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Scheibes Kolumne: Magie und Glaubenskriege

Früher war vieles anders. Es gab Zeiten, in denen PCs noch mit dem Zusatz "IBM-kompatibel" versehen wurden, um sie von anderen Rechnern zu unterscheiden. In den Jahren, in denen Commodore, Atari und andere Hersteller noch für echte Konkurrenz sorgten, war das Verhältnis zum Computer viel emotionaler ausgeprägt als heute, erinnert sich stern.de-Gastkolumnist Gregor Franz.

Computer sind heute mehr denn je ein Massenprodukt. In Deutschland, aber auch in vielen anderen Industrienationen, hat die Anzahl der PCs in den Haushalten einen Höchststand erreicht. Phänomene wie Ebay, E-Mail und Internet haben auch die eigentlich technikuninteressierte Hausfrau oder den überarbeiteten Bauarbeiter zu diesem neuen, sinnvollen Utensil geführt.

Schicksalsgemeinschaften

Doch etwas ist dabei verloren gegangen. Das Flair von einst, die Magie, die die heutzutage überalterten Rechner von früher umgab, bringen nagelneue Fabrik-PCs mit dem Windows-Standard einfach nicht mehr mit. Diejenigen Leser, die schon früh mit Computern in Berührung gekommen sind, werden sich erinnern. Ob VC 20, C64, Schneider CPC, Acorn Archimedes, Atari XL und ST oder der Commodore Amiga - all diese Rechner waren etwas Besonderes. Ihr Besitz markierte, abhängig vom jeweiligen Typ, die Zugehörigkeit zu einer Art Schicksalsgemeinschaft.

Gleichgesinnte Computerbegeisterte fanden sich schnell zusammen, tauschten sich aus und frönten Ihrem Hobby. Vom Klischee des vereinsamten, die Sonne scheuenden PC-Freaks, konnte keine Rede sein. Für Furore sorgten damals unter den Fans kursierende so genannte "Demos". Diese Programme zeigten, zu was der jeweilige Computer wirklich fähig war, indem sie seine Hardware mit vielen spektakulären Sound- und Grafikeffekten so richtig ausreizten. Programmierer und Computer-Künstler bündelten ihre Kreativität und fanden sich in Demo-Gruppen zusammen. In der entstandenen Szene versuchten sich diese Gruppen mit immer aufwendigeren und besser arrangierten Demos gegenseitig auszustechen und erreichten so ein hohes Niveau.

Wenn der Segen zum Fluch wird

Die "Schicksalsgemeinschaft" hatte aber auch eine Schattenseite: Die Abhängigkeit vom Wohl des Computerherstellers. Davon hing auch die Zukunft des eigenen Rechners ab. Ging die Firma Pleite, drohte der teuer angeschaffte HiTech-Bolide zu einem Haufen wertlosen Elektronikschrotts zu verkommen. Was die individuelle Besonderheit ausmachte, die Nicht-Konformität zu irgendwelchen Standards, drohte nun zum Fluch zu werden.

Tatsächlich verschwanden in den 80ern und 90ern des letzten Jahrhunderts unzählige kleine und größere Computer-Anbieter vom Markt. Die Anwender ihrer Produkte standen plötzlich im Regen. Irgendwann mussten Sie die Entscheidung zum Wechsel treffen. Doch in welches Lager sollten sie übergehen? Welcher Hersteller hatte gute Aussichten zu überleben? Mit welchem Rechnertyp würde man bei seinen Freunden gut ankommen und vor allem: Welcher Wechsel ließ sich mit seinen Überzeugungen vereinbaren?

Kleinkriege

Denn dies war ein weiterer negativer Aspekt dieser Zeit: die Teilung in verschiedene Anwender-Lager. Zwischen manchen Fans wurden erbitterte Glaubenskriege ausgefochten, zum Glück nur mit verbalen Attacken. Der Commodore Amiga sei der beste Computer von allen, behaupteten die einen, der Atari ST sei der einzig Wahre, konterten die anderen. So ging es unversöhnlich hin und her. Dem staunenden Zeugen wurde bewusst, dass der Begriff "Fan" von Fanatismus hergeleitet ist. Die meisten der ganz harten Fans sind inzwischen mit fliegenden Fahnen "übergelaufen" und nutzen längst den PC. Ob sie wohl "ihren" Kampf als Nutzer von nVidia-Grafikkarten gegen ATI-präferierende Anwender weiterkämpfen?

Die verstohlene Frage im Vertrauen, welchen Rechner der Gesprächspartner eigentlich einsetze, wird schon lange kaum noch gestellt. Die Antwort ist einfach nicht mehr von Interesse. Ob Apple, Linux oder, wie zumeist, Windows-PC, spielt nicht mehr die entscheidende Rolle. Das Werkzeug Computer ist nach kurzer Zeit sowieso veraltet. Worauf es ankommt, ist, dass die Hausfrau, der Bauarbeiter und der PC-Journalist zuverlässig ins Internet kommen, bei Ebay mitsteigern und gelegentlich mal einen Brief abfassen können.

Etwas fehlt...

Das frühere besondere Flair des Computers an sich ist verpufft. Mit dem Brennen von DVDs, dem Bearbeiten eigener Fotos und Videos oder dem Empfang digitalen Fernsehens am heimischen PC, gibt es noch genügend Raum für Faszination. Trotzdem ist es ein wenig langweiliger geworden ohne die Magie und Glaubenskriege.

Eine Glosse von Gregor Franz, Typemania (Urlaubsvertretung für Carsten Scheibe)

DPA
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