ohren zu und ich bin praktisch taub. Da ist es nur bedingt lustig, sich in Zeichensprache mit dem Partner zu unterhalten. Da der Akku meines iPods dummerweise alle und auch das letzte Taschenbuch ausgelesen ist, beschließe ich, mich mit dem Fernsehprogramm an Bord zu beschäftigen. Schließlich habe ich dem Thema Computer zwei Wochen lang völlig abgeschworen. Und bin für Digitales aller Art wieder sehr empfänglich.

Von der Seite sieht man gar nichts

Alle paar Sitzreihen senken sich kleine LCD-Bildschirme aus der Kabinendecke. Besonders gute Bildschirme kommen da anscheinend nicht zum Einsatz. Aus größerer Entfernung lassen sich die Texte auf dem Schirm bereits nicht mehr lesen. Schaut man hingegen von der Seite drauf, also vom Fenster oder vom Gang, so verschwimmt das ganze Bild, wie man das von uralten TFT-Monitoren kennt. Im Grunde genommen hat immer nur ein einzelner Passagier ein optimales Bild vor Augen, während sich alle anderen Fluggäste ganz schön verrenken müssen, bevor sie etwas zu sehen bekommen. Da wäre es doch viel effizienter, jedem Passagier einen eigenen Monitor zu spendieren, der direkt in die Rückseite des Sitzes vom Vordermann eingelassen ist.

Einen Ton passend zum Bild gibt es von Hause aus nicht. Um zu hören, was zu hören ist, muss ich erst für drei Euro einen Plastik-Kopfhörer kaufen. Der wird direkt in die Armlehne an meinem Sitz eingestöpselt. Natürlich bin ich schlau und hole den Kopfhörer von meinem iPod aus dem Rucksack. Zu blöd: Der Kopfhörer im Flugzeug muss mit zwei Klinken-Steckern ausgestattet sein, damit er in die Armlehne passt. So ein Mist. Jetzt habe ich keinen Kopfhörer mehr abbekommen und kann nicht hören, was da passend zum ausgestrahlten Fernsehprogramm gesabbelt wird. Doch es ist halb so wild: Viel verpasse ich anscheinend auch nicht.

Brauche ich diese Informationen wirklich?

Das Programm, das mir während des Fluges präsentiert wird, ist so langweilig, dass es eigentlich schon wieder Methode haben muss. Natürlich erwarte ich in der Luft keine Zusammenstellung der "100 schlimmsten Flugzeugabstürze". Stattdessen wird mir aber nur minutenlang eine grobe Computergrafik angezeigt, die ein animiertes Flugzeug auf einer Landkarte platziert und mir auf diese Weise mitteilt, wie weit wir schon gekommen sind. Irgendwo zwischen Wien und Budapest sind wir also. Sinnvoller wäre es allerdings, wenn man mir nicht nur einen Ausschnitt der Landkarte präsentieren würde. Würde die Karte Antalya und meinen Zielflughafen Berlin gemeinsam auf der Karte anzeigen, so könnte ich an der Position des eingeblendeten Flugzeuges gut ablesen, wie viel Prozent der Strecke wir bereits gemeistert haben. Stattdessen lese ich aber nur, wie schnell wir sind und dass es draußen 40 Grad Minus hat. Aber wer möchte in dieser Höhe schon auf den Tragflächen spazieren gehen?

Okay, ich weiß jetzt, wo wir in etwa sind, wie schnell wir sind und wie kalt es ist. Das ist aber kein abendfüllendes Programm. Drei Stunden bin ich im Flieger eingesperrt. Es muss ja nicht unbedingt "Die Alm" sein, die mir im Flugzeug kredenzt wird. Aber etwas in der Art wäre schon ganz nett. Stattdessen sendet der Touristenbomber aber nur PR-Videos von verschiedenen TUI-Hotels, die ich anscheinend gleich buchen soll, kaum dass ich von meinem aktuellen Urlaub zurückkomme. Ohne Ton wirken diese Präsentationen noch langweiliger, weil ständig nur sterile Bauten und lachende Hochglanzfamilien gezeigt werden. Ich nehme das Wort "Langeweile" wieder in meinen Wortschatz auf und füge auch noch einen Exponenten hinzu, als die ganze Werbemaschine noch einmal wiederholt wird. Und noch einmal. Und noch einmal.

Nur die Blondine im Film ist entspannt

Es ist schon spät abends. Mit viel Mühe haben wir die Kinder in den Sitzen zum Liegen animiert, ihnen die Schuhe ausgezogen und sie auch dazu bewegt, die Augen zuzumachen. Da schaut meine Tochter Alisa aus Zufall auf den Monitor - und entdeckt: "Micky Maus! Super!" Die Kinder sind plötzlich wieder hellwach und sitzend klatschend in ihren Sitzen. Micky Maus freundet sich im Film mit einer Robbe aus dem Zoo an, was sein Hund Pluto gar nicht so toll findet. Diese Handlung versteht man auch ohne Ton. Gut, sollen die Kinder ruhig fernsehen. Doch als Babysitter taugt der Bordfernseher nichts. Nach fünf Minuten ist der Kurzfilm auch schon wieder vorbei. Das Gesetz der Serie kennt man im Flugzeug anscheinend nicht: Es gibt keinen Nachschlag. Stattdessen werden die Kinder darüber informiert, dass sie im nächsten Jahr doch vielleicht nach Tunesien fliegen könnten. Kamele huschen durch das Bild. Linus schmollt: "Ich will noch einen Micky-Maus-Film sehen". Die Stimmung sinkt, die Kinder sind wieder wach. Im Bordfernsehen springt eine sichtlich entspannte Blondine in einen azurblauen Swimming Pool.

Das war es auch schon mit dem ausgestrahlten Programm. Es gibt irgendwann noch einen zweiten Disney-Film, regelmäßig eingeblendete Informationen zum Flug und weitere Werbemaßnahmen. Ich bin zutiefst enttäuscht. Da hat man tatsächlich die Möglichkeit, die eingepferchten Passagiere zu unterhalten, sodass sie ihre vorübergehende Gefangenschaft vergessen könnten - und dann strahlt man solch ein Nullprogramm aus. Wie wäre es denn stattdessen mit einem Kinderblock, der eine Stunde lang nur Trickfilme zeigt? Mit einem Live-Bild aus dem Fenster der Piloten? Mit einem echten Hollywood-Film auch auf Kurzstrecken? Wenn kostenlose Print-Magazine verteilt werden können, müsste es doch auch möglich sein, den "Schuh des Manitu" oder etwas in der Art zu zeigen? Als ich dann aber die Stewardess mit einem antiken Magnetspeicherband hantieren sehe, falle ich vom rechten Glauben ab. Steckt da noch analoge Technik dahinter? Ist das noch immer nicht digital?

Bei dem Preis für meine Reise verlange ich aber schon mehr: Etwa: Jeder Fluggast bekommt ein eigenes Terminal mit Touchscreen-Monitor. Hier kann der Fluggast dann sein eigenes Programm aus verschiedenen Bausteinen zusammenstellen oder aber zu einer Computerumsetzung wechseln, die das Laden von Spielen oder das Surfen im Internet erlaubt. Wie bitte? Das gibt es doch schon auf Interkontinentalflügen? Aber warum denn nicht im ganz normalen Touristenbomber? Leben wir in der Luft denn in der Service-Wüste?

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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