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Scheibes Kolumne: Schrottige Software

Der Handel mit Computer-Software liegt am Boden. Vor allem Low-Cost-Produkte lassen sich kaum noch an den Mann bringen. Die Freunde von Kolumnist Carsten Scheibe finden ziemlich schnell heraus, woran das liegt.

Heute gehen wir Jungs wieder schön essen. Ich habe bei uns in Falkensee eine neue Pizzeria mit Steinofen und 36-Zentimeter-Pizzen ausfindig gemacht, die wir noch einmal gemeinsam testen möchten. Da ich an diesem Tag länger arbeiten muss, holen mich Cookie, Jörgi und Robert im Büro ab. Es klingelt und mein Mitarbeiter Gregor lässt die Meute hinein. Noch fünf Minuten, bettele ich, aber die Jungs sind eh beschäftigt. Bei uns steht ein Tisch im Büro, auf dem stapelt sich immer die neueste Software, die frisch per Post eingegangen ist, und die wir testen sollen. Normalerweise sind die Programme immer heiß begehrt und ich muss aufpassen, dass mir keiner der Kumpel eine Software klaut, die ich noch brauche.

Dieses Mal ist es anders. Robert hat die meisten Titel bereits gesichtet und fragt angesichts der CDs schockiert: "Wer soll denn diesen Mist kaufen? Das ist ja obergrottig." Er schüttelt den Kopf und Jörgi setzt noch einen drauf: "Das ist die typische Low-Cost-Software. Eben Programme zum kleinen Preis. Wobei kleiner Preis meistens bedeutet, dass man dafür um die 24,95 Euro ausgeben muss."

Wer wird Kreuzworträtsel-Champion?

Cookie hält eine CD in der DVD-Verpackung hoch: "Schau mal, ich habe hier einen Kreuzworträtsel Champion gefunden. Der bietet mir 111.111 fertige Kreuzworträtsel, einen professionellen Kreuzworträtselgenerator und auch noch ein Lexikon mit über 375.000 Lösungen. Was soll ich damit? Ich konnte Kreuzworträtsel noch nie leiden."

Jörgi fasst Cookie an der Schulter und schaut ihn mitleidig an: "Später, wenn dir erst einmal die Frau und die Kinder weggelaufen sind, sitzt du einsam in deiner 1-Zimmer-Wohnung und löst die Kreuzworträtsel in alten Zeitungen aus dem Altpapier. Und immer dann, wenn du eine bestimmte Lösung nicht weißt, wirst du froh sein, bereits in guten Zeiten dieses Programm gekauft zu haben, damit du am Bildschirm nachschlagen kannst, was da gerade für ein Wort verlangt wird." Robert schüttelt den Kopf: "Völliger Schwachsinn: Wer kauft so etwas?"

Coole Partys statt Schwertschwingerei

Ich höre mit einem Ohr zu, muss aber noch einen Artikel fertig machen. Cookie hat inzwischen das nächste Programm gefunden: "Hier schaut mal, Superstar Rivals. Im ultimativen Superstar-Rollenspiel soll ich den Superstar von morgen finden und meine Rivalen im Regen stehen lassen. Meinen Superstar soll ich auf coolen Partys in Szene setzen und voll abtanzen und so. Unglaublich."

Jörgi protestiert: "Ich kann den Superstar-Mist echt nicht mehr hören. Das habe ich doch rund um die Uhr im Fernsehen. Warum sollte ich mir das auch noch für zu Hause kaufen? Spaß machen würde das doch eh nur, wenn Dieter Bohlen im Rechner sitzt und mich per Mausklick beschimpft. Aber so richtig. Als wenn ich eine männliche Verona wäre."

Robert meint: "Das muss ich mir echt nicht geben. Das soll ein Rollenspiel sein? Sorry, aber da bin ich konservativ. In einem Rollenspiel bekomme ich ein Schwert in die Hand gedrückt, sammle Schätze ein und prügele mich mit den Bösewichtern. Ein wenig Zaubern muss natürlich auch sein." Robert schwingt die Arme empor und wedelt mit einem imaginären Zauberstab. Zack, schon fallen zwei Software-Stapel um.

Mit dem Notebook in die Küche

Cookie fängt eine neue CD aus der Luft auf. "Guck mal, die Weihnachtsbäckerei. Welcher Volldepp kauft sich denn ein Kochbuch für den Computer? Da schleppe ich dann Weihnachten den ganzen Computer mit in die Küche? Wenn wir Plätzchen backen, dann ist der Arbeitsbereich in der Küche meist so extrem vollgestopft, dass da kein Notebook mehr Platz finden würde. Und dann diese Vorstellung: Mit fettigen Fingern die Tasten bedienen, während das staubige Mehl sich am Bildschirm festfrisst. Ein echter Horror."

Jörgi wendet ein: "Du kannst dir doch die besten Rezepte ausdrucken." Cookie winkt ab: "Dann kauf ich mir gleich ein Buch. Oder hol mir die Rezepte aus dem Internet. Sorry. So etwas würde ich mir nie kaufen. Ganze Generationen längst verstorbener Keks-Expertinnen haben ihre Rezepte nicht an ihre Nachkommen weitergegeben, damit sie am Ende schnöde digitalisiert im Computer landen. Das gehört am besten in eine handgeschriebene Kladde und fertig." Cookie wirft die CD in den Müll. Ich springe von meinem Schreibtischstuhl auf und eile herbei, um sie zu retten: "Ey, die muss ich noch rezensieren."

Snooker-Spieler verzweifelt gesucht

"Findest du diese Scheiben etwa gut?", werde ich gefragt. Ich verneine und verweise darauf, dass wir einen Teil der Rezensionsexemplare gezielt bestellen, viel Schrott aber auch vollautomatisch zugeschickt bekommen. "Hier, schaut mal", sage ich und hebe eine CD namens Live Snooker hoch. "Den Firmen gehen echt die kleinen Spiele aus. Snooker ist eine Billard-Variante, die in England sehr bekannt ist, in Deutschland aber nur von fünf, sechs eingeweihten Leuten gemeistert werden kann. Beim Snooker kommt ein viel größerer Billard-Tisch zum Einsatz. Die Regeln sind dabei so weit von unserem Pool-Billard entfernt, dass es einfach keinen Sinn macht, dieses Spiel zu lokalisieren."

Jörgi freut sich: "Da hat sich bestimmt so ein Produktmanager hingesetzt und sich gefreut, dass das Spiel in England so hohe Verkaufszahlen hat. Dann lokalisiert er es und hofft auf irre Zahlen im eigenen Land. Und - puff - nix passiert. Göttlich."

Handgezeichnet? Kann ja nichts werden

"Komm, wir gehen", sagt Jörgi. Er hat Hunger. "Und deine komische Software kannst du echt behalten." Er hält eine letzte CD hoch, auf der steht: Das 4000 Cliparts Paket. "Guck mal, hier steht, dass alle Bilder zu 100 Prozent handgezeichnet sind. Wenn das schon drauf steht, dann kann das ja auch nichts mehr werden."

Wir drehen die CD um und schauen uns die Beispielbilder an. "Tatsächlich, die sehen voll scheiße aus", meint Robert. "Das ist wie bei den Superstars", wirft Jörgi ein. "Da denken auch tausend Teenager, dass sie singen können. Und bei den Billig-Cliparts-Sammlungen denken die Zeichner auch, dass sie es draufhaben. Das Ergebnis und diese CD zeigen jedoch, dass sie es letztendlich doch nicht können, das Zeichnen." Ich winke ab: "Die paar schlechten Cliparts, die ich brauche, male ich mir doch selbst".

Wir lachen, packen die Software wieder auf den Stapel und gehen essen.

Eine Glosse von Carsten Scheibe

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