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Scheibes Kolumne: Musik-Zapfanlage

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe hört den ganzen Tag Musik - und kann gar nicht mehr ohne. Inzwischen nutzt er die zwei ganz besondere Online-Dienste, um sich legal und zum Nulltarif mit frischen Songs zu versorgen.

Gute Musik muss nicht teuer sein

Gute Musik muss nicht teuer sein

Vor einigen Jahren habe ich mir gezielt einen Tag Auszeit gegönnt und alle meine CDs in den Rechner überspielt. Jetzt sammelt iTunes knapp 10.000 Songs. Sicher, es könnten mehr sein. Aber ich habe meine Musik immer ehrlich gekauft und darauf verzichtet, die kursierenden Festplatten mit ihren abertausend Raubkopien in die Nähe meines Rechners zu lassen. Auch heute noch kaufe ich ein neues Album schnell bei iTunes oder Amazon, wenn ich es unbedingt haben möchte. Zuletzt die neuen Scheiben von Fehlfarben, Sade und Peter Gabriel.

Was mir aber fehlt, sind die Zeiten der goldenen Achtziger, als wir ständig auf der Suche nach neuen Bands waren und stolz wie Oskar waren, wenn wir Bands wie Spear of Destiny, Nine Horses oder Blancmange "entdecken" konnten - tolle Musik eben, die nicht in den Charts zu finden war und die unsere Klassenkameraden noch nicht kannten. Heute stelle ich fest, dass im Radio nur noch Einheitsbrei gespielt wird und ich Probleme damit habe, neue Bands für mich zu finden.

Da kam ein Geheimtipp aus dem Web gerade Recht. Ich solle mir doch einmal Jamendo.com anschauen. Jamendo.com ist ein Online-Portal für aufstrebende Bands aus aller Welt, die noch keinen Plattenvertrag haben und halbe oder vollständige Alben zum kostenlosen Download durch die neugierigen Privatanwender freigeben. Die Bands versprechen sich auf diese Weise mehr Promotion, neue Fans und den einen oder anderen Direktverkauf. Das Konzept scheint aufzugehen, denn auf Jamendo sind zurzeit 31.151 Alben verfügbar.

Ungewönliche Entdeckungen aus aller Welt

Die Alben lassen sich nach der aktuellen Popularität, aber auch nach Genres sortieren. Ich habe mir zum Start einmal die beliebtesten Alben anzeigen lassen, um hier gezielt nach Titeln aus Bereichen wie Reggae, Chillout, Lounge, Piano Accustic oder Electro Ambient zu suchen. Dabei habe ich viele Bands aus ungewöhnlichen Ländern wie Tunesien, Frankreich oder Spanien aufgetan, die ansonsten so noch nicht auf meinem musikalischen Speisezettel standen. Ein Mausklick reicht aus, um ein ZIP-Archiv mit den gesammelten MP3s, einem Infozettel und dem JPG des Plattencovers zu downloaden.

Natürlich habe ich beim Download viele Nieten gezogen und diesen auch gleich wieder gelöscht. Heute aber läuft schon den ganzen Tag die französische Jazz-Bossa-Chansonette Maya de Luna rauf und runter, von der ich mir nun auch noch die anderen drei Scheiben von Jamanedo holen werde, so stark finde ich ihren Gesang in diesem aufregend-lasziv-erotischen Französisch. Begeistert haben mich auch Botany Bay, die Band No, Really, die aufregende Dazie Mae (Album: Velvet Dress & Stockings), Afrika Freedom (geiler Reggae) und The Dada Weatherman - das sind meine ersten Anspieltipps. Und ich wette, dass es da noch viel mehr zu entdecken gibt.

Für die Charts und die "normale" Musik habe ich bislang immer flatster genutzt. Doch da ist mein Account ausgelaufen und ich ziehe weiter. Jetzt bin ich bei ZeeZee gelandet. Das ist auch eine Musikwunschmaschine, sie findet aber komplett im Web statt. Nach einer kostenlosen Anmeldung kann ich gleich loslegen. Der Web-Dienst zeigt mir immer die aktuellen Top-100-Charts mit den neuesten Titeln etwa von Ke$ha, Lady Gaga und The Black Eyed Peas an. Möchte ich einen Titel haben, so kommt er zunächst per Mausklick auf eine interne Wunschliste. Anschließend überprüft ZeeZee, ob dieser Titel irgendwo in einem Online-Radio gespielt wird. Ist dem so, packt ZeeZee den Song für mich in einen Online-Musikspeicher, den ich leeren kann, wann immer ich möchte. Die Songs landen dann als MP3-Datei auf meiner Festplatte.

Dieser Mitschnitt ist so legal wie früher das Aufnehmen von Songs aus dem Radio auf Kassetten. Schließlich zahlen die Online-Radios GEMA-Gebühren für die Ausstrahlung der Songs. Und die Anwender zahlen Gebühren an die Verwertungsgesellschaften, wenn sie einen neuen PC, einen Brenner oder Speichermedien kaufen.

Der kostenlose Account von Zeezee schließt leider nur den kostenfreien Zugriff auf die wöchentlich aktualisierten Top-20-Songs der Top-100 Charts ein. Ich werde mir wohl den Star-Tarif sichern, der ab 6,99 Euro im Monat zu haben ist und die Top 100 Charts, neue Alben und eine freie Suche nach Titeln einschließt. Bei nur einem Album-Download pro Monat hat sich die Ausgabe schnell wieder amortisiert.

Andere Musikfreunde zapfen lieber ein Online-Radio an und nehmen alle Songs auf, die hier gespielt werden. Ich schätze es aber mehr, gezielt einzelne Songs zu suchen und zu finden. So viel Zeit habe ich ja auch nicht für die Musikbeschaffung.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania